Regisseur Werner Herzog "Ich sang vor der gesamten Klasse – und schwor mir, nie wieder zu singen"
Der Albtraum des Vorsingens zerstörte Werner Herzogs Interesse für Musik. Durch seine Filme konnte er sich wieder für Musik begeistern.
Ich habe immer davon geträumt, Cello so selbstverständlich spielen zu können, wie man atmet. Denn für mich ist es das menschengerechteste aller Instrumente. Aber leider beherrsche ich überhaupt kein Instrument. Ich bin in einem Haushalt ohne Musik aufgewachsen. Nur bei den Trachtenumzügen im Dorf hörte ich Blasmusik. In meiner Familie war niemand musikalisch. Wir hatten kein Radio. Wir hatten allerdings auch kein Auto, Telefon oder fließend Wasser.
Meine Begeisterung für Musik wurde in jungen Jahren schwer beschädigt. Schuld daran war die Schule, genauer gesagt, ein Zwischenfall, den ich lange als Albtraum empfand. Damals wollte ein Lehrer mich zwingen, vor der gesamten Klasse zu singen. Das war eigentlich keine Strafe, sondern Teil seines Unterrichts. Es ging nach dem Alphabet, jeder Schüler hatte vorzusingen. Als die Reihe an mir war, weigerte ich mich. Ich wollte einfach nicht. Also wurde der Direktor gerufen und die ganze Klasse in Geiselhaft genommen, weil der Direktor sagte, die Schüler könnten erst in die Pause, wenn ich gesungen hätte. Ich verweigerte mich eine knappe Stunde lang, erst dann gab ich nach.
Ich sang und schwor mir, nie wieder zu singen. Es ging dem Lehrer längst nicht mehr darum, mich singen zu hören, er wollte mir nur das Rückgrat brechen. Schlagartig war nach jener Schulstunde die Musik für mich erledigt. Ich saß zwar weiterhin im Unterricht, hörte aber nicht mehr hin. Erst nachdem ich die Schule beendet hatte, bemerkte ich dieses Vakuum.
69, in München geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Regisseure. Derzeit läuft sein Film über die ältesten Zeichnungen der Menschheit im Kino: Die Höhle der vergessenen Träume
Auch aktuelle Musik konnte mich nicht mehr begeistern. Ende der Fünfziger hatte ich in München einen Elvis-Film gesehen und staunend erlebt, wie das jugendliche Publikum das Kino in Stücke zerlegte. Aber seine Musik hat mich später nie interessiert. Ich bin nicht in Rockkonzerte gegangen. Nur einmal, Ende der Siebziger, da schleppte mich Mick Jagger mit zu einem Auftritt von Pink Floyd. Was mich aber auch nicht beeindruckte.
Eines Tages war der Albtraum des Vorsingens dann doch überwunden, und mein Interesse an Musik kehrte langsam zurück. Vielleicht habe ich das meinen Filmen zu verdanken. Da habe ich Musik immer sehr bewusst eingesetzt. Ich glaube sogar, dass es in meinem Metier niemanden gibt, der das besser kann als ich. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich spüre immer mit traumhafter Sicherheit, was passt, und irre mich da nie. In den achtziger Jahren begann ich sogar, erfolgreich Opern zu inszenieren. Das war ein Traum für mich, weil ich klassische Musik inzwischen lieben gelernt hatte.
Heute spiele ich manchmal damit, dass ich keine Ahnung von Musik habe. Ich warne die Dirigenten, mit denen ich arbeite, dass ich keine Noten lesen kann. Riccardo Muti, mit dem ich mal an der Mailänder Scala an Fidelio arbeitete, sagte ich: »Maestro, Fidelio ist meine Lieblingsoper von Mozart.« Sein Lächeln gefror, ich lachte und klärte ihn auf, dass ich sehr wohl weiß, das die von Beethoven ist.
Und neulich habe ich sogar wieder gesungen: Happy Birthday für meinen Sohn – nicht gut, aber es hat Spaß gemacht.
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- Datum 27.11.2011 - 08:52 Uhr
- Serie Ich habe einen Traum
- Quelle ZEITmagazin, 24.11.2011 Nr. 48
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Für diesen Artikel wurde Werner Herzog von der BILD zum "Verlierer des Tages" erklärt.
Ist die Welt noch zu retten?
...für dullis ist, ist doch schon länger bekannt.
...für dullis ist, ist doch schon länger bekannt.
...für dullis ist, ist doch schon länger bekannt.
Ich entdecke Werner Herzog gerade - und bin fasziniert. Angefangen hat es mit Kinski und "Mein liebster Feind", aber während Kinski irgendwann nervt und man merkt, wieviel bei ihm Attitüde ist, ist es mit Herzog umgekehrt. Man könnte auch sagen, es bewahrheitet sich, dass stille Wasser tief sind. Seine ruhige Art in Interviews und seine angenehme Weise zu sprechen lassen ihn zunächst wie einen netten, ein wenig schrulligen Onkel erscheinen. Wenn man sich aber Zeit nimmt, kann man Herzog entdecken wie ein unbekanntes Land. Er passt zu keiner kulturellen Strömung und hat sich scheinbar auch nie darum geschert. Er folgt lieber seinen inneren Stimmen, nicht wie einem Zwang, sondern wie eine Art Kompass, und ohne sich dabei selbst zu reflektieren (nicht weil er Selbstreflexion für Luxus, sondern weil er sie für gefährlich für sich hält). Er fragt auch selten nach dem Sinn oder der Aussage einer Sache, sondern setzt sie einfach um - so kommt es, dass er nach zermürbenden Monaten sein Schiff letztendlich doch über den Berg gezogen kriegt - und alles, was er danach dazu sagen kann ist: "Ich nahm daran teil."
Ich lese gerade sein Buch "Die Eroberung des Nutzlosen", das ich sehr empfehlen möchte. Es entfaltet streckenweise poetische klare Kraft und Schönheit und ist ein Schatzkästchen voller luzider Beobachtungen. Und so langsam drängt sich mir die Frage auf, ob nicht Herzog der eigentliche Irre war/ist, den Kinski so gern darstellte. Oder ob die beiden sich gegenseitig verrückt gemacht haben. Oder ob der reflexionsverweigernde Herzog die schwelende Innenseite dessen ist, was Kinski dann letztendlich nur nach außen trägt. Ich weiß es nicht - auf jeden Fall fasziniert mich Herzogs Lebensphilosophie (wenn man das so nennen kann). Ich denke, er wird als einer der großen Außenseiter in die Geschichte der Kunst eingehen.
gab es auch bei uns. Mein damals bester Freund hat regelmäßig 5er kassiert, weil er sich geweigert hat, vor der Klasse zu singen. Irgendwann hat die Lehrerin sich allerdings erbarmt und ihn in der Pause allein singen lassen.
Für diejenigen unter uns, die Amerika lieben, empfehle ich besonders Herzogs Film „Stroszek“ (1977), der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat - im Gegenteil. Beeindruckend auch sein Dokumentarfilm „Grizzly Man“ (2005).
s. o.
... leider war mein zuletzt gesehener Film von ihm, "Die Höhle der vergessenen Träume", sehr enttäuschend - und das zum Großteil wegen der von mir als unsagbar störend und deplatziert empfundenen musikalischen Untermalung. Seine Aussagen ("Ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich spüre immer mit traumhafter Sicherheit, was passt, und irre mich da nie.") klingen für mich angesichts dessen ziemlich seltsam.
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