Deutschland im Jahr 2018. Die Finanzkrise ist vorüber, und die Bundesrepublik ist Vorreiter auf dem Weg zur neuen, technokratischen Gesellschaft. Die Bundeskanzlerin heißt noch Angela Merkel , aber ihre Macht hat die gelernte Physikerin freiwillig beschnitten.

Was getan wird, um die ökologische Wende zu schaffen, entscheidet nicht mehr das Parlament, sondern der neue unabhängige Klimarat. Seine fünf Mitglieder wurden von allen Professoren im Land in einer mehrstufigen Internet-Abstimmung gewählt. Die Höhe der Renten wird jedes Jahr von einem Computerprogramm bestimmt, das sowohl der Gerechtigkeit wie der Erhaltung des Wohlstands verpflichtet ist. Rentner wird man in Deutschland künftig mit 69,28 Jahren – das ist optimal, sagt der Computer.

Die wichtigen Ministerien in Merkels Kabinett werden von Experten geführt. Die deutschen Ökonomen haben aus ihren Reihen den Wirtschaftsminister via Internet bestimmt, die Juristen den Justizminister. »Basisdemokratisch und sachorientiert«, so nennt die Kanzlerin den neuen »Mix«. Über das Programm der CDU entscheiden längst die Parteimitglieder – per iPad auf der Wohnzimmercouch. Und zwar Punkt für Punkt. In jeder Streitfrage kann der Einzelne festlegen, ob er sich einmischt – oder ob er seine Stimme lieber einem Experten überantwortet.

Das könnte die Zukunft sein. Rund hundert Jahre nach Thorstein Veblens amerikanischem Traum von der technocracy steigt der Druck auch in der Gegenwart: Lasst die Experten ran! Oder wie Veblen gesagt hätte: Wir brauchen eine von Technokraten verwaltete Wirtschaft und Gesellschaft ohne Politikwirrwarr, in der entlang der offensichtlichen und natürlichen Linien das Richtige entschieden wird.

Gleich aus drei Richtungen ist der Druck zu spüren.

Zuallererst aus dem Internet. Die »flüssige Demokratie« , auf der zum Beispiel die Piratenpartei aufbaut, soll die Bürger direkt beteiligen und gleichzeitig das Gewicht der Experten erhöhen. Die Internetteilnehmer zu Hause sollen über einzelne Punkte statt nur über das fertige Programmpaket ihrer Partei abstimmen dürfen. Aber sie können ihre Stimme eben auch an sachverständigere Menschen delegieren. Schwarmintelligenz, verbunden mit Fachwissen, das ist auch der Modus Vivendi der Occupy-Bewegung . Heute für einzelne Gruppen, morgen vielleicht für die Republik.

Auch viele Unternehmer und Manager wollen mehr Experten am Ruder sehen, wie sie im kleinen Kreis oft fordern. Die heutige Politik denkt ihnen zu kurzfristig, scheint auf Wahlen fixiert statt darauf, im Wettbewerb mit China zu bestehen. Dort lenken tatsächlich Fachleute große Teile der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. So was brauchen wir auch, heißt es dann, aber natürlich demokratisch.

Vielen sind Zentralbanken ein Vorbild, auch wenn deren Entscheidungen im Moment hochpolitisch sind. Im Prinzip verfolgen dort unabhängige Experten eng umgrenzte Ziele: Geldwert erhalten. Währung sichern. Wirtschaft flüssig halten.

Warum, so lautet das Argument, geht das nicht auch in der Renten- oder Gesundheitspolitik, über die sich heute die Politiker so oft in die Haare geraten? Das Parlament soll sich zugunsten solcher Zirkel selbst beschränken, damit das wirtschaftlich Richtige und nicht das politisch Opportune geschieht. Außerdem sähen es viele Führungskräfte gern, wenn Leute aus ihren Reihen Minister würden – Fachleute eben. Allerdings sagt der Einzelne dann oft noch, er selbst würde sich den politischen Tort nicht antun wollen.

Derzeit ist es die Schuldenkrise, die gläubigen Technokraten am meisten in die Hände spielt. In höchster Not haben Griechenland und Italien ihre Regierungen zwei ausgewiesenen Experten anvertraut. In Athen versucht der Zentralbanker Lucas Papademos noch, mit einem Kabinett aus gelernten Politikern sein Land vor der Pleite zu bewahren. Mario Monti , der Italien retten soll, geht bereits einen Schritt weiter und holt statt gewählten Volkstribunen lauter Experten aus Theorie und Praxis in sein Kabinett. Nach den Berlusconi-Jahren wirkt das auf die wachsende Zahl der Italiener, die ihrer alten Chaos-Demokratie müde sind, wie eine Erlösung. Klar, so sagen Technokraten, wenn es hart auf hart kommt, dann zeigt es sich: Sachverständige sind in unserer schwierigen Welt die besseren Lenker des nationalen Schicksals.