SachbuchDas kostbarste moralische Kapital

Arno Lustiger setzt endlich den Europäern ein Denkmal, die Juden gerettet haben

Vor dem Bundestag hat der Frankfurter Historiker Arno Lustiger, der Auschwitz überlebt hat, eine lange übersehene Gruppe von Helden gewürdigt: die Retter von Juden . »Der Begriff ›Widerstand‹, sagte Lustiger, »wird meist auf Aktionen beschränkt, die auf die Beseitigung des Naziregimes gerichtet waren, aber auch die Rettung der Juden war aktiver und dazu oft erfolgreicher Widerstand. Deshalb ist es wichtig, über die fast unbekannten, unbesungenen Helden des deutschen Rettungswiderstandes zu forschen und zu berichten.« Lustiger benutzte in seiner Rede erstmals das Wort »Rettungswiderstand«, so hat er auch sein neues Buch betitelt. Der Begriff ist inzwischen von der deutschen Widerstandsforschung als Terminus technicus akzeptiert.

Der Historiker Arno Lustiger bei einer Rede im Bundestag, hier im Jahr 2005

Der Historiker Arno Lustiger bei einer Rede im Bundestag, hier im Jahr 2005

Paul Grüninger in der Schweiz für Tausende Verfolgte tat, das haben deutsche Judenretter beispielsweise für den damals 17-jährigen Hans Rosenthal und Michael Degen getan. Um diese zu retten, bedurfte es einer Reihe von Helfern: Rosenthal tauchte in der Berliner Laubenkolonie Dreieinigkeit unter und überlebte bis zum Kriegsende in einem Versteck, wo er von den drei Berlinerinnen Ida Jauch, Emma Harndt und Maria Schönebeck unterstützt wurde.

Anzeige

Es waren zumeist einfache Menschen, die nie die Berühmtheit eines Oskar Schindler oder Raoul Wallenberg erreicht haben, gar nicht erreichen wollten, die allerdings über einen moralischen Kompass verfügten, der geeignet war, das ganze Universum zu retten. Was ein

Lustiger schildert die Rettungsbemühungen von Menschen, die es in ganz Europa in über dreißig Ländern gab, in Deutschland ebenso wie in den mit dem Nazireich verbündeten, in besetzten oder neutralen Staaten, überall dort, wo Juden an Leib und Leben bedroht waren. Er nennt die selbstlosen Helfer »Helden unserer Zeit« und das »kostbarste moralische Kapital«, das die europäischen Gesellschaften besitzen, weil sie die Ehre ihrer Mitbürger und der Menschheit während der barbarischsten Zeit bewahrt haben.

Mehr als 100.000 Menschen, so wird geschätzt, beteiligten sich an der Rettung von Juden. In Jad Vaschem , der nationalen Gedenkstätte Israels, wurden bislang über 23.000 Nichtjuden als »Gerechte« geehrt. Von den über 20.000 deutschen Judenrettern wurden nur 495 ausgezeichnet. Angesichts dieser Zahlen konnte auch Lustiger nur eine annähernde Vollständigkeit erzielen, wobei seine Auswahl von mehreren subjektiven Faktoren beeinflusst ist: Seine Kriterien sind nicht so streng wie die von Jerusalem. Er nahm ohne irgendeine Hierarchisierung auch Rettungstaten von Menschen auf, die bei der Auswahl von Jad Vaschem »durchfielen«. Retter kamen aus allen sozialen Schichten, neben Gräfinnen waren das Prostituierte, neben Intellektuellen Analphabeten, neben Offizieren einfache Soldaten. Jüdische Retter sind in Jad Vaschem von jeglicher Ehrung ausgeschlossen, obwohl viele von ihnen ihre Rettungsversuche mit dem Leben bezahlten.

Die Hilfsmaßnahmen erfolgten meist individuell; gleichwohl gab es auch ganze Netzwerke. Die Einzelnen wurden von ihrem Gewissen und von humanitären Motiven, manchmal auch von religiöser Überzeugung geleitet. In verschiedenen Fällen halfen antifaschistische Untergrundgruppen den verfolgten Juden, hauptsächlich durch das Ausfindigmachen von Verstecken. Gemeinsam war allen, dass sie Handlungsspielräume wahrnahmen, wo andere keine sahen.

Einen besonders ungewöhnlichen Fall schildert Lustiger: In den Jahren 1942 und 1943 beschlossen die Einwohner des niederländischen Dorfes Nieuwlande, jeder Haushalt solle eine jüdische Familie oder zumindest einen Juden verstecken. Angesichts des kollektiven Vorgehens war die Gefahr für das Dorf gering; man musste keine Denunziation befürchten, da alle Dorfbewohner gemeinsam handelten. Alle 117 Einwohner wurden als »Gerechte unter den Völkern« anerkannt.

Leser-Kommentare
  1. Bei allem Respekt, aber über 60 Jahre nach Kriegsende sollte Jad Vaschem seine Rolle weiter und universeller definieren. Sprechen wir über Folklore oder Gerechtigkeit unter den Völkern?

    Beispiel:
    Wer gedenkt den Opfern des Völkermordes in Osttimor und zieht seine Urheber zur Verantwortung?

    http://www.heise.de/tp/ar...

    Anderes Beispiel:
    Die SPD (ausser K. Liebknecht) hat beim Völkermord an den Armeniern bewusst weggeschaut.

    Oder:
    Was ist mit den Folteropfern in ägyptischen Kerkern. Das hat Israel sehr billigend in Kauf genommen. Wer gibt den Opfern einen Namen, wer entschädigt sie?

    Man könnte endlos so weitermachen.
    Einfach mal bei ai vorbeischauen.

    Nochmal: Entweder wir reden über Folklore, dann aber bitte auch so benennen. Oder wir reden über eine universelle Angelegenheit, dann aber ohne Opfer erster, zweiter und dritter Klasse.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ihrem Posting kann ich nicht zustimmen - und es ist auch in seiner Form ("Folklore") beleidigend und im Grund nicht akzeptabel.

    Yad Vashem soll ein ganz bestimmtes Verbrechen erinnern. Dieses Verbrechen - noch etwas ganz anderes als eine Menschenrechtsverletzung (was jene nicht besser macht) - ist es wohl wert, erinnert zu werden. Es gibt gar keinen Widerspruch zu einer universelleren Sichtweise. Die Geschichte ist zunächst einmal konkret. Und gerade für Israel - und auch für Deutschland - hat eben die Shoah eine ganz besondere Bedeutung.

    Nach Ihrer Sichtweise ist die Shoa vergleichbar mit Ihrer "endlosen Liste", was wiederum die Shoa zu etwas "normalen" machen soll. Da die Shoa nun füe Sie etwas "Normales" ist macht es auch die Täter zu etwas normalen und die Opfer noch viel mehr.

    Ihr Kommentar ist eine Verhöhnung der Opfer, eine Degradierung der Personen die sich dagegen gewehrt haben und vor allem eine Verstümmelung der Geschichte. Es ist der klägliche Versuch sich von der eigenen, offenbar falsch verstandenen Verantwortung zu befreien.
    Verantwortung heißt für jetzige Generationen nicht für die Tat an sich Verantwortung zu tragen, es heißt Verantwortung dafür zu tragen, dass es nicht vergessen wird und dadurch nicht wieder vorkommt.

    Verantwortung dafür zu tragen spricht vor allem für Größe, die fehlt Ihnen aber offenbar.

    Selbst wenn woanders Verbrechen geschehen, befreien diese Holocaust von ihrer Einzigartigkeit nicht! Fast alle Europaer haben gemeinsam 6 Millionen Juden vernichtet und den Preis dafür lassen sie heute die Palastineser bezahlen!

    Ihrem Posting kann ich nicht zustimmen - und es ist auch in seiner Form ("Folklore") beleidigend und im Grund nicht akzeptabel.

    Yad Vashem soll ein ganz bestimmtes Verbrechen erinnern. Dieses Verbrechen - noch etwas ganz anderes als eine Menschenrechtsverletzung (was jene nicht besser macht) - ist es wohl wert, erinnert zu werden. Es gibt gar keinen Widerspruch zu einer universelleren Sichtweise. Die Geschichte ist zunächst einmal konkret. Und gerade für Israel - und auch für Deutschland - hat eben die Shoah eine ganz besondere Bedeutung.

    Nach Ihrer Sichtweise ist die Shoa vergleichbar mit Ihrer "endlosen Liste", was wiederum die Shoa zu etwas "normalen" machen soll. Da die Shoa nun füe Sie etwas "Normales" ist macht es auch die Täter zu etwas normalen und die Opfer noch viel mehr.

    Ihr Kommentar ist eine Verhöhnung der Opfer, eine Degradierung der Personen die sich dagegen gewehrt haben und vor allem eine Verstümmelung der Geschichte. Es ist der klägliche Versuch sich von der eigenen, offenbar falsch verstandenen Verantwortung zu befreien.
    Verantwortung heißt für jetzige Generationen nicht für die Tat an sich Verantwortung zu tragen, es heißt Verantwortung dafür zu tragen, dass es nicht vergessen wird und dadurch nicht wieder vorkommt.

    Verantwortung dafür zu tragen spricht vor allem für Größe, die fehlt Ihnen aber offenbar.

    Selbst wenn woanders Verbrechen geschehen, befreien diese Holocaust von ihrer Einzigartigkeit nicht! Fast alle Europaer haben gemeinsam 6 Millionen Juden vernichtet und den Preis dafür lassen sie heute die Palastineser bezahlen!

  2. Ihrem Posting kann ich nicht zustimmen - und es ist auch in seiner Form ("Folklore") beleidigend und im Grund nicht akzeptabel.

    Yad Vashem soll ein ganz bestimmtes Verbrechen erinnern. Dieses Verbrechen - noch etwas ganz anderes als eine Menschenrechtsverletzung (was jene nicht besser macht) - ist es wohl wert, erinnert zu werden. Es gibt gar keinen Widerspruch zu einer universelleren Sichtweise. Die Geschichte ist zunächst einmal konkret. Und gerade für Israel - und auch für Deutschland - hat eben die Shoah eine ganz besondere Bedeutung.

    5 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "kleines Karo"
    • gorgo
    • 27.11.2011 um 22:08 Uhr

    Warum wurden die Retter so spät errinnert?
    In Deutschland wohl deswegen, weil sich Täter und Mitläufer hinter einer "Kollektivschuld"-These besser verstecken konnten. Wenn "alle" Nazis oder Mitläufer waren, dann konnte der Einzelne seine Verantwortung abgeben. Wenn aber tausende in einer Stadt wie Berlin ihr Leben aufs Spiel setzten, um Juden zu retten - dann erkennt man sehr viel schärfer die Schuld der zig-Tausenden und Millionen, die Heil Hitler geschrieen hatten.

    Warum so spät erforscht? Meine These: Die Generation der heutigen NS-Forscher entstammt zum größten Teil Famlien von Tätern, Mitläufern oder doch den Schweigenden. Auch diese Generation hatte offenbar wenig persönliches Interesse daran, sich mit der Tatsache zu konfrontieren, dass Tausende sogar ihr Leben riskierten, um den Nazis ihre Opfer zu entwinden. Auch diese Generation wollte nicht die ja aus anderen Gründen wichtige Idee der "deutschen" Kollektivschuld hinterfragen.
    Natürlich waren die Helfer eine kleine Minderheit, die große Mehrheit der Deutschen mit dem Regime konform oder doch ohne Widerstehen. Aber mit offenen Augen auf die Helfer von Juden und anderen Verfolgten kann man sich eben auch nicht mehr in die Scheingleichheit des "Nationalen" zurückziehen. Diese Scheingleichheit machte auch den ersten Forschergenerationen offenbar leichter, mit der Schuld (aktiv oder passiv verursacht) der Elterngeneration zu leben...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie fragen: "Warum wurden die Retter so spät errinnert? ...Warum so spät erforscht?"

    Weder das eine noch das andere war so spät. Auch stimmt es nicht, dass die Judenretter - wie im Artikel behauptet - nicht zum Widerstand gerechnet wurden. In dem von Steinbach/Tuchel herausgegebenen Sammelband;

    "Widerstand gegen den Nationalsozialismus",

    veröffentlicht 1994 von der Bundeszentrale für politische Bildung, heißt es (S. 399 f,):

    /Zitat
    Immer wieder fanden sich Menschen, die sich den Kontakt zu "Artfremden" und "Frenmdvölkischen", zu stigmatisierten "Staats- und Volksfeinden" nicht verbieten ließen oder Menschen auf der Flucht beistanden ... Günther B. Ginzel schätzt die Zahl jener Deutschen, die von der Deportation bedrohten Juden durch die Gewährung von Quartier, durch Hinweise auf bevorstehede Razzien, durch Hilfen bei der Beschaffung von falschen Papieren bis hin zur Organisierung von Lebensmittelkarten zur Seite standen oder wie etwa das Internationale Sekretariat der Quäker in Berlin direkt an Rettungsmaßnahmen beteiligt waren, auf etwa 100 000 Menschen.
    Zitat/

    In "Schlage die Trommel ..." (1987) beschreibt Maria Gräfin von Maltzahn (http://de.wikipedia.org/w...), wie sie nachts über den Bodensee schwimmend Verfolgte in die Schweiz brachte. Die Bücher von B. Beus (1987), G. Szepansky(1983, 1986) u. a. verneigen sich vor diesen unbekannten und unbesungenen Helden des deutschen Widerstandes

    Versagt haben die Medien: Schande über sie.

    • eras
    • 28.11.2011 um 10:55 Uhr

    "Meine These: Die Generation der heutigen NS-Forscher entstammt zum größten Teil Famlien von Tätern, Mitläufern oder doch den Schweigenden."

    Das ist jetzt mal eine ziemlich banale These. Da Täter, Mitläufer plus Schweigende wärend der Nazizeit 99% der Bevölkerung ausgemacht haben, sind logischerweise ihre Kinder überall in der Mehrheit - auch bei den Historikern.

    "Auch diese Generation wollte nicht die ja aus anderen Gründen wichtige Idee der "deutschen" Kollektivschuld hinterfragen."

    Wenn 99% der Bevölkerung in das Feld zwischen "unterlassene Hilfeleistung" und "Täter" fallen, wieviel Sinn ergibt dann das Hinterfragen der Kollektivschuld?

    Von einer "Scheingleichheit" kann übrigens keine Rede sein. In den entsprechenden Arbeiten wurden die Täter nie mit den Gleichgültigen in einen Topf geworfen. Aber auch Letztere tragen Schuld.

    Ich arbeite zum Thema und ich sehe täglich, wieviel Abgründe sich damals auch in der Mehrheit der "Nichtmordenden" aufgetan haben. Wenn mal wieder "Hausrat aus nichtarischem Besitz" zur Versteigerung anstand, dann stand die "normale" Bevölkerung mit Freuden in der Schlange. Wie schnell die "Schnäppchenmentalität" den moralischen Kompass ausschaltet, kann man auch heute noch des Häufigeren bestaunen.

    Die "Gerechten" sind eine kleine Minderheit, die beweist, dass auch unter den Nazis Menschlichkeit und Würde möglich war. Und man sollte sie nicht benutzen, um die Schuld der überwiegenden Mehrheit zu relativieren.

    • gorgo
    • 28.11.2011 um 15:09 Uhr

    "In Deutschland wohl deswegen, weil sich Täter und Mitläufer hinter einer "Kollektivschuld"-These besser verstecken konnten. Wenn "alle" Nazis oder Mitläufer waren, dann konnte der Einzelne seine Verantwortung abgeben. Wenn aber tausende in einer Stadt wie Berlin ihr Leben aufs Spiel setzten, um Juden zu retten - dann erkennt man sehr viel schärfer die Schuld der zig-Tausenden und Millionen, die Heil Hitler geschrieen hatten."
    Bitte nicht die Sätze einfach aus dem Zusammenhang reißen - diese These ist offenbar doch brisant.
    Die m.E. durchaus mangelhafte Erforschung der Retterinnen ist natürlich - auch - eine Generationenfrage und das Verhältnis von deutschen Historikern zur Eltergeneration immer ein Faktor. Hier hat sich zu wenig getan: Eine Handvoll Buchitel, größtenteils einige Jahrzehnte alt - das macht in der Wissenschaft noch lang kein respektables Forschungsthema oder einen aktuellen Diskussionszusammenhang - die Medien dürfen sich trotzdem auch gerne an die Nase fassen.
    Ich würde zudem noch davon ausgehen, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Deutschen dezidiert gegen Nazis waren, allerdings aus Angst geschwiegen haben. Diese Leute haben ohne Frage schwere Schuld auf sich geladen - aber sie gehören keineswegs in einen Topf mit den Tätern. Wer profitiert also von der Nationalisierung der NS-Verbrechen? Selbstverständlich behaupte ich volle politische Verantwortlichkeit von Deutschland als Staat in dieser Sache.

    Sie fragen: "Warum wurden die Retter so spät errinnert? ...Warum so spät erforscht?"

    Weder das eine noch das andere war so spät. Auch stimmt es nicht, dass die Judenretter - wie im Artikel behauptet - nicht zum Widerstand gerechnet wurden. In dem von Steinbach/Tuchel herausgegebenen Sammelband;

    "Widerstand gegen den Nationalsozialismus",

    veröffentlicht 1994 von der Bundeszentrale für politische Bildung, heißt es (S. 399 f,):

    /Zitat
    Immer wieder fanden sich Menschen, die sich den Kontakt zu "Artfremden" und "Frenmdvölkischen", zu stigmatisierten "Staats- und Volksfeinden" nicht verbieten ließen oder Menschen auf der Flucht beistanden ... Günther B. Ginzel schätzt die Zahl jener Deutschen, die von der Deportation bedrohten Juden durch die Gewährung von Quartier, durch Hinweise auf bevorstehede Razzien, durch Hilfen bei der Beschaffung von falschen Papieren bis hin zur Organisierung von Lebensmittelkarten zur Seite standen oder wie etwa das Internationale Sekretariat der Quäker in Berlin direkt an Rettungsmaßnahmen beteiligt waren, auf etwa 100 000 Menschen.
    Zitat/

    In "Schlage die Trommel ..." (1987) beschreibt Maria Gräfin von Maltzahn (http://de.wikipedia.org/w...), wie sie nachts über den Bodensee schwimmend Verfolgte in die Schweiz brachte. Die Bücher von B. Beus (1987), G. Szepansky(1983, 1986) u. a. verneigen sich vor diesen unbekannten und unbesungenen Helden des deutschen Widerstandes

    Versagt haben die Medien: Schande über sie.

    • eras
    • 28.11.2011 um 10:55 Uhr

    "Meine These: Die Generation der heutigen NS-Forscher entstammt zum größten Teil Famlien von Tätern, Mitläufern oder doch den Schweigenden."

    Das ist jetzt mal eine ziemlich banale These. Da Täter, Mitläufer plus Schweigende wärend der Nazizeit 99% der Bevölkerung ausgemacht haben, sind logischerweise ihre Kinder überall in der Mehrheit - auch bei den Historikern.

    "Auch diese Generation wollte nicht die ja aus anderen Gründen wichtige Idee der "deutschen" Kollektivschuld hinterfragen."

    Wenn 99% der Bevölkerung in das Feld zwischen "unterlassene Hilfeleistung" und "Täter" fallen, wieviel Sinn ergibt dann das Hinterfragen der Kollektivschuld?

    Von einer "Scheingleichheit" kann übrigens keine Rede sein. In den entsprechenden Arbeiten wurden die Täter nie mit den Gleichgültigen in einen Topf geworfen. Aber auch Letztere tragen Schuld.

    Ich arbeite zum Thema und ich sehe täglich, wieviel Abgründe sich damals auch in der Mehrheit der "Nichtmordenden" aufgetan haben. Wenn mal wieder "Hausrat aus nichtarischem Besitz" zur Versteigerung anstand, dann stand die "normale" Bevölkerung mit Freuden in der Schlange. Wie schnell die "Schnäppchenmentalität" den moralischen Kompass ausschaltet, kann man auch heute noch des Häufigeren bestaunen.

    Die "Gerechten" sind eine kleine Minderheit, die beweist, dass auch unter den Nazis Menschlichkeit und Würde möglich war. Und man sollte sie nicht benutzen, um die Schuld der überwiegenden Mehrheit zu relativieren.

    • gorgo
    • 28.11.2011 um 15:09 Uhr

    "In Deutschland wohl deswegen, weil sich Täter und Mitläufer hinter einer "Kollektivschuld"-These besser verstecken konnten. Wenn "alle" Nazis oder Mitläufer waren, dann konnte der Einzelne seine Verantwortung abgeben. Wenn aber tausende in einer Stadt wie Berlin ihr Leben aufs Spiel setzten, um Juden zu retten - dann erkennt man sehr viel schärfer die Schuld der zig-Tausenden und Millionen, die Heil Hitler geschrieen hatten."
    Bitte nicht die Sätze einfach aus dem Zusammenhang reißen - diese These ist offenbar doch brisant.
    Die m.E. durchaus mangelhafte Erforschung der Retterinnen ist natürlich - auch - eine Generationenfrage und das Verhältnis von deutschen Historikern zur Eltergeneration immer ein Faktor. Hier hat sich zu wenig getan: Eine Handvoll Buchitel, größtenteils einige Jahrzehnte alt - das macht in der Wissenschaft noch lang kein respektables Forschungsthema oder einen aktuellen Diskussionszusammenhang - die Medien dürfen sich trotzdem auch gerne an die Nase fassen.
    Ich würde zudem noch davon ausgehen, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Deutschen dezidiert gegen Nazis waren, allerdings aus Angst geschwiegen haben. Diese Leute haben ohne Frage schwere Schuld auf sich geladen - aber sie gehören keineswegs in einen Topf mit den Tätern. Wer profitiert also von der Nationalisierung der NS-Verbrechen? Selbstverständlich behaupte ich volle politische Verantwortlichkeit von Deutschland als Staat in dieser Sache.

  3. Nach Ihrer Sichtweise ist die Shoa vergleichbar mit Ihrer "endlosen Liste", was wiederum die Shoa zu etwas "normalen" machen soll. Da die Shoa nun füe Sie etwas "Normales" ist macht es auch die Täter zu etwas normalen und die Opfer noch viel mehr.

    Ihr Kommentar ist eine Verhöhnung der Opfer, eine Degradierung der Personen die sich dagegen gewehrt haben und vor allem eine Verstümmelung der Geschichte. Es ist der klägliche Versuch sich von der eigenen, offenbar falsch verstandenen Verantwortung zu befreien.
    Verantwortung heißt für jetzige Generationen nicht für die Tat an sich Verantwortung zu tragen, es heißt Verantwortung dafür zu tragen, dass es nicht vergessen wird und dadurch nicht wieder vorkommt.

    Verantwortung dafür zu tragen spricht vor allem für Größe, die fehlt Ihnen aber offenbar.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "kleines Karo"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mh123
    • 27.11.2011 um 23:21 Uhr

    Ist nicht vielmehr das Konzept, die Shoa nicht neben anderen Völkermorden zu sehen, sondern beständig als einzigartig zu bezeichnen, ein Versuch, sich vor eben dieser Verantwortung zu drücken?
    Natürlich darf man Unterschiede hervoben, etwa das Ausmaß der "Industrialisierung", mit der das Morden betrieben worden ist, aber sich dem Rassismus, dem Faschismus, der dieser Tage wieder aller Tage überall in Europa hervorkriecht, kann man sich doch nur gerade dann entgegen stellen, wenn man sieht, dass es gerade der "normale" Mensch, der gewöhnliche Kleinbürger hinter der Nachbarstür war, der den Völkermord am Ende verübt hat.

    (Ich möchte damit, nur um das anzumerken, nicht den ersten, mir etwas wirr erscheinenden, am Thema vorbeigehenden Kommentar verteidigen..)

    • mh123
    • 27.11.2011 um 23:21 Uhr

    Ist nicht vielmehr das Konzept, die Shoa nicht neben anderen Völkermorden zu sehen, sondern beständig als einzigartig zu bezeichnen, ein Versuch, sich vor eben dieser Verantwortung zu drücken?
    Natürlich darf man Unterschiede hervoben, etwa das Ausmaß der "Industrialisierung", mit der das Morden betrieben worden ist, aber sich dem Rassismus, dem Faschismus, der dieser Tage wieder aller Tage überall in Europa hervorkriecht, kann man sich doch nur gerade dann entgegen stellen, wenn man sieht, dass es gerade der "normale" Mensch, der gewöhnliche Kleinbürger hinter der Nachbarstür war, der den Völkermord am Ende verübt hat.

    (Ich möchte damit, nur um das anzumerken, nicht den ersten, mir etwas wirr erscheinenden, am Thema vorbeigehenden Kommentar verteidigen..)

    • mh123
    • 27.11.2011 um 23:21 Uhr

    Ist nicht vielmehr das Konzept, die Shoa nicht neben anderen Völkermorden zu sehen, sondern beständig als einzigartig zu bezeichnen, ein Versuch, sich vor eben dieser Verantwortung zu drücken?
    Natürlich darf man Unterschiede hervoben, etwa das Ausmaß der "Industrialisierung", mit der das Morden betrieben worden ist, aber sich dem Rassismus, dem Faschismus, der dieser Tage wieder aller Tage überall in Europa hervorkriecht, kann man sich doch nur gerade dann entgegen stellen, wenn man sieht, dass es gerade der "normale" Mensch, der gewöhnliche Kleinbürger hinter der Nachbarstür war, der den Völkermord am Ende verübt hat.

    (Ich möchte damit, nur um das anzumerken, nicht den ersten, mir etwas wirr erscheinenden, am Thema vorbeigehenden Kommentar verteidigen..)

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Systems ist, aber die Industrialisierung als auch die Tatsache, dass er das Finale einer europäischen Geschichte des Antisemitismus ist macht die Shoa für die Neuzeit einzigartig.

    Ohne den Faschismus verteidigen zu wollen, der Faschismus muss bekämpft werden, ist er nicht zwingend gleichbedeutend mit der Shoa oder begründet diese. Wir haben im Mutterland des Faschismus, in Italien ein Beispiel in dem Deportation nicht stattfanden, zumindest solange Teile Italiens nicht von Deutschland besetzt waren. Im Gegensatz dazu hatten wir die ersten organisierten Genozide gegen Juden im 19. Jahrhundert im kommunistischen Russland beobachten können.
    Deutschland hat auch den Antisemitismus nicht in andere Länder exportiert, viel mehr wurde „lediglich“ die Organisation exportiert. Der Antisemitismus war (ist) Europäisch, der Tot war deutsch. Ein Teil meiner Familie hat die Deutschen überlebt um erst dann, in vermeintlicher Befreiung umgebracht zu werden.

    Das Problem, welches man in Deutschland beobachten kann ist, dass zwar ein Bewusstsein für Völkermorde da ist, aber ein Widerstand dagegen meistens im Beziehen auf Paragrafen verglimmt. Eine Beurteilung von Vorfällen dieser Art findet meistens nicht in moralischen Bezügen statt, eher in Bezug auf das Völkerrecht oder anderen theoretischen Gebilden, welche auch dafür sorgen, dass man sich entspannt zurücklehnt, da es einen auch daran hindert etwas zu machen. Vergleichbar mit der Sichtweise vieler, die damals auch nichts gemacht haben.

    Systems ist, aber die Industrialisierung als auch die Tatsache, dass er das Finale einer europäischen Geschichte des Antisemitismus ist macht die Shoa für die Neuzeit einzigartig.

    Ohne den Faschismus verteidigen zu wollen, der Faschismus muss bekämpft werden, ist er nicht zwingend gleichbedeutend mit der Shoa oder begründet diese. Wir haben im Mutterland des Faschismus, in Italien ein Beispiel in dem Deportation nicht stattfanden, zumindest solange Teile Italiens nicht von Deutschland besetzt waren. Im Gegensatz dazu hatten wir die ersten organisierten Genozide gegen Juden im 19. Jahrhundert im kommunistischen Russland beobachten können.
    Deutschland hat auch den Antisemitismus nicht in andere Länder exportiert, viel mehr wurde „lediglich“ die Organisation exportiert. Der Antisemitismus war (ist) Europäisch, der Tot war deutsch. Ein Teil meiner Familie hat die Deutschen überlebt um erst dann, in vermeintlicher Befreiung umgebracht zu werden.

    Das Problem, welches man in Deutschland beobachten kann ist, dass zwar ein Bewusstsein für Völkermorde da ist, aber ein Widerstand dagegen meistens im Beziehen auf Paragrafen verglimmt. Eine Beurteilung von Vorfällen dieser Art findet meistens nicht in moralischen Bezügen statt, eher in Bezug auf das Völkerrecht oder anderen theoretischen Gebilden, welche auch dafür sorgen, dass man sich entspannt zurücklehnt, da es einen auch daran hindert etwas zu machen. Vergleichbar mit der Sichtweise vieler, die damals auch nichts gemacht haben.

    • mh123
    • 27.11.2011 um 23:38 Uhr

    Findet niemand den Ausdruck "Moralisches Kapital" wunderbar (ekelhaft) symptomatisch für den Kapitalismus und seine Verwertbarkeitsideen? Ethisches Handeln ist also Kapital, und wenn man anders(wo) mehr Gewinn erwirtschaften kann, gehört es halt abgezogen, nicht..?

    • simlei
    • 28.11.2011 um 2:54 Uhr

    Abneigung gegen den Kapitalismus sollte man nicht in Abneigung gegen ganz normale Wörter der deutschen Sprache, wie "Kapital" umwandeln. Verwertbarkeit steht so nirgends im Duden bei "Kapital".
    Hier ist es sicher so gemeint, dass die Leistung und Moral der Retter Grundstock für die Moral der heutigen und zukünftigen Gesellschaft ist und (hoffentlich) ihre Früchte trägt. Dabei hilft das Buch, das Thema dieses Artikels ist, indem es die Leistung der hervorragenden Retter ins Bewusstsein ruft, auf dass sie Früchte in den Köpfen der Menschen trage.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. 8. Und...

    Heisst das, dass der Rest an der Vernichtung der Juden beteiligt war?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service