Politik und Lyrik Nr. 38 die breite masse

Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche widmet sich Marion Poschmann uns allen.

Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig sehr aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diese Woche widmet sich Marion Poschmann uns allen.

Marion Poschmann: die breite masse

passanten, eingespiegelte episoden auf
endlosen glasfassaden der amtsgebäude,

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erscheinen dort lautlos: ihr gehen,
ihr stehen, ihr quertreiben sacht wie

gebete und fensterleder, ein schillernder
putzmittelfilm, der abläuft

wie immer: hält man sich so
nicht den blick frei aufs wesentliche? –

die kanten der bauelemente spalten die
masse in gleichmaß, die brechstangen setzen

beim einzelnen an: jener im rhythmus
der statik zerstückelte körper ist doch mit

gewaltlosen massakern lange vertraut.
er war stets gewöhnlich. war vertikal.

war ware. aber was
bleibt, ist statistik.

sie wischen vorüber, unfaßbare massen mit

wolkengewohnheiten, leute zerstreut

wie wolken, die hohe himmel wiegen,
zu leicht befinden – man lauscht ihnen nach,

wie sie lautlos weiterziehen (wie etwas sie
von ihren vorgegebenen zielen abzieht),

ungehörig, niemandem hörig, sie horchen
auf nichts.

Marion Poschmann

Marion Poschmann, geboren 1969 in Essen, studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik. Von ihr sind bislang sechs Bücher erschienen, darunter drei Gedichtbände: Verschlossene Kammern, zu Klampen 2002, Grund zu Schafen, Frankfurter Verlagsanstalt 2004, und Geistersehen, Suhrkamp 2010. Für Geistersehen erhält sie 2011 den Peter-Huchel-Preis.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrte Redaktion,
    ich plädiere dafür diese Rubrik einzustellen und die so freigewordene ganze (!) Seite duch interessante Artikel zu ersetzen.
    Danke.

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