Nach endlosen Verhandlungen ist es dem »Superkomitee« aus Abgeordneten beider Häuser des US-Kongresses am Montagabend wieder nicht gelungen, sich auf eine Senkung des Staatsdefizits zu einigen . Wenn nicht noch in letzter Sekunde ein Durchbruch gelingt, wird es automatisch zu Einsparungen kommen, so wie es die beiden Parteien im Sommer angesichts einer drohenden Staatspleite vereinbart hatten. Es ist das Ende aller Politik. Aber Norquist jubelt: »Das ist eine gute Stunde für Amerikas Steuerzahler. Jetzt wird es nur Streichungen und nochmals Streichungen geben, aber keinen einzigen Cent zusätzliche Steuern!«

Das Scheitern der anderen ist sein Sieg. Grover Norquist, Amerikas Anti-Steuer-Fanatiker, triumphiert. Er feiert als Triumph, was eine Niederlage des Parlaments ist.

Der Chef der mächtigen Lobbygruppe Americans For Tax Reform tanzte am Montagabend auf allen Fernsehkanälen und telefonierte atemlos mit der Presse: Ja, das sei ein toller Erfolg. Nein, die Schlacht sei noch nicht gewonnen. »Der linke Ideologe« Obama und die »nimmersatten Demokraten«, warnte er, würden alles versuchen, die Steuern doch noch zu erhöhen. »Wir müssen wachsam bleiben!« 2012 sei die wichtigste Wahl seit Langem, das Jahr einer fundamentalen Entscheidung: »Verschwendungssucht der Demokraten oder Ausgabendisziplin der Republikaner ? Sozialistischer Wohlfahrtsstaat oder Rückbesinnung auf amerikanische Tugenden?«

Norquist sitzt nicht im Parlament. Er hat kein Mandat, bekleidet kein Regierungsamt und außerhalb von Washington kennt ihn fast niemand. Und doch ist er derzeit vielleicht der politisch einflussreichste Mann Amerikas. Seit 35 Jahren agitiert er gegen jede Steuererhöhung, jetzt hat er die Republikanische Partei fest im Griff und bestimmt die Schuldendebatte, die Amerika komplett lahmzulegen droht .

Sie nennen ihn »Fürst der Finsternis«. Darauf ist er stolz

An Norquist kommt niemand mehr vorbei, kein Abgeordneter, kein Präsident. In seinem Büro unweit des Weißen Hauses hängen eingerahmte Magazintitel mit seinem Bild. »101. Senator« wird er genannt, oder »Prinz der Finsternis«. Fotos zeigen ihn im Kreis der Mächtigen. Er ist stolz darauf. Und eitel. Sein Büro sieht aus wie ein Schrein für Grover Norquist.

Für viele symbolisiert Norquist all das, woran Amerikas politisches System seit Langem krankt: Ein mächtiger, skrupelloser Lobbyist, der mit viel Geld und einem dichten Beziehungsgeflecht die Politik vor sich hertreibt. Ohne jede demokratische Legitimation.

Vor ein paar Tagen schien es einen Moment lang, als entgleite ihm die Macht. Zwei wichtige republikanische Mitglieder des Superkomitees drohten aus seiner Anti-Steuer-Front auszubrechen. Lieber Grover Norquist, sagten die beiden Abtrünnigen, wir müssen nach Auswegen suchen. Die Rasenmähermethode der Kürzungen bringe nur Unheil. Man könne nicht nur mit dem Rotstift regieren. 500 Milliarden weniger für das Militär, 700 Milliarden Kürzungen in allen anderen Bereichen, das sei zu viel. Wenigstens ein paar Hundert Millionen Dollar Mehreinnahmen müssten sein, zum Beispiel durch Streichung von Steuerschlupflöchern.

Papperlapapp, sagte Norquist, die unmittelbaren Folgen des Scheiterns seien ihm egal. Die verzweifelte Warnung des Verteidigungsministers, Kriegsschiffe müssten bald ohne Soldaten auslaufen und Kampfjets ohne Munition starten, die Drohung der Rating-Agenturen, Amerikas Kreditwürdigkeit wegen des politischen Stillstands weiter herunterzustufen – alles halb so wild. Norquist geht es ums Prinzip. »Steuererhöhungen und Wohlfahrtsgeschenke sind Todsünden«, sagt er, »sie treiben Amerika nur weiter in die Schuldenspirale und die Bürger in Unmündigkeit und Abhängigkeit.«

Einlenken? »Kommt nicht infrage!«, antwortete Norquist den Abweichlern. Er witterte Verrat. Schließlich hatten beide Parlamentarier bereits vor Jahren feierlich gelobt, niemals einer Steuererhöhung zuzustimmen und auch Schlupflöcher nur dann zu schließen, wenn die Mehreinnahmen sofort in neue Steuererleichterungen flössen. Norquist besitzt dieses Versprechen schwarz auf weiß, in seinen Aktenschränken stapeln sich Hunderte solcher Dokumente. 279 republikanische Abgeordnete und Senatoren haben das von Norquist formulierte »Steuergelübde« unterschrieben, darunter alle sechs republikanischen Mitglieder des Superkomitees, der Sprecher des Repräsentantenhauses und der Minderheitsführer im Senat. Zudem mehr als ein Dutzend Gouverneure und Hunderte Parlamentarier aus allen Bundesstaaten. Selbst ein paar Demokraten sind darunter. »Das sind keine Versprechen, die sich beliebig widerrufen lassen«, sagt Norquist, »das ist ein Lebenseid.«