In der Orchid Lounge hat John Lennon mit Yoko Ono immer links vor dem Fenster gesessen. Angeblich aß er am liebsten Zimt-Apfelstrudel mit hausgemachtem Vanilleeis. Den kann man jetzt als Lennon-Strudel bestellen. Patrick Carey, der Empfangschef des Fujiya-Hotels , stellt sich gerne vor, Lennon habe Imagine an diesem Tisch geschrieben, aber dafür gibt es keinen Beleg. Nur Lennons einmonatige Anwesenheit ist im Gästebuch des Jahres 1978 verzeichnet. »John, Yoko und Sohn Sean«. Es gibt auch ein Foto. Ein schlaksiger Lennon mit Sonnenbrille und Hut vor dem Hauptgebäude.

Die Gästebücher des Fujiya, bewahrt seit der Eröffnung des Hauses im Jahr 1871, sind fast so etwas wie ein Gesamtverzeichnis aller prominenten Japanreisenden: Erzherzog Franz Ferdinand stieg 1893 dort ab, später kamen Einstein und Eisenhower, Premierminister, Generäle, Schauspieler, Künstler, Sänger und sogar berüchtigte Spione. Unter den Kurhotels rund um Hakone ist das Fujiya in Miyanoshita die graue Eminenz. Erbaut, um reisenden Ausländern westlichen Komfort zu bieten, hat es die Meiji-, Taisho- und Showa-Zeit überstanden und ist ohne wesentliche Veränderungen in der Gegenwart angekommen: charmant, ein wenig abgeschabt, mit unbequemen Betten, aber einer spannenden Geschichte. Wer im Haupthaus wohnt, schläft vielleicht in Nummer 48, dem ehemaligen Zimmer von Charlie Chaplin. Oder er bucht eine der Suiten, in denen bereits das japanische Kaiserpaar oder, Gott bewahre, die eiserne Lady Maggie Thatcher lagen.

Patrick Carey, Mitte 30, kam mit der US-Armee nach Japan und blieb der Liebe wegen. Obwohl er eine japanische Familie hat und die Sprache fließend spricht, gilt er weiterhin als gaijin, als Ausländer. Japanische Hotelgäste, vor allem die Mitglieder der Silbergesellschaft, wie Rentner in Japan freundlich genannt werden, biegen sofort zu Careys Kollegen ab, wenn sie ihn an der Rezeption vor sich sehen. Kein Problem, solange Carey mit Ausländern reichlich zu tun hatte. Doch die Amerikaner, Europäer, Australier, die dem Haus so lange einen multikulturellen Anstrich gaben, sind fort. Verschreckt von 3/11, wie der Tag der japanischen Dreifachkatastrophe in Anlehnung an den Tag der Terroranschläge in Amerika heißt. Verschreckt von der Vorstellung, die gefährliche Radioaktivität sei überall – selbst in Hakone, 370 Kilometer von Fukushima entfernt.

»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind«, sagt der Kellner

Momijigari, » Herbstlaub besehen«, nennen die Japaner Reisen zu jener Zeit, in der sich die Blätter verfärben. Zur Herbstsaison reisen Millionen Japaner in den Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark. Hakone ist dessen Hauptort. In der Nähe liegt der See Ashinoko und in Sichtweite, zumindest bei klarem Wetter, der Fuji, für die Shintoisten ein heiliger Berg, auf dem die Götter wohnen. Vulkane haben die Landschaft geprägt und aus der Ebene eine Kette von sanften Bergen aufgeschoben, dicht mit Laubwald bewachsen. Aus heißen Quellen strömt Wasser, das Hautkrankheiten heilt und Gelenkschmerzen lindert. Ein kompliziertes Pipelinesystem leitet es in die Becken von Hotels und traditionellen Gasthäusern und macht aus dem Nationalpark zugleich einen Kurort.

Am Tag des großen Bebens befand sich Carey auf dem Internationalen Flughafen Tokyo-Narita. Zwei Tage saß er dort fest, es gab kaum Essen und nur wenig Wasser. »Es hat mich schockiert, wie zerbrechlich die Normalität ist«, sagt er. »Aber darüber spricht man hier nicht.« Als er damals nach Hause kam, wollte nicht mal seine Frau genau wissen, was er erlebt hatte. Trotzdem: Der 11. März habe die Gesellschaft verändert. »Die Leute verbringen wieder mehr Zeit miteinander. Viele Familien und Paare zahlen unsere hohen Preise, um sich hier und heute etwas Gutes zu tun. Wir haben sehr viele Hochzeitsarrangements. In den Zeitungen steht, dass die Leute wieder heiraten.«

»Vielen Dank, dass Sie nach Japan gekommen sind«, sagt am nächsten Morgen der Kellner im Speisesaal und dreht die Silberschale mit dem Obstsalat so, dass der Hotelschriftzug zu sehen ist. Dann rückt er die gestärkte Serviette einen Millimeter nach rechts. »Viele trauen sich noch nicht.« Sanft lässt er ein heißes Croissant auf den Teller gleiten und weist in die Runde. Nur Japaner. Das sagt er nicht – aber er meint es. Die anwesenden Gäste halten den Kopf gesenkt und sprechen leise. Man kommt sich vor wie der Letzte seiner Art.