ZEITmagazin: Frau Baer, Ihr Lebenslauf liest sich als schnurgerade Karriere...

Susanne Baer: Lebensläufe zeigen ja nicht die Zweifel und Umwege. Als ich in den USA studieren wollte, aber kein Stipendium bekam, oder als mein erster Versuch zu promovieren abgelehnt wurde, da sind schon Hoffnungen zerschmettert. Aber ich hatte immer die Neigung, zu sagen: Wenn da eine Mauer ist, musst du dir einen anderen Weg suchen. Ich habe Haare geschnitten und Zeitungen ausgetragen und geputzt, um das dann doch zu finanzieren. Als ich schließlich meinen Masterhut bekam, habe ich auf der Bühne geweint vor Glück. Dinge wie dieser Abschluss oder die Professur sind für mich Geschenke im Leben. Dafür habe ich etwas getan, aber mich haben auch immer viele Menschen unterstützt.

ZEITmagazin: Welche Begegnung hat Sie dabei besonders beeinflusst?

Baer: Als Studentin hörte ich einen Vortrag von Catharine MacKinnon über die amerikanische Verfassung – und war tief beeindruckt, wie jemand so frei von Pathos und so scharfsinnig binnen einer halben Stunde eine Welt für mich öffnen kann. Dass sie damals in den USA so umstritten war, weil sie gegen Pornografie anging, davon hatte ich keine Ahnung. Ich lernte eine intellektuell brillante Person kennen, die unerbittlich in der Schärfe ihrer Argumentation war – und die einfach mit mir diskutierte. Das kannte ich aus der deutschen Universität nicht.

ZEITmagazin: Ist die Distanz zwischen Studenten und Professoren hier so groß?

Baer: In Deutschland kann man traditionell großen Menschen folgen, also Schüler werden – oder Schülerin. Bei MacKinnon sollte ich selber denken. Als sie mein Interesse erkannte, gab sie mir einfach einen riesigen Stapel Unterlagen, ich ging damit nach Hause und dachte allein darüber nach. Kein Lernen durch Nachahmung, sondern durch Impuls. Das war aufregend. Es ging da nicht um Noten oder um Eitelkeit, sondern darum, sein Gehirn einzusetzen, um etwas zu begreifen und zu bewegen.

ZEITmagazin: Solche Freiheit kann auch überfordern. Viele Menschen tun sich leichter, wenn ihnen Grenzen gesteckt werden.

Baer: Ich habe wohl eine ziemlich ausgeprägte Allergie gegen Grenzen. Wo sie sinnvoll sind, akzeptiere ich sie: Ich will nicht provozieren. Aber wo sie unsinnig sind – das geht nicht. Eine Grenze bedeutet ja Stillstand, furchtbar. Man lebt doch, um etwas zu gestalten. Wenn Leute sich nicht bewegen, das macht mich ganz fertig. Es gibt ja auch überhaupt keinen Grund, heute stehen zu bleiben. Wenn etwas im Leben meine Rettung war, dann vielleicht diese Neigung: Du musst versuchen zu gestalten. Das geht nie allein, aber wer offen bleibt, begegnet immer auch anderen Menschen, um gemeinsam weiterzumachen. Über Begegnungen entsteht Bewegung.

ZEITmagazin: Das scheint Ihnen überhaupt sehr wichtig zu sein: Menschen zu begegnen.

Baer: Ja. Mein eigener Blick reicht nie weit genug. Ich brauche mehr Perspektiven, um etwas wirklich begreifen zu können. Das gehört für mich zur Gerechtigkeit. Ich hasse auch nichts mehr, als wenn jemand in Schubladen gesteckt wird: Zack, zack, man hat’s verstanden. Das ist das Böse an den Stereotypen: offen lesbisch, Frau am Bundesverfassungsgericht. So wird ein Mensch extrem reduziert.

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ZEITmagazin: Ist das überhaupt ein Thema?

Baer: Das Gericht war und ist wunderbar freundlich, fast umarmend. Andernorts gibt es aber auch das Gerede. Und manchmal fällt die gut gemeinte Bemerkung, dass »so eine wie du« am Verfassungsgericht ist. Das trifft immer ein bisschen, ebendiese Reduktion. Dass mein Leben jetzt so öffentlich ist, habe ich mir ja nicht ausgesucht. Aber es ist ganz gut so, denn es macht wieder eine Tür auf für andere. Und ich habe durchaus erlebt, wie wichtig das ist.

ZEITmagazin: Als Sie das erste Mal die Robe anhatten, war das ein Glücksgefühl?

Baer: Nein, es war das Gefühl von Verantwortung. Ich muss als Richterin beharrlich hinsehen und Unrecht erkennen und benennen, auch wenn es noch so klein ist. Eine fundamentale Ungerechtigkeit liegt doch darin, nicht genau hingeschaut zu haben. Wenn ich mich den ganzen Tag lang bemüht habe, mit jeder Windung meines Gehirns, einer Sache gerecht zu werden, dann ist es gut. Dann ist es ein tiefes Glück, die eigene Kraft in diesem Amt für etwas Gutes eingesetzt zu haben.

ZEITmagazin: Weil Sie auch auf diese Weise Türen für andere öffnen können?

Baer: Ja. Auch den Beruf der Professorin liebe ich deswegen. Wenn ich in der Vorlesung auf einer Stirn sehe: Es klickt. Wenn die Leute überrascht aussehen und irgendetwas Neues auch nur erahnt haben, wenn ich eine Tür aufgemacht habe. Das ist dann ebendieses Glück.