Studienfächer"Nie was von gehört"

Geschichte fällt aus und raus – Altertumskram

Das Unterrichtsfach Geschichte scheint langsam auszusterben. Die Altvorderen hatten noch ein paar Daten im Kopf (»Drei-drei-drei, Issos-Keilerei«). Für die Heutigen ist sogar der Vietnamkrieg mit seinem weltweiten Jugendaufstand Altertumskram. Die Lage wird immer verzweifelter – als stünde die Rote Armee schon in den Müggelbergen (siehe Wiki: Weltkrieg II).

Dieser Autor unterrichtet zurzeit US-Außenpolitik in Stanford , wo die allerschärfste Auslese herrscht. Wer diese Politik verstehen will, muss den großen Bogen schlagen: Warum die Gründerväter Europa verachteten, woher Isolationismus und Interventionismus kommen. Oder Bushs »regime change«. Die Studenten, im vierten Jahr, rätseln; sie wissen auch nicht, wann die Verfassung entstand, das Fundament der amerikanischen Demokratie (Antwort: 1787).

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In Deutschland, berichten Profs, sei es kaum anders. Wenn die Studenten Talleyrand hören, denken sie an ein Pariser Drei-Sterne-Restaurant. In England ist Geschichte ab 14 nicht mehr Pflicht; im Saarland soll das Fach in der 10. Klasse abgewählt werden können. Wenn Geschichte noch gelehrt wird, dann verhackstückt: »Industrialisierung« oder »Krisen des Kapitalismus«. Was vorher und nachher war, lässt sich scheibenweise nicht lernen.

Und doch droht Geschichte das Schicksal von Latein und Griechisch; cool ist Chinesisch. Das Genom ist heute Pflichtwissen, gewiss. Wer aber Geschichte nicht »draufhat«, kann nicht einmal die Zeitungen verstehen. Warum läuft der Krieg in Afghanistan nicht? Dort hat schon Alexander auf Granit gebissen, von dort wurden die Briten im 19. und die Sowjets im 20. Jahrhundert vertrieben. Wieso kommt der Arabische Frühling so spät? Der Würgegriff der Tyrannei ist älter als Gadhafi; den Boden haben 400 Jahre türkischer Herrschaft bereitet.

Lieber was »Handfestes« wie Wirtschaft oder Jura ? Leider ist Geschichte das Gerüst, das Fachwissen von Erkenntnis unterscheidet. Weltwirtschaftskrise I und der »Tulpenwahn« des 17. Jahrhunderts lassen auch einen Ökonomen die gegenwärtige Misere besser verstehen. Das sei nicht karrierefördernd? Doch! Wer Geschichte lernt, kann recherchieren, analysieren und die Spreu vom Weizen trennen. Wer tausend Einzelheiten verständlich zusammenführen kann, wird weiter kommen als einer, der bloß PowerPoint und Excel beherrscht. Warum klagen Personalchefs zwischen Wuppertal und Washington, dass den Jungen solche Fertigkeiten fehlen?

Wie kann ein junger Mensch rasanten Wandel begreifen, wenn er nicht weiß, was vorher war? Wenn er über den »kleinen Napoleon« Sarkozy liest und den richtigen nicht kennt? Wie die Konflikte zwischen den Eingesessenen und den Neuen verstehen, ohne die Geschichte der Einwanderung zu kennen? In Europa wie Amerika.

Schließlich ist Geschichte »echt spannend«, wie es auf Neudeutsch heißt. Sie ist das Verzeichnis der Abenteuer der Menschheit, ihrer Tragödien und Triumphe. Sie ist faszinierender als der Blockbuster aus Hollywood. Packender sogar als die Bibel. Aber die wird auch nicht mehr gelernt.

 
Leserkommentare
  1. Was fehlt, ist nicht Geschichtsunterricht, der zwangsläufig fragmentiert bleiben muß und daher nicht zu richtigen ERkenntnissen führen kann, sondern die Forderung und Möglichkeit, daß Schüler und Studenten sich überhaupt einmal eingehend mit EINER Sache gefassen.
    Wenn man sich mit einer einzigen Sache eine gewisse Zeit befasst, kommt zwangsläufig auch die geschichtliche Kompomente zu Tage, ebenso wie die ethische, moralische, kaufmännische ("Wirtschaftliche") usw. Woher kommt das Wissen über die Sache, über die ich gerade nachdenke? Wer waren die Akteure? Wo hat es angefangen? Wie kann es weiter gehen? Oder wie hätte man es besser machen können?
    Wenn man dann als Schüler noch praktisches Alltagswissen gelehrt bekäme, könnte man sowohl in Unis oder Betrieben unschlagbar werden: ein Mindestmaß an Staatsrecht, ein Mindestmaß an Rechtswissenschaft und kaufmännischem Wissen, Verständnis für das Wesen von Sprache, Umgang mit Chemikalien und PharmazeutischenProdukten, Verständnis für das Wesen von Kunst und Musik, Kochkunst und Ernährung sowie ein Mindestmaß an handwerklichen Fähigkeiten.
    Wenn man das lehren würde, müßte sich in jenem Rahmen jeder mit Mathematik, Deutsch, Internationalen Sprachen(bloß nicht "Fremdsprachen"!!), Physik, Biologie und Chemie befassen.
    "Lehren" würde dabei bedeuten, daß die jungen Menschen sich gleichzeitig Medienkompetenz aneigen müßten.Das würde den Gebrauch von Computertechnik includieren. Um das zu können benötigt man allerdings andere Lehrer.

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  2. dass die Welt von morgen in der Hand von Menschen liegt, die blind die gleichen Fehler machen, wie schon ihre Ahnen - unser technischer Fortschritt wird daran nichts ändern, da der Mensch kein upgrade hatte. Fundamentale Kenntnisse der Geschichte sind Vorausetzung für ein professioneles Handeln in der Politik und in der Wirtschaft.

    12 Leserempfehlungen
  3. Nun bin ich doch in die Position gekommen, mit Herrn Joffe auf einer Linie zu liegen. Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen - und ein böser Gedanke wäre, wem denn diese Wiederholung nützte.

    6 Leserempfehlungen
  4. mit den Kultusministerkonferenzen ist es wie mit dem Verfassungsschutz und, und, und vielen anderen Einrichtungen unserer Gesellschaft - man beschäftigt sich vor allem mit sich selbst. Intellektuelle Onanie. Immer wieder alter Wein in neuen Schläuchen.
    Wie sich unsere Gesamtgesellschaft schön länger darstellt, viel Tam-Tam und wenig Inhalt ... die Demokratie (die eben Jedem und Allem gefallen will) ist doch die beste aller Gesellschaftsformen - oder ?

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    • TDU
    • 28.11.2011 um 11:49 Uhr

    Geschichte ist spannend schon allein wegen zeitlicher Zusammenhänge, die ideologischen Erklärungen entgegenstehen.

    Aber wie sollte das gehen in Deutschland. Die eine Hälfte bekam die Anbfolge von Klassenkämpfen eingebleut (Lasse mich gerne eines Besseren belehren), die andere betete das ab den 1970iger Jahren nach mit Ergänzung der Nazizeit.

    Kein Rom kein Byzanz aber 3* Naziezeit in Berlin so eime Aussage einer Schülerin, die anch dem Abitur adnn trotzdem das große Latinum und Neugriechisch gelernt hat. Sie war halt interessiert.

    Lernen aus der Geschichte ist eh schwer, denn man muss ja immer aufs heute reagieren. Aber in Deustchland bekommt man manchmal das Gefühl, das Lernen solle geradezu verhindert werden.

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    "Lernen aus der Geschichte ist eh schwer, denn man muss ja immer aufs heute reagieren."

    Stark vereinfacht, kann man aussagen:
    Great Depression 1929 - hervorgerufen durch massive Billiggeldpolitik in den 20er Jahren durch die im Besitz von Privatbanken befindliche Fed (plus den strukturellen Änderungen infolge von WWI, auf die die Nationalstaaten nicht angemessen reagierten). Verlängert wurde die Krise dann durch die dann irrsinnige deflationäre Geldpolitik der Fed, wie Milton Friedman nachwies und Bernanke bestätigte.

    Finanzkrise von 2007/08 - exklusiv hervorgerufen durch die Billiggeldpolitik in den 2000er Jahren (all hail Alan Greenspan!). Genauso wie in den 20er Jahren resultiert dies in Spekulationswut, die aufgrund erfolgter De-Regulierung, zB Zerlegung des Glass-Steagal Acts, der eben genau aufgrund der Vorgänge zur Great Depression eingeführt wurde, ein weiteres Mal einsetzte und zwar in perverserer Form, als je zuvor.

    Was lernen wir daraus?
    1) Geschichte wiederholt sich eben DOCH.
    2) End the Fed!
    :-)

    "Lernen aus der Geschichte ist eh schwer, denn man muss ja immer aufs heute reagieren."

    Stark vereinfacht, kann man aussagen:
    Great Depression 1929 - hervorgerufen durch massive Billiggeldpolitik in den 20er Jahren durch die im Besitz von Privatbanken befindliche Fed (plus den strukturellen Änderungen infolge von WWI, auf die die Nationalstaaten nicht angemessen reagierten). Verlängert wurde die Krise dann durch die dann irrsinnige deflationäre Geldpolitik der Fed, wie Milton Friedman nachwies und Bernanke bestätigte.

    Finanzkrise von 2007/08 - exklusiv hervorgerufen durch die Billiggeldpolitik in den 2000er Jahren (all hail Alan Greenspan!). Genauso wie in den 20er Jahren resultiert dies in Spekulationswut, die aufgrund erfolgter De-Regulierung, zB Zerlegung des Glass-Steagal Acts, der eben genau aufgrund der Vorgänge zur Great Depression eingeführt wurde, ein weiteres Mal einsetzte und zwar in perverserer Form, als je zuvor.

    Was lernen wir daraus?
    1) Geschichte wiederholt sich eben DOCH.
    2) End the Fed!
    :-)

  5. Geschichte Lehren ziehen. Dass das nicht der Fall ist, ist über viele Jahrhunderte penibel dokumentiert.

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  6. auch die heutige Welt annähernd zu verstehen.
    Geschult werden soll grds. die Urteilskompetenz und ohne die kommt man heute nicht mehr weit, wenn man zB Zeitungen liest.

    Übrigens, es ist erschreckend, wieviele Leute Geschichte studieren, die undimplomatisch gesprochen, von dem was sie studieren nicht den blassesten Schimmer haben.

  7. "Lernen aus der Geschichte ist eh schwer, denn man muss ja immer aufs heute reagieren."

    Stark vereinfacht, kann man aussagen:
    Great Depression 1929 - hervorgerufen durch massive Billiggeldpolitik in den 20er Jahren durch die im Besitz von Privatbanken befindliche Fed (plus den strukturellen Änderungen infolge von WWI, auf die die Nationalstaaten nicht angemessen reagierten). Verlängert wurde die Krise dann durch die dann irrsinnige deflationäre Geldpolitik der Fed, wie Milton Friedman nachwies und Bernanke bestätigte.

    Finanzkrise von 2007/08 - exklusiv hervorgerufen durch die Billiggeldpolitik in den 2000er Jahren (all hail Alan Greenspan!). Genauso wie in den 20er Jahren resultiert dies in Spekulationswut, die aufgrund erfolgter De-Regulierung, zB Zerlegung des Glass-Steagal Acts, der eben genau aufgrund der Vorgänge zur Great Depression eingeführt wurde, ein weiteres Mal einsetzte und zwar in perverserer Form, als je zuvor.

    Was lernen wir daraus?
    1) Geschichte wiederholt sich eben DOCH.
    2) End the Fed!
    :-)

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    noch ein weiteres Beispiel eingefallen, wo sich der Blick in die Geschichte lohnt: US-Amerikanische Außenpolitik bzgl. Militärinterventionen.

    Wenn man sich einmal den Spaß macht und die Gründe, die jeweils letztlich entweder zur offiziellen Legitimierung eines Militärschlags oder Eintrittes der USA in einen Krieg führte oder zumindestens die Öffentliche Meinung massiv in Richtung einer Intervention umzuschwenkte, einmal näher betrachtet, dann stellt man fest, dass seit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 ein regelrechtes Muster existiert. Ein Muster der "Missinterpretation" von Daten und Ereignissen, aufgrund vermeindlicher Inkompetenz (wobei man an letzterem wohl zweifeln kann).

    Mit dem Wissen im Hinterkopf, sollte man dann anfangen, Vorgänge, wie sie in den heutigen Massenmedien präsentiert wurden und werden, bspw. bzgl. des Irans oder davor Pakistans in einem anderen Licht zu sehen.

    Wer sich den angesprochenen Spaß machen will, dem werfe ich mal ein paar Schlagworte in den Raum. ;)

    >"Remember the Maine! To hell with Spain!"
    >RMS Lusitania
    >Pearl Harbor (gerade hierzu existieren sehr viele "interessante" Zitate, von zB Henry Stimson - Secretary of War oder Frank E. Beatty, Adjutant des Secretary of Navy)
    >Tonkin-Zwischenfall & Daniel Ellsberg
    >Operation Northwoods
    >Nayirah und die Brutkastenlüge & General Wesley Clarke
    >Curveball, Powell und die WMD-Lüge

    9/11 habe ich mal bewusst außen vor gelassen. Wäre zu kontrovers in dem Kontext. ;-)

    Nur weil das Eigenkapital der FED von privaten Banken kommt, bedeutet das nicht, dass diese auch den größten Einfluss ausüben. Die wichtigsten Entscheidungsträger werden dennoch vom US-Präsidenten bestimmt und die Gewinne der FED gehen weiterhin ans US Finanzministerium.

    Die Erklärung der österreichischen Schule für die damalige und heutige Finanzkrise ist ein Ansatz unter vielen - einer, der mich nicht besonders überzeugt.

    noch ein weiteres Beispiel eingefallen, wo sich der Blick in die Geschichte lohnt: US-Amerikanische Außenpolitik bzgl. Militärinterventionen.

    Wenn man sich einmal den Spaß macht und die Gründe, die jeweils letztlich entweder zur offiziellen Legitimierung eines Militärschlags oder Eintrittes der USA in einen Krieg führte oder zumindestens die Öffentliche Meinung massiv in Richtung einer Intervention umzuschwenkte, einmal näher betrachtet, dann stellt man fest, dass seit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 ein regelrechtes Muster existiert. Ein Muster der "Missinterpretation" von Daten und Ereignissen, aufgrund vermeindlicher Inkompetenz (wobei man an letzterem wohl zweifeln kann).

    Mit dem Wissen im Hinterkopf, sollte man dann anfangen, Vorgänge, wie sie in den heutigen Massenmedien präsentiert wurden und werden, bspw. bzgl. des Irans oder davor Pakistans in einem anderen Licht zu sehen.

    Wer sich den angesprochenen Spaß machen will, dem werfe ich mal ein paar Schlagworte in den Raum. ;)

    >"Remember the Maine! To hell with Spain!"
    >RMS Lusitania
    >Pearl Harbor (gerade hierzu existieren sehr viele "interessante" Zitate, von zB Henry Stimson - Secretary of War oder Frank E. Beatty, Adjutant des Secretary of Navy)
    >Tonkin-Zwischenfall & Daniel Ellsberg
    >Operation Northwoods
    >Nayirah und die Brutkastenlüge & General Wesley Clarke
    >Curveball, Powell und die WMD-Lüge

    9/11 habe ich mal bewusst außen vor gelassen. Wäre zu kontrovers in dem Kontext. ;-)

    Nur weil das Eigenkapital der FED von privaten Banken kommt, bedeutet das nicht, dass diese auch den größten Einfluss ausüben. Die wichtigsten Entscheidungsträger werden dennoch vom US-Präsidenten bestimmt und die Gewinne der FED gehen weiterhin ans US Finanzministerium.

    Die Erklärung der österreichischen Schule für die damalige und heutige Finanzkrise ist ein Ansatz unter vielen - einer, der mich nicht besonders überzeugt.

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