Philosoph Michael HampeWarum die Welt einmalig ist

Der Philosoph Michael Hampe lässt vier Forscherfiguren über das Wesen der Natur streiten. von Martin Seel

Die Philosophie ist seit je ein vielstimmiges Gewerbe – nicht allein, was ihre Autoren, sondern ebenso, was die Formen ihrer Texte betrifft. In unseren Tagen wird ein eher literarisches und ein eher akademisches Philosophieren, werden »Selbstdenker« und »Systemdenker« gern gegeneinander ausgespielt. Wie unsinnig dies ist, demonstriert der an der ETH Zürich lehrende Philosoph Michael Hampe nun schon zum zweiten Mal. In seinem 2009 erschienenen Buch Das vollkommene Glück hatte er vier Meditationen über das Thema nebeneinandergestellt und seinen Lesern die Schlüsse aus diesen gegenläufigen Deutungen weitgehend selbst überlassen. Sein neues Werk Tunguska oder Das Ende der Natur vereint noch weit mehr philosophische Stimmlagen in einem einzigen Band. Den Hauptteil bildet ein in vier Akte unterteiltes Totengespräch, das die Tradition dieses Genres von Lukian bis Paul Valéry in virtuoser Manier erneuert. Als Kronzeugen treten unter anderem Goethe, Heidegger, Alain Badiou und Andrei Tarkowski auf. Jeder der Dialoge wird von nahezu poetischen Vorspielen eingeleitet, die den vier Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft gewidmet sind. Eine freie Improvisation über das fünfte Element der Zeit, das den Bewegungsraum der vier anderen durchwirkt, schließt sich an. Gefolgt wird dieses Spiel von einer flüssig geschriebenen Abhandlung über die Unmöglichkeit einer stabilen Unterscheidbarkeit von Natur und Kultur.

In der Heterogenität dieser Schreibarten umkreist Hampe ein einziges Thema: das der Natur und der menschlichen Stellung in ihr. Diese aber, das sagt schon die Form des Buches, ist alles andere als eindeutig. Alle einfachen Deutungen eines »Wesens« der Natur führen ins Leere. In den Dialogen wird dies, ausgehend von einem einzigen Beispiel, vorgeführt. Am 30. Juni 1908 ereignete sich in Sibirien eine gigantische Explosion. Die Landschaft um den Fluss Tunguska wurde vermutlich durch einen Asteroiden-Einschlag verwüstet. Diesem Ereignis rücken vier schemenhafte Herren in ebenso höflichem wie leidenschaftlichem Widerstreit zu Leibe. Nach einem Atomkrieg haben sie sich auf einem Frachtschiff in einem nebelhaften Nirgendwo zusammengefunden. Jeder von ihnen entwirft eine andere Theorie des Tunguska-Ereignisses und mit ihr eine andere Philosophie der Natur. Drei der Denker tragen erkennbar verballhornte Namen bekannter Forscher des 20. Jahrhunderts. »Bordmann« ist ein Wiedergänger des Schweizer Biologen und Anthropologen Adolf Portmann, »Feierabent« ein Double des österreichischen Philosophen Paul Feyerabend und »Blackfoot« ein Doppelgänger des britischen Philosophen und Mathematikers Alfred North Whitehead. Die Figur des »Tscherenkov« schließlich, benannt nach einem russischen Nobelpreisträger, steht in diesem Gedankenspiel für einen theoretischen Physiker vom Schlage des amerikanischen Nobelpreisträgers Steven Weinberg . Für das inszenierte Geistergespräch legt der Autor ihnen funkelnde Variationen der tatsächlichen Positionen ihrer Vorbilder in den Mund. Argument und Erzählung, Beschreibung und Befragung verbinden sich zu einem überaus dichten und höchst unterhaltsamen Wirbel naturphilosophischer Ideen.

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Die Positionen der vier Kontrahenten könnten unterschiedlicher kaum sein. Für den Physiker ist Natur letztlich ein unwandelbares mathematisches Gebilde. In ihren Erscheinungen vollzieht sich eine »ewige Wiederkehr des Gleichen«; ihr Wesen liegt in der Zahl. Für den Biologen hingegen ist Natur der gleichermaßen destruktive wie kreative Prozess der Evolution. In ihm spielt menschliche Technik eine zunehmend prägende Rolle. Sie bringt immer neue Kreuzungen von Natur und Kultur hervor, die den Menschen dazu verleiten, sich zu einem grausamen Herrn über die Natur aufzuschwingen, anstatt ihren inneren Wert zu erkennen. Für den einen Philosophen – Blackfoot – ist der »absolute Zufall« ein notwendiger Bestandteil der Natur, weswegen nicht die Gleichheit, sondern die Verschiedenheit ihrer Zustände und Verläufe ihr eigentliches Wahrzeichen ist. Alles in ihr oszilliert, vibriert und verändert sich. Der andere Philosoph – Feierabent – radikalisiert diese Auffassung seines Kollegen. »Die Natur gibt es nicht. Es gibt nur Momente, die Einzelnen, das Einmalige.« Was ihn interessiert, ist die Variabilität der Naturanschauungen in den historischen Kulturen des Menschen, zwischen denen zu richten einigermaßen albern wäre. Die sogenannte Natur erweist sich so gesehen als das Produkt von eher poetischen oder wissenschaftlichen Geschichten – als Effekt eines »sozialen Spiels«, das jede Lebensform auf ihre Weise spielt. Angesichts ihrer widerstreitenden Lehren haben die Protagonisten der Streitgespräche allen Grund, sich gegenseitig hinterwäldlerische Metaphysik, romantische Schwärmerei und sektiererischen Mystizismus vorzuwerfen. »Alles Gefasel!«, lautet denn auch das entnervte Schlusswort des Physikers.

Ganz bei diesem Theorienstreit aber will es Hampe nicht belassen. Seine Sympathien vor allem mit Whitehead und Feyerabend sind zu groß, als dass er seinen Figuren gegenüber gänzlich neutral bleiben könnte. Seine Nachbetrachtung läuft entsprechend auf eine provokative These hinaus: Die Natur hat keine Natur. Jede scheinbar verlässliche Unterscheidung von Natur und Kultur muss früher oder später zusammenbrechen. Hieraus ergibt sich ein dreifaches »Ende der Natur«. Dies ist zum einen ein begriffliches Ende, eben weil die »sokratische Trennung« von Natur und Geist nicht durchzuhalten ist. Es ist zum andern ein historisches Ende, weil die Formen des Natürlichen und seiner Erkenntnis immer mehr von technischer Zurüstung durchsetzt sind. Und schließlich stellt es zugleich ein politisches Ende dar, weil ein schonender Umgang der Menschen mit ihrer Lebensumgebung längst eine Aufgabe der Weltinnenpolitik geworden ist. Gegenüber einem »essenzialistischen« Verständnis der Natur und des Menschen plädiert Hampe für eine »pluralistische« Auffassung der belebten wie der unbelebten Welt, die die Unauslotbarkeit ihrer Wirklichkeiten anzuerkennen vermag.

Vor diesem Hintergrund wird auch der ethische Impuls deutlich, der das Buch durchzieht. Die theoretische Frage nach dem Sein der Natur verwandelt sich zunehmend in die praktische Frage, wie wir unser Leben inmitten »geteilter Natürlichkeiten« führen können und sollen. Freilich schließt sich der Autor dabei der absonderlichen Vorstellung Bruno Latours an, es komme darauf an, selbst mit den Dingen auf Erden »wie mit Personen« zusammenzuleben, die ihre eigenen Zwecke verfolgen.

Diese Tendenz steht in einem spürbaren Widerspruch zu den erkenntnistheoretischen Andeutungen, die das Buch enthält. Sie laufen darauf hinaus, an die Konkretheit der Phänomene zu erinnern. »Die Welt ist einmalig«, stellten schon Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung fest. Im Geist dieser Bemerkung lässt Hampe seine Lieblingsprotagonisten immer wieder die Individualität und Verschiedenheit des Seienden feiern. An einer Stelle entwirft Feierabent die Allegorie einer immer detaillierteren Filmanalyse. »Ganz langsam, ganz genau! Jetzt Bild für Bild – und da zerfällt mit einem Mal alles in einzelne Bilder, und der Sinn verschwindet. Vielleicht ist die Wirklichkeit nur deshalb ein Zusammenhang, die Natur ein Kosmos, weil wir sie nicht genau genug wahrnehmen – gewöhnlich.«

In dem Film Blow Up von Michelangelo Antonioni gibt es eine Sequenz, die diesem Gedankenspiel aufs Schönste entspricht. Der Fotograf, der seine Aufnahmen von einer vermeintlichen Mordszene immer stärker vergrößert hat, zeigt seiner Nachbarin eines dieser Fotos. »It looks like one of Bill’s paintings«, bemerkt diese irritiert. Bills Gemälde, das sind diffuse, von grau-schwarzen Punkten übersäte Malflächen, aus denen jede identifizierbare Gestalt verschwunden ist. So starrt die Natur uns an, wenn wir sie in einem ultimativen Bild zu bannen versuchen.

Martin Seel ist Professor für Philosophie an der Goethe Universität in Frankfurt am Main

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Leserkommentare
    • kerle51
    • 27. November 2011 14:48 Uhr

    Wenn man mal einfach davon ausgeht, daß unsere Materie (= alles, was es gibt im sichtbaren Universum) aus Atomkernen besteht, um die masselose "Teilchen" etc. kreisen, was ist also unsere Welt? Fiktion!. Denn das bedeutet, daß alles, was wir zu sehen glauben,(Atomkerne sehen wir definitiv nicht), ein Produkt unseres Glaubens ist. Wir sind und bleiben Gedanken, Vorstellungen, Konventionen. Etwas anderes ist rein physikalisch gar nicht möglich. Wenn wir das mal endlich begreifen und als Grundlage für unsere Sicht der "Welt" und der anderen Wesen nehmen, sieht unsere Philosophie anders aus. Und dann sind plötzlich auch alle anderen Theorien nicht mehr diskutabel.

    • trektor
    • 31. Dezember 2011 15:47 Uhr

    Es heißt: "Die Natur hat keine Natur. Jede scheinbar verlässliche Unterscheidung von Natur und Kultur muss früher oder später zusammenbrechen. Hieraus ergibt sich ein dreifaches »Ende der Natur«." Und weiter: "zum andern ein historisches Ende, weil die Formen des Natürlichen und seiner Erkenntnis immer mehr von technischer Zurüstung durchsetzt sind."

    Das verstehe ich nicht. Aus dem zur Folgerung des Endes der Natur Führenden könnte ebenso der Schluss gezogen werden, von nun an alles mit dem Begriff Natur zu benennen. Das vorgebrachte vermeintlich historische Ende aus der wachsenden technischen Zurüstung zu begründen, erscheint mir derweil widersprüchlich, denn oben wurde doch festgestellt, dass Unterscheidungen zwischen Natur und Kultur nicht verlässlich zu ziehen seien. Technik ist aber Kultur und somit ohne wirkliche Unterschiedungsmerkmale zur Natur zugleich auch Natur.

    Was hinterlässt die Proklamation des "Endes der Natur" anderes als eine vage Ungewissheit, der eine gewisse Beliebigkeit in den jeweilig situativ zu Gebote stehenden Verknüpfungen ihrer Fragmente ihre Fülle verleihen soll?

    Ich sehe den Vorteil dazu nicht, wie gesagt, alles als Natur zu begreifen.

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  • Schlagworte Paul Feyerabend | Philosophie | Theodor W. Adorno | Max Horkheimer | Michelangelo Antonioni | Natur
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