Defibrillatoren Die Angst vor dem Schock
Sie retten Leben und verbreiten trotzdem Schrecken: Implantierte Defibrillatoren führen bei Herzpatienten oft zu erheblichen psychischen Problemen.
Es geschieht wie aus heiterem Himmel. Der Herzmuskel in der Brust zuckt wie wild, mit 150 bis 300 Schlägen in der Minute anstelle der normalen 60 bis 100 Kontraktionen. Das Herz pumpt kaum noch Blut. Fünf, zehn, manchmal auch fünfzehn Sekunden – dann kommt der Schock. Ein Stromschlag wie ein Boxhieb, vorübergehende Bewusstlosigkeit. Kurz darauf startet das Herz neu.
So ergeht es den Trägern eines implantierbaren Kardioverter-Defibrillators. Das silbrige Hightech-Gerät, kurz ICD oder Defi genannt, steckt unter der Haut, im Bereich des Brustmuskels. Es ist ein Elektroschockgerät in Miniaturform, das mit Sensoren das Herz Schlag für Schlag überwacht. Allein in Deutschland tragen rund 40.000 Menschen ein solches Gerät, Hunderttausende sind es weltweit. Die natürlichen Taktgeber in ihren Herzen sind beschädigt, oder nach einem Herzinfarkt beeinträchtigt Narbengewebe die geordnete Weiterleitung der elektrischen Erregungswelle durchs Herz. Das streichholzschachtelgroße Gerät kann Störungen des Herzrhythmus beenden und in vielen Fällen einen plötzlichen Herztod vermeiden. Die meisten Betroffenen empfinden den Fremdkörper unter ihrer Haut deshalb als »Lebensretter«, als ihren »persönlichen Notarzt«. Sie fühlen sich sicher.
Doch dieser Zustand hält nicht bei allen ICD-Patienten an. Für einige wird das Leben mit dem implantierten Defibrillator zum Problem. Denn auch wenn er technisch reibungslos funktioniert, kommen Körper und Psyche nicht immer mit dem eingebauten Schock-Gerät zurecht. Es beginnt ein Leben voller Ängste und Unsicherheiten: Was passiert, wenn der Defi ausgelöst wird? Darf ich überhaupt noch Auto fahren? Wie steht es mit Reisen? Und wie lange funktioniert so ein Gerät? Die Betroffenen sind hin- und hergerissen zwischen dem Wissen um die lebensrettende Funktion des Apparates und der Angst vor einem unkontrollierbaren Stromstoß. Etwa zwei davon erlebt ein ICD-Patient jedes Jahr, mancher aber auch mehr. Ab fünf Schocks im Jahr, so haben Forscher herausgefunden, wird die psychische Belastbarkeit der Patienten stark strapaziert.
Je häufiger der ICD Impulse abgeben muss, desto schneller ist auch die Batterie des Geräts verbraucht. Die meisten halten fünf oder auch sieben Jahre, danach muss das Gerät in einem operativen Eingriff ausgetauscht werden.
Jene Patienten, die in den ersten Jahren nach der Implantation Mehrfachschocks erleiden, entwickeln oft schwere posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD), ähnlich wie Überlebende einer Katastrophe oder Soldaten nach Gefechtseinsätzen. Die Folgen sind Schlaflosigkeit, Depressionen, massive Ängste und Gereiztheit. Sie fühlen sich dem Gerät hilflos ausgeliefert, neigen zum Grübeln, sind niedergeschlagen und hoffnungslos. Sie erwarten nichts mehr von der Zukunft. Viele verzichten auf Sex und geben den gewohnten Sport auf. Der eine oder andere würde sich das Gerät am liebsten wieder herausoperieren lassen. Zudem ist das Sterberisiko von ICD-Patienten mit schweren Depressionen höher als das von nicht depressiven Defi-Patienten. Es ist ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist.
»Solche Patienten müssen unbedingt therapiert werden«, sagt Jochen Jordan. Der Leiter der Klinik für Psychokardiologie in Bad Nauheim erforscht seit Jahren die Zusammenhänge zwischen Psyche und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jetzt versuchen er und seine Kollegen ein geeignetes Therapiekonzept zu entwickeln. Alle behandelten Patienten hatten in der Vergangenheit Mehrfachschocks erlebt, litten an Panikattacken und wagten sich nicht mehr allein aus dem Haus.
Im Mittelpunkt der Behandlung steht die tägliche Psychotherapiesitzung. Diese und die genaue Aufklärung über die Wirkungsweise des Geräts helfen. Die Patienten berichteten von einem deutlichen Rückgang ihrer posttraumatischen Symptome. Mit den Ergebnissen dieser Pilotstudie sei man »sehr zufrieden«, sagt Jordan. In einer zweiten Phase plant die Klinik, aus dem entwickelten Therapieverfahren einen allgemeinen Behandlungsleitfaden abzuleiten.
Indessen werden weltweit immer mehr Defibrillatoren implantiert, und die Technik wird immer anspruchsvoller. Im vergangenen Jahr präsentierte die Firma Medtronic eine neue ICD-Technologie. Diese soll Mehrfachschocks reduzieren und damit helfen, schmerzhafte Begleiterscheinungen fast völlig zu vermeiden.
Doch selbst wenn weitere technische Verbesserungen zu erwarten sind: »Der Kardiologe darf bei dieser Hightech-Medizin nicht den Kontakt zum Patienten vergessen«, sagt Karl-Heinz Ladwig vom Institut für Epidemiologie des Helmholtz-Zentrums München. Der Psychosomatik-Arzt kritisiert, dass die psychischen Auswirkungen von implantierten Defis in der medizinischen Ausbildung nach wie vor keine Rolle spielten – und ebenso wenig in den internationalen Leitlinien. Immerhin hat die Deutsche Gesellschaft für Kardiologieforschung das Problem registriert. In ihrem »Positionspapier zur Bedeutung von psychosozialen Faktoren in der Kardiologie« schreibt sie, das Ausmaß der psychischen Störungen sei bei ICD-Patienten »klinisch höchst bedeutsam«.
Jeder Kardiologe, der ICD-Patienten betreut, sagt Ladwig, müsse über die psychosozialen Aspekte der Technik Bescheid wissen. Dazu gehöre auch, die Angehörigen in die Betreuung einzubeziehen. Im Moment sei das noch »ein Zufallsprodukt« im deutschen Klinikalltag.
- Datum 30.11.2011 - 19:09 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.11.2011 Nr. 48
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keinen Defibrillator. Das ist zwar eine ähnliche Technik, aber sie hilft nur, wenn das Herz zu langsam schlägt.
Defibrillatoren sind ein bisschen grösser. Sie finden sicher noch ein passendes Bild?
wird im Deutschen mit PTBS abgekürzt.
Warum im Artikel das aus dem Englischen "posttraumatic stress disorder" abgeleitete PTSD verwendet wird ist mir schleierhaft.
Das Sterberisiko sollte bei schwer depressiven Personen im Allgemeinen größer sein als bei nicht depressiven, unabhängig davon, ob man nun ICD-Patient ist oder nicht.
Und was passiert, wenn jemand auf natürliche weise stirbt?
Oh.. geht nicht mehr.
Diese Geräte machen aus dem Wort "Zombie" etwas ganz neues.
Es könnte sich ja mal ein Artikel damit befassen und Personal von Altersheimen befragen, wie viele ältere Menschen dort vor sich herum vegetieren um ab und an einen Schock zu bekommen..
Als Tipp vorher: Nicht die Heimleitung fragen, die freut sich darüber. Mehr Geld. Tragisch aber wahr.
Das man irgendwann unweigerlich stirbt ist Gewissheit und unvermeidlich, nur sollte man das auch akzeptieren können.
Natürlich können auch ICD-Patienten noch auf "natürliche" Weise sterben, es gibt nämlich auch andere Möglichkeiten zu sterben als Kammerflimmern.
Beispielsweise Atemstillstand, Pumpversagen des Herzens, Organversagen, etc.
Der Defi schockt nur bei Kammerflimmern. Wenn sich das durch den Schock nicht beenden lässt, ist spätestens nach dem 8. Schock in Folge Schluss (aus ethischen Gründen).
Schreiben Sie also bitte nicht so negativ über ein lebensrettendes Gerät.
Auch Leute, die einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall haben, werden ja behandelt und nicht einfach sterben gelassen, wie Sie es implizit vorschlagen...
Natürlich können auch ICD-Patienten noch auf "natürliche" Weise sterben, es gibt nämlich auch andere Möglichkeiten zu sterben als Kammerflimmern.
Beispielsweise Atemstillstand, Pumpversagen des Herzens, Organversagen, etc.
Der Defi schockt nur bei Kammerflimmern. Wenn sich das durch den Schock nicht beenden lässt, ist spätestens nach dem 8. Schock in Folge Schluss (aus ethischen Gründen).
Schreiben Sie also bitte nicht so negativ über ein lebensrettendes Gerät.
Auch Leute, die einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall haben, werden ja behandelt und nicht einfach sterben gelassen, wie Sie es implizit vorschlagen...
Natürlich können auch ICD-Patienten noch auf "natürliche" Weise sterben, es gibt nämlich auch andere Möglichkeiten zu sterben als Kammerflimmern.
Beispielsweise Atemstillstand, Pumpversagen des Herzens, Organversagen, etc.
Der Defi schockt nur bei Kammerflimmern. Wenn sich das durch den Schock nicht beenden lässt, ist spätestens nach dem 8. Schock in Folge Schluss (aus ethischen Gründen).
Schreiben Sie also bitte nicht so negativ über ein lebensrettendes Gerät.
Auch Leute, die einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall haben, werden ja behandelt und nicht einfach sterben gelassen, wie Sie es implizit vorschlagen...
Sind die Menschen, deren Defilibrator 5mal im Jahr zum Einsatz kommen muss nicht vielleicht von vornherein psychisch stärker belastet? Das Herz fängt ja nicht aus Spaß einfach an zu flimmern. Ich kann mir gut vorstellen, dass die psychische Belastung und die Sterbewahrscheinlichkeit bei diesen Patienten von vornherein höher ist, als bei denen, deren Defilibrator nur seltener zum Einsatz kommen muss.
hat Kammerflimmern normalerweise nicht. Natürlich kann Stress mit dazu beitragen, dass eine Herz anfängt zu flimmern, aber der Beitrag ist wohl meistens eher schwach.
Im Gegenzug führen aber die Schocks sicher zu eine psychischen Belastung. Das stellt man nämlich auch bei Leuten fest, die einen unnötigen Schock bekommen.
Mann muss nicht alles auf die Psyche schieben ;-)
hat Kammerflimmern normalerweise nicht. Natürlich kann Stress mit dazu beitragen, dass eine Herz anfängt zu flimmern, aber der Beitrag ist wohl meistens eher schwach.
Im Gegenzug führen aber die Schocks sicher zu eine psychischen Belastung. Das stellt man nämlich auch bei Leuten fest, die einen unnötigen Schock bekommen.
Mann muss nicht alles auf die Psyche schieben ;-)
DeFIBRILLator natürlich, nicht Defilibrator
hat Kammerflimmern normalerweise nicht. Natürlich kann Stress mit dazu beitragen, dass eine Herz anfängt zu flimmern, aber der Beitrag ist wohl meistens eher schwach.
Im Gegenzug führen aber die Schocks sicher zu eine psychischen Belastung. Das stellt man nämlich auch bei Leuten fest, die einen unnötigen Schock bekommen.
Mann muss nicht alles auf die Psyche schieben ;-)
Meinem Mann hat der Defi schon einmal das Leben gerettet. Ohne, dass er von dem Schock bewusstlos wurde, im Gegenteil: Wir haben es nicht mal bemerkt, sondern erst hinterher beim Auslesen der Daten erfahren. Mein Mann ist ständig unter ärztlicher Kontrolle und fühlte sich bis zu ihrem Artikel wunderbar. Jetzt ist er verunsichert. Also, was soll die Panikmache??!
Ich kenne übrigens keinen Menschen, dessen Schocks so heftig sind, dass sie bewusstlos werden. Es ist eher so, dass dieses kleine Wunderding einem das Leben wiedergibt. Die Angst, aber auch die Gefahr vorher war wesentlich schlimmer.
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