Syrien Arabischer Frühling, türkischer Herbst

Die Opposition in Syrien schaut nach Ankara – aber eine militärische Intervention durch den Nachbarn hätte fatale Folgen.

Anti-Assad Demo in der Türkei

Anti-Assad Demo in der Türkei

Ich schrieb die Geschichte der Kinder aus Daraa, denen der Geheimdienst die Fingernägel herausgerissen hatte, weil sie »Auf, auf, das Regime zerfällt« an eine Wand gepinselt hatten. Die Kinder hatten im Namen ihrer Väter die Mauer der Angst niedergerissen. Das war der Moment, der das Ende des syrischen Schweigens einläutete, schon das allein war eine Revolution. Dieser Vorfall löste die Demonstrationen aus. Und der Aufstand war zivil, friedlich. Das Regime versuchte, die Ordnung wieder herzustellen, indem es auf Demonstranten schießen ließ. Das ist fehlgeschlagen. Es waren Ausreden, um Gewalt anzuwenden.

Ich schrieb auch eine Geschichte über Latakia, wo in der Nacht vor die Haustüren der Familien, deren Kinder umgebracht oder gefoltert worden waren, Waffen gelegt wurden. Die Familien warfen diese Waffen dem Geheimdienst vor die Tür und sagten »Nehmt eure Waffen, wir brauchen sie nicht.« Das Volk war nicht in die Falle des Regimes getappt.

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Die friedliche Revolution wird in ihrem Verlauf durch vier Gefahren bedroht: Intervention von außen; Gewalt, die Intervention aus dem Ausland erzwingt; Feindschaft unter Glaubensgemeinschaften und durch ethnische Auseinandersetzungen.

FEHIM TAŞTEKIN

Der 39-Jährige Autor der linksliberalen türkischen Tageszeitung »Radikal« beschäftigt sich vorwiegend mit den Staaten des Nahen Ostens und des Kaukasus

Parallel zu den friedlichen Protesten des Volkes entstanden bewaffnete Widerstandszellen, deren Mitglieder vorgaben, das Volk zu verteidigen. Die Gewalt zwischen unterschiedlichen Gruppen schaukelte sich hoch, ethnische und religiöse Konflikte traten deutlicher zutage. Die Straße schaffte es nicht, das Assad-Regime zum Wanken zu bringen, und so begannen viele Oppositionelle, ihre Hoffnungen in desertierende Soldaten zu setzen. Sie rechneten tatsächlich damit, dass sich die Armee teilen würde und das Regime von innen zerbrach! Ja, es gab Deserteure, und sie gründeten eine »Freie Syrische Armee«. Doch auch die Teilung der Armee brachte nicht den Einsturz des Regimes. Der nächste Schritt jetzt ist also, eine Intervention von außen als Lösung anzusehen. Die nächste Runde lautet: Bürgerkrieg. Die plötzlichen Angriffe der bewaffneten Oppositionellen sollen womöglich die Intervention aus dem Ausland schneller in Gang bringen. Man setzt auf ein zweites Libyen: Die internationale Gemeinschaft jagt mit den Freiheitskämpfern den Diktator davon.

Und wo in diesem Szenario befindet sich der Nachbar Türkei? Wenn es keine internationale Intervention gibt, dann bleibt als einzige Hoffnung für die Opposition nur noch die Türkei. Aber nicht nur sie, sondern auch ihre Unterstützer in den USA und der EU erwarten sich viel von den einseitigen Schritten Ankaras.

Ohne Frage hat die Türkei eine besondere Position. Anfangs verfolgte sie eine »Politik der null Probleme« gegenüber Baschar al-Assad und glaubte deshalb, Syrien mit starkem Druck zu Reformen bewegen zu können. Die AKP-Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdoğan setzte Assad in ihrer übertriebenen Selbstsicherheit ein 15-tägiges Ultimatum für Reformen. Damit setzte sie ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Eine Türkei, die sich seit 30 Jahren nicht von einer Verfassung trennen kann, die infolge eines Militärputsches geschrieben wurde, erwartet von Assad, dass er von heute auf morgen Demokrat wird? Jetzt fühlen sich die Türken verhöhnt und streichen Assad von der Liste der Freunde.

Die Türkei schickt sich gerade an, den Zuschlag für die Operation Syrien zu bekommen. Dabei war es die Besonderheit des Landes, eine vermittelnde, versöhnende Rolle in der Region zu haben. Die Türkei war auch Syrien überlegen, doch diese Überlegenheit verspielt sie jetzt.

Leser-Kommentare
  1. die Vorstellung, daß sich Assad anders als mit Waffengewalt vertreiben lässt, oder daß die Türkei, oder irgendein anderes Land sich bemüßigt fühlen wird, für die syrische Opposition zu kämpfen. Der Bürgerkrieg läuft doch schon, und niemand hat Lust, einzugreifen. Wenn die Dissidenten es nicht schaffen, genug Armeeangehörige auf ihre Seite zu ziehen, werden sie sterben. Anschließend wird Deutschland die Opfer wieder mit pazifistischen Krokodistränen verhöhnen.

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    Ein Eingreifen von außen in einen Bürgerkrieg ist GEGEN das VÖLKERRECHT.

    Ein Eingreifen von außen in einen Bürgerkrieg ist GEGEN das VÖLKERRECHT.

  2. da verhandeln? Mit einem in der zweiten Dynastie (Vater, Sohn) Alleinherrscher?

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Wie Verhandlungen in den letzten Wochen und Monaten von Assad ausgetragen werden, konnte ja jeder willige mitbekommen: Über den Gewehrlauf!

    Wie will man erwarten, mit einem Diktator und Schlächter seines eigenen Volkes anständig zu reden, wenn er nicht mal mehr auf seine Mit-Diktatoren aus der arabischen Liga hört und diese sich von ihm auch selbst inzwischen distanzieren?

    Es wäre wirklich wünschenswert und das Beste, es gäbe noch eine friedliche Lösung, aber die gibt es nicht. Entweder der Diktator wird aus dem Amt getrieben, oder die Chance auf ein freies Syrien wird im Blut erstickt.

    • talwer
    • 26.11.2011 um 10:56 Uhr

    Also doch die "Dominanz der Muslimbruderschaft" wird hier von der Turkei passiv unterstützt!
    Der Unterschied zwischen der AKP-Türkei und Assad-Syrien wird auch deutlich wenn man die Kopfbedeckung der Ehefrauen von Erdogan (Kopftuch) und Assad (keine Verschleierung) betrachtet.
    Der Westen wäre gut beraten den Herren Erdogan und seine Freunde - die Moslemsbrüder - in die Schranken zu weisen.
    Wo eine "Dominanz der Muslimbruderschaft" führen kann, wird sich demnächst in Ägypten, Libyen und Tunesien zeigen.
    Was dann mit den Christen und Aleviten unter einer Herrschaft der Moslemsbrüder passieren wird, kann man sich leicht vorstellen. Siehe z.B. den heutigen Irak.
    Wollen wir so etwas?

  4. potentielle Verbündete aus dem Hut zu zaubern. In Syrien sicher auch nicht, wenn man denn wollte.

    Also nehme ich wieder Scheinheiligkeit des Westens zur Kenntnis. Keinesfalls möchte ich eine Intervention. Die wollte ich auch in Libyen nicht. Mir scheint jedoch, in Syrien wäre sie wesentlich angebrachter gewesen, zumindest wenn man Floskeln wie den Schutz der Zivielbevölkerung ernst nimmt.

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    "In Syrien sicher auch nicht, wenn man denn wollte."

    =

    "In Syrien sicher auch nicht, wenn man denn DÜRFTE/KÖNNTE."

    • joG
    • 26.11.2011 um 14:17 Uhr

    ...des Westens, als vielmehr die Inkonsistenz der politischen Entscheidungen des Sicherheitsrats, die die Handlungsfähigkeit in Bezug auf Syrien hemmt. Unklar bleibt mir, ob Sie wollen, dass das Regime weiterhin die Macht behalten sollte dürfen egal, welche Maßnahmen sie dazu einsetzt.

    "In Syrien sicher auch nicht, wenn man denn wollte."

    =

    "In Syrien sicher auch nicht, wenn man denn DÜRFTE/KÖNNTE."

    • joG
    • 26.11.2011 um 14:17 Uhr

    ...des Westens, als vielmehr die Inkonsistenz der politischen Entscheidungen des Sicherheitsrats, die die Handlungsfähigkeit in Bezug auf Syrien hemmt. Unklar bleibt mir, ob Sie wollen, dass das Regime weiterhin die Macht behalten sollte dürfen egal, welche Maßnahmen sie dazu einsetzt.

  5. Ein Eingreifen von außen in einen Bürgerkrieg ist GEGEN das VÖLKERRECHT.

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    Das Morden der Demonstranten ist gegen das Menschenrecht.

    • joG
    • 26.11.2011 um 14:12 Uhr

    ...ist die Aussage falsch. Sollten Sie meinen also, was Sie sagen, haben Sie unrecht. Meinen Sie etwas anderes, sollten Sie es präziser sagen.

    Im Falle von Syrien? Können Sie ihre interessante Mindermeinung begründen? Das Völkerrecht hat sich seit 1648 geringfügig weiterentwickelt.

    Das Morden der Demonstranten ist gegen das Menschenrecht.

    • joG
    • 26.11.2011 um 14:12 Uhr

    ...ist die Aussage falsch. Sollten Sie meinen also, was Sie sagen, haben Sie unrecht. Meinen Sie etwas anderes, sollten Sie es präziser sagen.

    Im Falle von Syrien? Können Sie ihre interessante Mindermeinung begründen? Das Völkerrecht hat sich seit 1648 geringfügig weiterentwickelt.

  6. "In Syrien sicher auch nicht, wenn man denn wollte."

    =

    "In Syrien sicher auch nicht, wenn man denn DÜRFTE/KÖNNTE."

  7. Assad nimmt den großkotzigen Erdogan nicht ernst wie jeder sieht. Eine militärische Intervention der Türkei in Syrien wird es wohl nicht geben, Außerdem ist Assad die Schaumschlägerei des Erdogan und seiner arabischen Brüder ausreichend bekannt. Falls sich die Araber und die Türkei tatsächlich einmal dazu aufraffen könnten an einem Strick zu ziehen und ein Embargo durchzuziehen könnte es etwas werden, allerdings wird es zuerst das Volk treffen.

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