Britische Soldaten mit deutschen Kindern, Lüneburg 1945 © Chris Ware/Hulton Archive

Es war fast eine Pioniertat, als die Journalistin Sabine Bode im Jahre  2004 ein Buch veröffentlichte über Kriegskinder und sie eine vergessene Generation nannte. Lange waren ja Berichte über das eigene Leid fast betreten verschwiegen worden in der öffentlichen Diskussion. Doch der Autorin ging es wahrlich nicht um moralische Aufrechnung oder gar um eine Verweigerung der Scham ob der nationalsozialistischen Taten. Ihr ging es darum, recherchieren und beschreiben zu dürfen, was unübersehbar war: Auch Kriegskinder hatten die Jahre nicht unversehrt überstanden. Bode hat damals einiges entdeckt in den Seelenkammern der Befragten und manche vermuteten Störungen und Prägungen bestätigt gefunden. Viele Kriegskinder haben sich in diesem Buch wiedererkannt, spürten die Erleichterung, endlich auch einmal von sich reden und lesen zu dürfen.

Bode schrieb einen zweiten Band über die Kriegsenkel. Und dann hat sie offenbar der Seriendrang gepackt. Denn nun gibt es die dritte Folge, in der es um Nachkriegskinder geht.

Auch sie haben zweifellos ihre Traumatisierungen, ihre schwierigen Kindheiten gehabt. Denn wie sollten ehemalige Mitläufer oder Mitmacher des nationalsozialistischen Regimes, wie sollten Schuldige oder Wegseher, Wehrmachtsoldaten oder SS-Kämpfer (die sich fast alle als Opfer empfanden) ihre Kinder entspannt und liebevoll erziehen? Wie sollten sie Maßstäbe vorleben, die sie selbst nicht hatten, wie Orientierungen geben, die ihnen doch verloren gegangen waren? Es galten nach wie vor die alten herzlosen Erziehungsnormen, die sich verbanden mit dem schlechten Gewissen und der Wut ob des eigenen so missglückten Lebens, mit den Verdrängungen und Verleugnungen dessen, was man gesehen, was man getan hatte. Da musste man hart bleiben, um nicht überwältigt zu werden. Ein Indianer kennt keinen Schmerz: Kaum ein deutsches Nachkriegskind, das nicht mit Sprüchen wie diesem aufgewachsen wäre.

Wütend prügelnde oder innerlich abwesende Väter, untergeordnete Mütter hat es überall und in vielen Familien gegeben. Sie haben viel Leid verursacht, wovon die Menschen erzählen, die Bode interviewt. Und dennoch wurde aus ihnen offenbar keine unglückliche Generation. Nun, da sie selbst älter sind, schauen sie milder auf die Eltern, die so oft versagten. Nun mischt sich eine Ahnung von Verständnis in den Zorn.

Das sind spannende Themen, weil die Erfahrungen dieser Generation das kulturelle Milieu der Republik geprägt haben und es immer noch tun. Und trotzdem fesselt das Buch nicht, bleibt es immer wieder im Beliebigen stecken. Bode erzählt von ein paar Begegnungen mit Betroffenen und zieht ein paar Schlüsse aus dem Gehörten. Stellt hin und wieder sogar so gewagte Thesen in den Raum wie die, dass das schlechte Gewissen, die Schamgefühle der Nachkriegskinder diese womöglich psychisch stabilisiert hätten. Doch es fehlt ein tieferes Eindringen in die Materie. Es fehlen neue Erkenntnisse.

Vielleicht liegt es daran, dass die Autorin, wie sie erzählt, gemeinsam mit ihrem Mann Seminare für Kriegsenkel veranstaltet. Vielleicht verschieben und verwischen sich deshalb die Grenzen zwischen analytischem und therapeutischem Ansatz, ist die gute Absicht der Tröstung der klaren Erforschung im Wege.

Zwei Höhepunkte allerdings gibt es in diesem Band: Interviews mit dem Historiker Sönke Neitzel (der zusammen mit Harald Welzer das Buch Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben herausgegeben hat) und mit dem Psychotherapeuten Jürgen Müller-Hohagen, dessen Bücher über Geschichte in uns, so einer der Titel, Pflichtlektüre sein sollten für alle, die sich mit dem Thema des seelischen Erbes des »Dritten Reichs« befassen. Hier lesen wir, was wir uns für das Buch gewünscht hätten: eine faktenreiche Analyse des Historikers, der die erschütternden abgehörten Soldatengespräche einordnet in die von ihnen empfundene soziale Realität des Krieges. Man handelt innerhalb gesetzter Rahmen und tut das sehr viel konformer als im Frieden – wichtig ist allein, »ein guter Soldat zu sein und zu überleben«. Unwichtig dagegen, »ob die Juden erschossen werden oder nicht«.

Und wir lesen kluge und eindringliche Auslegungen des Psychotherapeuten über die Sprachlosigkeit nach dem Krieg, über selektive Erinnerung und die Übertragung von »Täterhaftigkeit« auf die nachfolgende Generation. Da greift das Buch über unser Erbe hinaus, weil diese Erkenntnisse in vielem übertragbar sind auf die neuen Nachkriegskinder der neuen Kriege.