Warum steckt der Kapitalismus in der Krise? Er steckt in einer Krise, weil er sich in einen Dritte-Welt-Kapitalismus verwandelt hat. Es geht wieder um Armut und um die Frage, wie man sie loswird.

Ich schreibe aus Lateinamerika. Für diese Region wurde, als der Realsozialismus gerade in Trümmern lag, der sogenannte Washington Consensus erfunden. Doch der Name dieses Wirtschaftsprogramms trügt. Er erweckt den Anschein, die von seinen »Anpassungsforderungen« betroffenen Länder hätten in Washington einen Konsens gefunden. In Wahrheit aber ist es eine Absprache jener, die diese Programme diktieren wollten: internationale Finanzagenturen mit Sitz in Washington wie die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Interamerikanische Entwicklungsbank. Es war wie im alten spanischen Sprichwort: Reunión de pastores, oveja muerta. Treffen der Hirten, Schaf tot.

Und tatsächlich sind seitdem einige Schafe geschlachtet, gebraten und verspeist worden. In den lateinamerikanischen Volkswirtschaften, schon damals die weltweit ungleichsten, hat sich die Kluft zwischen den wenigen Reichen und der wachsenden Menge der Armen vergrößert. Es ist die Kluft zwischen dem mexikanischen Telekom-Milliardär Carlos Slim, der in einem der am stärksten verarmten Länder zum reichsten Mann der Welt aufgestiegen ist, und seinen Millionen Landsleuten, die die US-Grenze illegal überqueren, um im Nachbarland schwarzzuarbeiten, weil es in Mexiko keine Jobs gibt.

Regierungen in Lateinamerika streiten meist vehement ab, dass die US-amerikanische oder die europäische Krise ihre Volkswirtschaften anstecken könnten. Sie seien »kugelsicher«, aber das stimmt nicht: Vielmehr ist die lateinamerikanische Wirtschaft an Krise gewöhnt – sie trägt sie in sich. Wenn man beispielsweise die Auslandsverschuldung betrachtet – die deuda externa, die wir seit dreißig Jahren in einem Wortspiel auch als deuda eterna (ewige Verschuldung) bezeichnen –, so ist auch die Krise eine crisis externa y eterna: schon immer da gewesen und schon immer von anderen abhängig.

Dann gibt es noch jene perverse Dynamik der Freihandelsabkommen, die lateinamerikanische Länder mit Wirtschaftsmächten wie den USA, der EU, Kanada und den »Tigerstaaten« unterzeichnet haben. So machen sie ihren Volkswirtschaften ohne protektionistische Rückendeckung (der Consensus untersagt es!) Konkurrenz durch stark subventionierte Volkswirtschaften. Meines Erachtens wird sich die Situation dadurch nur verschlimmern. Mexiko, dessen Wachstum seit dem Beitritt zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen stagniert, hat das bereits erlebt. Ebenso Chile, dessen Handelsbilanz mit den USA von einem komfortablen Überschuss in ein tiefes Defizit gestürzt ist, und Peru, das gerade den gleichen Weg geht. Kolumbien hatte bereits Abkommen mit der EU und Kanada, bevor es kürzlich eines mit den USA unterzeichnet hat. Nun stellt man fest, dass das Abkommen Landwirtschaft und Viehzucht schädigt und die Industrie lähmt. Brasilien bleibt das einzige Land mit der Kraft, die Unterzeichnung solcher Abkommen zu verweigern.

Hinzu kommt jene ungesunde Abhängigkeit von Geldsendungen. All die Dollars und Euros, die Dutzende Millionen Latinos aus den USA und der EU in ihre Heimatländer schicken, um ihre Familien zu unterstützen. In dieser Krise verlieren auch sie ihre Jobs oder werden gegen ihren Willen zurückgeschickt. Nicht ohne Grund haben die USA ihre Einwanderungsgesetze erneut verschärft. Für die peripheren und abhängigen Länder ist die Krise der Reichen eine Katastrophe.

Das alles aber, und darauf bestehe ich, ist nicht neu. In Lateinamerika war der Kapitalismus immer besonders grausam und ungerecht. So grausam und ungerecht wie einst in Europa, als Karl Marx ihn verurteilte und Charles Dickens seine Folgen beschrieb. Aber in Europa, und sogar im wilden Nordamerika der robber barons, entstanden bald legale und soziale Kontrollinstanzen. Dank ihnen gesellte sich zu der gigantischen, nie da gewesenen Fähigkeit, Reichtum zu schaffen, die Fähigkeit, diesen auch relativ demokratisch zu verteilen. Dazu trugen Gewerkschaften und Arbeiterparteien bei und letztlich auch Volksaufstände und soziale Revolutionen.

Wir leben heute in einer einzigen, globalisierten Dritten Welt

So wurde der Kapitalismus immer moderater, bis er sich irgendwann in den Kapitalismus »mit menschlichem Antlitz« des Wohlfahrtsstaats verwandelte. Ebenjenen Wohlfahrtsstaat, der heute in der Zwickmühle steckt. Die Kontrollinstanzen sind geschwächt oder gar verschwunden. Zurück bleiben die Ideen der neoliberalen Rechten: Thatcher, Reagan und ihrer Jünger. Gleichzeitig hat der Niedergang des Kommunismus schon längst die Angst vor Revolutionen verdampfen lassen. Erst diese Angst hatte den Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit möglich gemacht. Nun ist der Kapitalismus wieder bei den brutalen und erbarmungslosen Manieren seiner Anfänge angelangt.

Aus diesem Grund wurde ausgerechnet Lateinamerika, das zum Schlachtfest zu spät kam (»Alles begegnet uns zu spät... Sogar der Tod!«, klagte ein kolumbianischer Dichter zu Recht im 19. Jahrhundert), zum Vorbild des globalisierten Kapitalismus von heute. Der Washington Consensus, der nur für diese Region bestimmt war, ist inzwischen universelles Paradigma: Liberalisierung von Handels- und Finanzwesen, freier Waren-, aber nicht Personenverkehr, unkontrollierte Öffnung für jegliches Kapital, egal, woher es stammt oder wohin es geht, Privatisierungen und Deregulierungen – weniger Staat und mehr Privatsektor.

So geht es derzeit überall zu. Und die Folgen erleben heute nicht mehr nur die Lateinamerikaner. Auch die jungen »Empörten« auf der Puerta del Sol in Madrid, auf der Platia Syntagmatos in Athen und auf der Brooklyn Bridge in New York mit ihrem Aufschrei »Occupy Wall Street!« entdecken sie wieder wie in Zeiten von Karl Marx und Charles Dickens. Jobs sind rar, die Arbeitslosenversicherung schwindet, die Renten sinken, Bildung gibt es nicht mehr umsonst. Kurz: Es kommt der »Unwohlfahrtsstaat«.

Die Globalisierung hat der auseinandergenommenen sozialistischen Welt und der anschwellenden Dritten Welt keine Erste-Welt-Idylle beschert. Im Gegenteil: Wir leben heute in einer einzigen, globalisierten Dritten Welt.

Aus dem Spanischen von Britta Verlinden und Camilo Jiménez