Zwickau, Zwickau, Zwickau. Zehn Morde, brauner Terror, Waffenlager, geheime Verstecke, Bekennervideos, Banküberfälle. Das »Zwickauer Terrortrio« ist in allen Nachrichten.

Die Tatorte aber liegen nicht in Zwickau, nicht mal in der Nähe, am »dichtesten« dran ist Nürnberg, mehr als 200 Kilometer weit weg. »Zwickauer Zelle«?

Zwickau ist meine Heimat. Ich wurde hier geboren. Ich lebe hier. Und ich schreibe hier blutrünstige Thriller. Viel Blut, viele Tote. Wenn ich Fremden erkläre, woher ich komme, sage ich: »Dort wurde der Trabant gebaut.« Den kennen alle. Ist mein Gegenüber musikalisch versiert, nenne ich Robert Schumann. Werde ich in Zukunft als Erstes sagen: »Sie wissen doch... die Zwickauer Zelle«? Ich hoffe nicht.

Ich mag meine Stadt. Ich mag das Beschauliche, Gelassene, Provinzielle; ich mag die Sachsen, ich mag unseren Akzent. Ich mag es, dass mich die Nachbarn kennen und wir uns Grüße zuwinken. Und nun? Die »Zwickauer Zelle« bringt alles in Verruf. Denke ich gerade. Ich ärgere mich. Stammen die Terroristen nicht aus Thüringen?

Ich schreibe neben Psychothrillern auch Bücher über authentische Fälle. Meine ersten fünf Kriminalromane spielten alle in und um Zwickau. Die Leser hier lieben das. Terroristen sind darin bislang nicht vorgekommen. Dafür Mord und Gräueltaten zuhauf in der sächsischen Provinz. Bei Lesungen sagte ich oft: »Man könnte fast auf dumme Gedanken kommen. Aber solch eine Hochburg des Verbrechens ist Zwickau nun wirklich nicht.« Es war, als wollte ich mich bei meiner Heimatstadt entschuldigen für all die Untaten, die ich ihr angedichtet hatte.

Meine Täter sind der Racheengel, der Mörder aus Leidenschaft, der ehemalige Zögling eines DDR-Kinderheims. Einen Serienkiller habe ich auch erschaffen. Fiktive Personen, erdachte Verbrechen. Jetzt hat die Realität mich überholt. Oder besser noch: überrollt. Wie eine braune Lawine ist der Terror in meine Heimatidylle eingebrochen und hat alles überdeckt.

An einem Wochenende Anfang November arbeite ich gerade an dem Kapitel Das Monster von Bremerhaven für mein nächstes Buch mit authentischen Fällen, als ich von der Explosion eines Hauses in Weißenborn höre. Im Norden Zwickaus. Viele Einfamilienhäuser, gepflegte Gärten. Sehr beschaulich. Ich denke nicht weiter darüber nach. Monster gibt es in Bremerhaven. Nicht hier.

In den folgenden Tagen jedoch kommen immer neue Details ans Licht. In der zweiten Novemberwoche werde ich bei einer Konferenz schon mit launigen Bemerkungen zu Zwickau, der »Hauptstadt der Terroristen«, begrüßt. Da amüsiere ich mich noch. Ein kleines Späßchen ist erlaubt. Bei der Langen Kriminacht nahe Zwickau, am 12. November, erkundigen sich die Gäste, ob ich jetzt nicht Stoff genug für neue Bücher hätte. Die Fragen stehen sinnbildlich für das, was viele andere denken.

Die Wirklichkeit bietet immer genügend Stoff für neue Bücher. Unzählige wahre Kriminalfälle warten darauf, aufgeschrieben zu werden. Doch die Handlung, die mir das Leben vor die Wohnungstür geliefert hat, ist zu dem Zeitpunkt noch zu diffus, um sie zu verarbeiten. Und Terroristen sind eigentlich nicht mein Metier. Ich bin eher die Spezialistin für das »kranke Hirn«. »Aber«, sagt die Schriftsteller-Stimme in meinem Kopf, »hier hast du doch ein perfektes Beispiel für kranke Hirne! Mach dich an die Arbeit und schreib das auf!«

In der folgenden Woche recherchiere ich gründlicher. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. haben etliche Jahre in meiner Heimatstadt zugebracht. Sie wohnten zuerst in der Polenzstraße, bevor sie nach Weißenborn zogen, lese ich im Netz. Mich schaudert. Das ist ja bei mir um die Ecke, Luftlinie nicht mal einen Kilometer! Ich erwäge, mal zu diesem Haus zu fahren, lasse es aber. Ich will keine Katastrophentouristin sein. Wieso haben die Verbrecher sich gerade hier angesiedelt?

Nennt doch die Terroristen ab jetzt Thüringer Zelle oder Jenaer Zelle. Alles mit »Zwickau« wäre unfair. Wäre es unfair? Hätte nicht auch Zwickau die Stadt sein können, aus der die drei stammen? Hätte es nicht jede andere Stadt sein können? Nicht nur hier im Osten? Im Westen auch? Und bin ich womöglich ein »Nimby«?

Nimby, ein Akronym aus dem Englischen, steht für not in my back yard; sinngemäß: »nicht in meinem Hinterhof«. Im Deutschen kennt man das Problem als Sankt-Florians-Prinzip. Verschone mein Haus, zünd andere an.

Zwickau ist nicht die Brutstätte des Verbrechens und schon gar nicht Hauptstadt des Terrors. Die viertgrößte Stadt Sachsens ist ein Symbol und ein Menetekel und bleibt doch die Stadt von Robert Schumann; die Wiege der sächsischen Automobilindustrie und – meine Heimatstadt, fiktiver Schauplatz einiger meiner Kriminalromane. Hat Zwickau sich in den letzten Wochen verändert? Ich glaube nicht.

»Das Wortbiest schläft nie«, hat Cody McFadyen geschrieben. Genau so ist es. Bei Schriftstellern ist das Wortbiest immer wach. Es saugt alles auf und schreibt und schreibt. Mein Gehirn konstruiert jetzt Geschichten über rechte Terroristen. Und manches erinnert mich an Brecht: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.