Warum Krien und nicht Bremer? Warum Ruge und nicht Simon? Warum dieser scheinbar unersättliche Hunger der deutschen Literatur und ihres Publikums auf deutsche Geschichte, auf Genealogisches, Familiäres und der vergleichsweise geringe Appetit auf Gegenwart?

Dass die Frage neu wäre, kann man beim besten Willen nicht sagen. Sie erfüllt seit mindestens einem Jahrzehnt die Rolle des etwas nervtötenden Dauergastes, der bei jeder literarischen Podiumsdiskussion dabeisitzt, bei jeder Literaturdebatte mitgrummelt. Nur lässt sich, dass sie erledigt wäre, ebenso wenig behaupten, schon gar nicht mit Blick auf die aktuelle Buchsaison.

Auffallend ist es ja schon: Während Daniela Kriens kitschtriefend-dörfliche Wendezeitstory Irgendwann werden wir uns alles erzählen in den Buchkaufhäusern als Meterware ausliegt, erreicht Jan Peter Bremers höchst unterhaltsames, höchst gegenwartsrelevantes Meisterwerk Der amerikanische Investor eher den Kreis der Literaturspezialisten. Und während Eugen Ruges DDR-Epos In Zeiten des abnehmenden Lichts mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, die Bestsellerliste anführt und gerade zum neuesten deutschen Volksroman aufsteigt, schaffte es Simon Urbans schmissige, kühn-exzentrische DDR-Fantasie Plan D nicht einmal auf die Longlist des Buchpreises (ebenso wenig wie Bremer).

Dabei überrascht Plan D, dieses Romandebüt des 1975 geborenen Werbetexters und am Leipziger Literaturinstitut ausgebildeten Simon Urban, mit seiner Schubkraft literarischer Fantasie, mit einem genialischen Einfallsreichtum, der jeden Leser entzücken muss, der sich, bei aller Liebe zu Großvätern und Großmüttern, über deren Romanfähigkeit inzwischen ausreichend informiert fühlt. Urban steigt nicht ins Archiv deutscher Geschichte, er schreibt diese zur glatten Fiktion um. Er lässt die DDR wieder aufleben und bis heute, bis zum Herbst 2011, weiterexistieren. Denn in Plan D hat es keine Wiedervereinigung gegeben. In Plan D gibt es nach wie vor zwei deutsche Staaten, zwei Wirtschaftssysteme, zwei Regierungschefs, zwei Geheimdienste, zwei Alltagskulturen. Man wundert sich fast, dass vor Urban noch niemand auf diese Romanidee kam – und wundert sich nicht, wenn man bedenkt, wie stark die deutsche Literatur am Prinzip der realistisch-historischen Erinnerung haftet.

Vermutlich hatte die Kritikerin Ina Hartwig vollkommen recht, als sie kürzlich in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung junge Schriftsteller warnte, sich die Forderung nach politischeren oder aktuelleren Stoffen aufdrängen zu lassen, als handele es sich dabei um Kleider, die sich je nach Gelegenheit wählen und wechseln lassen. Nur drückt sich in der verqueren Forderung nach literarischer Pflichterfüllung ein nicht ganz so verqueres Unbehagen aus. Das Unbehagen am Überschuss historischer Aufarbeitungsliteratur, an einer bestimmten affirmativen Gefälligkeit des literarischen Zugriffs auf die immergleichen geschichtlichen Zeiträume, Topoi und Gegebenheiten – nicht zuletzt an der rätselhaften Konjunktur der DDR in der Romanproduktion dieses Jahres. Sollte der real existierende Sozialismus nach Hilbig, Wolf, Schulze, Tellkamp und ihren zahlreichen Kollegen tatsächlich noch nicht ausreichend erforscht, erzählt, aufgearbeitet sein? Oder bietet er sich als Erzählstoff auch deshalb an, weil seine kurze, abgeschlossene, mit zwei Generationswechseln darstellbare Epoche ein fertiges Romanmodell quasi frei Haus liefert?