Zwei Monate sind seit der Wahl in Berlin vergangen – als der, für den die Piraten arbeiten, doch noch bei einer Fraktionssitzung vorbeischaut: der Bürger. Der Bürger ist Mitte 20 und trägt Jeans. Später stellt sich heraus, dass er gar nicht am Politischen interessiert ist. Der Bürger ist Student und will die Piraten als Studienobjekt für seine Masterarbeit nutzen. Das Thema: gruppendynamische Prozesse.

Er hat eine gute Wahl getroffen, denn die Piratenfraktion steckt im Klein-Klein der Befindlichkeiten fest. Sie will sogar einen Mediator holen – er soll helfen, die Verteilung der Büroräume zu regeln.

Die jetzige Belegung ist provisorisch. Trostlos sieht Fabio Reinhardts Büro im 5. Stock aus, die Regale sind leer, die Wände haben einen Anstrich nötig. Doch renoviert wird erst, wenn die endgültige Raumverteilung feststeht. Reinhardt ist einer der 15 in der Piratenfraktion, er steht für eine Politik, die unkonventionell und offen sein will, in der ihre Akteure nichts zu verbergen haben, selbst das Private nicht. Auf Twitter schreibt er über Politisches genauso wie über sein Beziehungsleben. An seine Freundin twittert er für alle mitlesbar: »Ich will ein Baby bekommen. Mittelbar.«

Reinhardts Haare sind kürzer, seine Sätze länger geworden. »Ich bin kein typischer Politiker, ich rede nicht in gestanzten Sätzen«, hatte Reinhardt nach der Wahl bei einem Vortrag an seiner ehemaligen Schule erklärt. Einige Wochen später, bei einem Treffen mit einem Lehrerseminar aus Rheinland-Pfalz, sagt ihm ein Teilnehmer: »Sie antworten wie ein Politiker.« Fabio Reinhardt braucht jetzt mehr Worte, um die Arbeit der Piraten im Abgeordnetenhaus zu erklären.

Die Piratenfraktion, die angekündigt hatte, mit ihrem Politikstil Geschichte schreiben zu wollen, hat bisher nur Geschichten produziert. »Peinliche Datenpanne bei den Piraten«, »Verdacht der Vetternwirtschaft: Berliner Piratin stellt ihren Freund doch nicht ein«, »Konsumiert hier ein Piratenpolitiker Koks?« lauteten die Schlagzeilen. Eigentlich Nebensächliches, das nur so viel Aufmerksamkeit bekommt, weil die Fraktion inhaltlich wenig zu bieten hat. Die Piraten wollen den parlamentarischen Betrieb aufmischen , stattdessen lähmen sie sich durch Misstrauen und formalistisches Gehabe. Sie debattieren ewig darüber, ob für eine Fraktionssitzung ein Zeitlimit gelten, ob es bei 17.30 oder 18 Uhr liegen soll, ob mit Pause oder ohne. Das ist wohl der Preis dafür, wenn jede Kleinigkeit gemeinsam entschieden wird.