Kaum ein Tag verging zuletzt, an dem nicht eine neue Ungeheuerlichkeit rund um das Neonazi-Trio aus Zwickau zutage kam. Die kaltblütigen Morde, die Listen potenzieller Opfer, ein zynisches Bekennervideo , schließlich die Verwicklung des Verfassungsschutzes – das ist so düster, irre und krank, dass die Versuchung naheliegt, für den rechtsradikalen Terrorismus nach weit zurückliegenden Gründen zu suchen. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Z., so will es die vorherrschende Sicht, sind die gebrannten Kinder der schwarzen neunziger Jahre in Ostdeutschland, Wendeverlierer , radikalisiert durch die Ausschreitungen in Hoyerswerda im September 1991 und Rostock-Lichtenhagen im Jahr darauf, kurz: Menschen, die mit der Gesellschaft von heute nicht das Geringste zu tun haben.

Allerdings gründen die Biografien des Terrortrios in einer brisanten politischen Konstellation, die sich auch für unsere Zeit wieder diagnostizieren ließe. Die Politologen Ernesto Laclau und Chantal Mouffe haben dafür den Begriff Postpolitik geprägt; sie verwenden ihn für Gesellschaftssysteme, die keine starken Alternativen offenlassen und in denen keine Grundsatzfragen gestellt werden. An die Stelle der starken Alternativen treten schwache Differenzen: etwa so, als gehe es beim Frühstück nicht um die Frage, ob man Fleisch verzehrt oder darauf verzichtet, sondern nur darum, ob man Salami oder Mortadella wählen soll – wofür man sich entscheidet, ist dann Wurst.

Diese Lage war Mundlos, Böhnhardt und Z. schon aus der DDR bekannt, die sich nach marxistischem Selbstverständnis als alternativlos verstand. Und sie begegnete ihnen erneut nach der Wende, als der Neoliberalismus sämtliche seiner Reformempfehlungen für alternativlos erklärte. Er behauptete eine von der Zeit selbst, um nicht zu sagen: vom Hegelschen Weltgeist diktierte Unumgänglichkeit. Daraus bezog das neoliberale Modewort der »Modernisierung« seine Macht. Alles musste »modernisiert« werden, die Bildungssysteme, die Sozialsysteme, die Finanzsysteme, da sonst die Zeit über uns hinwegginge und wir ins Mittelalter zurückfielen.

Nun wird es in einer Demokratie immer Leute geben, die Schauermärchen erzählen und damit zu ihren Gunsten Politik machen. Die neoliberale Propaganda war nicht das Problem. Ein Problem entstand, als das Schauermärchen nach 1989 von nahezu allen geglaubt wurde (einmal abgesehen von den Ewiggestrigen der PDS). Keinem fiel eine Alternative ein, auch nicht der alten bundesrepublikanischen Linken – das war der Moment, an dem unsere Demokratie zunehmend Züge des Postpolitischen zeigte. Sobald es weitgehend egal geworden war, ob die Wähler nun ihr Kreuzchen bei der CDU oder der SPD machten, in dem Moment, wo diese Entscheidung auch nicht mehr als Herzensangelegenheit erscheinen wollte, konnten rechtsradikale Strömungen dem politischen Begehren eine neue Heimat versprechen.

Man sollte dieses politische Begehren auf keinen Fall unterschätzen. Von Aristoteles bis Hannah Arendt hat uns die Philosophie immer wieder darauf gestoßen, wie wichtig es für den Menschen ist, sich als politisch handelndes Subjekt empfinden zu können, als ein Subjekt, das in einem emphatischen Sinn über eine Stimme verfügt. Das heißt, der Mensch muss das Gefühl haben, dass seine Stimme zählt und dass diese Stimme der direkte Ausdruck persönlicher Grundüberzeugungen ist. Der postpolitische Konsens der Mitte, der sich in den Neunzigern bildete, lässt für dieses politische Empfinden aber kaum Raum, erst recht nicht, wenn diese Mitte auch noch in den Ruch gerät, ohnehin dem Diktat einer globalen Ökonomie unterworfen zu sein.

Wer 1998 die SPD wählte, aber die Agenda 2010 und die Fortsetzung der Deregulierung des Finanzsektors bekam, dessen Stimme zählte insofern nicht, als er dafür ebenso gut die CDU hätte wählen können. Und wer jüngst die Grünen gewählt hat, kann sich ebenso fragen, was seine Stimme wert ist, wenn sie in einer bis zur FDP reichenden Großkoalition aufgeht – wie bei der Entscheidung des Bundestags über den Hebel zum Euro-Rettungsschirm EFSF . Die Demokratie gerät bei so viel parteiübergreifender Einigkeit zu einer Scheinveranstaltung, in der wesentliche Entscheidungen in »unangreifbaren Arkanverhandlungen zwischen Euro-Staaten und Banklobbyisten« gefällt werden, wie Habermas es auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise ausdrückte.

Wer aber in der Postdemokratie seine Stimme nicht mehr vernehmen kann, erhebt sie anderswo. Von diesem Verdrängungsmechanismus zeugen auch all die Wutbürgerbewegungen. Sie lassen sich in ihrer Heftigkeit nur erklären, weil der über die Sache hinausschießende politische Affekt offenbar anderswo nicht auf seine Kosten kommt.

Es ist gewiss kein Zufall, dass die Linkspartei, in der die Kommunisten der PDS fast schon verdampft waren, sich wieder ein Programm gegeben hat, das in seiner ideologischen Radikalität nostalgische Züge trägt. Für die Rechtsradikalen gilt das gleiche Muster: Der Zulauf, den sie seit den neunziger Jahren erfahren haben, lässt sich nur erklären, wenn wir uns jene Parallelbewegung vor Augen halten, in der die Demokratie zu schwächeln begann, um schließlich ermattet in die offenen Arme der Finanzwirtschaft zu sinken. Am rechten wie am linken Rand der Gesellschaft kehrt das aus der Mitte verdrängte politische Begehren zurück.