Helmut Roewer nennt sich selbst "etwas altmodisch". Vielleicht fühlt er sich deshalb inzwischen bei der Ehre gepackt von den Vorwürfen, die seit zwei Wochen um ihn und sein ehemaliges Amt kreisen. Roewer war von 1994 bis 2000 Präsident des thüringischen Verfassungsschutzes . Während seiner Dienstzeit gelang es dem Verbrechertrio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z., vom Radar der Sicherheitsbehörden zu verschwinden, obwohl sie schon lange wegen ihrer Gewaltbereitschaft beobachtet worden waren. Die Vermutung, dass Roewers Behörde kolossal versagt, vielleicht sogar mit den Neonazis kollaboriert habe, liegt nahe. So lautete die erste, naheliegende Interpretation vieler Politiker und Medien, auch die der ZEIT. Schließlich ist der Verfassungsschutz als Frühwarnsystem gedacht, er soll die Dunkelfelder ausleuchten, in denen die Polizei (noch) nicht ermitteln kann.

Genau das, kontert Roewer jetzt, habe er im Falle des Jenaer Trios auch getan, und zwar mit beträchtlichem Aufwand. Die Vorwürfe gegen ihn seien "ebenso dreist wie unzutreffend". Nicht der Verfassungsschutz, so legt es der 61-Jährige der ZEIT jetzt in einem per E-Mail geführten Interview dar, habe versagt, sondern die Landespolizei. Mehr noch: In ihren Reihen habe es allem Anschein nach Verräter gegeben, welche die Neonazi-Szene mit Informationen versorgt hätten.

Sollte Roewers Version stimmen, würde dies eine neue Dimension im Skandal um das Mordtrio bedeuten. Polizisten hätten dann eine schützende Hand über die späteren Serienkiller gehalten. Roewers Schilderungen dienen der Selbstverteidigung, keine Frage. Gleichzeitig enthalten sie wesentlich mehr Faktenbeschreibungen zum damaligen Geschehen, als sie das Erfurter Innenministerium bisher vorlegt. Sie betreffen das Ur-Rätsel des Falles, nämlich wie das spätere Mordtrio trotz umfassender Überwachung so blitzartig in den Untergrund abtauchen konnte, nachdem die Polizei im Januar 1998 in der Jenaer Garage von Beate Z. Bomben und Sprengstoff fand .

Laut Helmut Roewer hegte das Innenministerium schon "deutlich vor der Jena-Sache" den Verdacht, dass es "Informationsabflüsse" von der Polizei in die militante rechte Szene gegeben habe. Aus diesem Grund habe der damalige Staatssekretär Peter Krämer den Verfassungsschutz angewiesen, gegen thüringische Polizisten zu ermitteln. Roewer, so berichtet er, tat, wie ihm geheißen:

"Ich beauftragte einen Beamten, der besonders erfahren war und diskret arbeitete, zunächst in einem Sammelvorgang die einschlägigen Informationen, die meist aus Gerüchten bestanden, zu erfassen, zu systematisieren, und dann weiterzuforschen. Die Jena-Sache ging, nachdem sie passiert war, in diesen Vorgang als möglicher Zusammenhang mit ein. Der misslungene Ablauf der polizeilichen Aktion weckte den Verdacht, es könnte absichtsvoll etwas schiefgegangen sein."

Welche Erkenntnisse über eine mögliche Zusammenarbeit von Polizei und Rechtsextremisten bei den Ermittlungen seiner Behörde herauskamen, will Roewer nicht sagen. Nur so viel:

"Es war ein Puzzle aus vielen eigenartigen Situationen. Ich habe das Ministerium unterrichtet. Es war heikel, mit Daten umzugehen, die für dienstrechtliche Maßnahmen nicht ausreichen mochten. Insgesamt kein schöner Job."

Zugleich, so Roewer, habe ihn das Innenministerium beauftragt, eine eigenständige Suchoperation nach Mundlos, Böhnhardt und Z. zu starten. Das habe er auch getan, und zwar mit dem geballten Arsenal des Geheimdienstes:

"Ich fand diese Weisung richtig, hätte die Maßnahme auch ohne Weisung begonnen, und habe sie mit Nachdruck umgesetzt. Zum Repertoire gehörten technische Überwachungen im Umfeld, technische und menschliche Observation, und schließlich auch, was die Polizei nicht kann, das Eindringen in das Jenaer Umfeld des Trios mit Fernsehjournalisten. Auf diese Weise beschafften wir einmalige Bild- und Tondokumente."

Die Filmcrew sei über eine Tarnfirma des Verfassungsschutzes angeheuert worden. Ihr Recherche-Material habe die Behörde mit eigenen Überwachungsergebnissen verglichen, um sich einen Überblick über die Szene zu verschaffen. Unter anderem wegen dieser Aktion sei er, so Roewer, im Sommer 2000 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden. Der Dienstherr warf ihm Untreue vor, weil Roewer Honorare nicht vorschriftsmäßig abgerechnet habe. "Das Filmmaterial, so sagten mir ehemalige Mitarbeiter später, sei aus politischen Gründen vernichtet worden."

Der Polizistenjob lockt mit Werten, die auch Neonazis angeblich verteidigen

Filmaufnahmen von möglichen Unterstützern der Mordbande, die vernichtet wurden? Ein Innenministerium, das Neonazi-Sympathisanten innerhalb der Ermittlungsbehörden vermutet? Eine Fahndungsanfrage des Staatssekretärs an den Verfassungsschutz? Was war damals los in Thüringen? Haben die Ministeriellen ihren eigenen Polizisten nicht mehr getraut?

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtete am vergangenen Wochenende, Zielfahnder des Landeskriminalamts hätten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. zwischen 1998 und 1999 in Chemnitz aufgespürt. Die geplante Festnahme durch ein Sondereinsatzkommando habe das LKA aber in letzter Minute abgebrochen . Laut MDR beschwerten sich die damals beteiligten Beamten wegen des abgeblasenen Einsatzes bei der Amtsleitung. Daraufhin soll es ein Gespräch zwischen hohen Vertretern des Thüringer Innenministeriums und den betroffenen Polizisten gegeben haben. Was bei diesem Gespräch herauskam, ist nicht bekannt. Das LKA dementiert den MDR-Bericht; die Zielfahnder hätten damals nicht gewusst, wo sich das Trio aufgehalten habe.

Helmut Roewer sieht die Zusammenhänge in der Rückschau so:

"Nach meinem Eindruck gab es eine kleine Clique von Leuten, die sich nicht abfinden mochten mit dem Wahlergebnis vom Herbst 1994, wodurch die SPD mit an die Regierung kam und den Justiz- und den Innenminister stellte. Diese, nennen wir sie mal höflich Parteirebellen, versuchten, Polizeidaten zu missbrauchen, um den Innenminister und wohl auch die Koalition zu beschädigen. Dies war weder legal noch legitim, zeigt aber eine bestimmte Haltung, nämlich den Staat gegen die Regeln der Demokratie als Beute zu betrachten."

Peter Krämer, der Staatssekretär, der dem Verfassungsschutz die Anweisung gegeben haben soll, undichte Stellen innerhalb der Polizei zu überprüfen, lässt sich zu alldem nicht mehr befragen. Er starb im Juni 1997 im Alter von 52 Jahren, an Herzversagen. Der damalige Innenminister selbst, Richards Dewes (SPD), will sich nicht öffentlich äußern. Er wolle seine Aussagen erst vor den zuständigen Untersuchungsgremien machen, sagt er auf ZEIT-Anfrage.

Was ist das nun alles? Ein PR-Manöver eines Ex-Geheimdienstchefs, um von seinem eigenen Versagen abzulenken? Oder die eigentliche Fährte in einen Sumpf, den die Kontrolleure von Parlament, Staatsanwaltschaft und Ministerien schon vor Jahren hätten trockenlegen müssen?

Innenpolitiker in Thüringen wehren ab. Fast unisono beschreiben sie Roewer als unglaubwürdig, als einen, der seine Behörde "mehr als freihändig" führte. Der Innenexperte und SPD-Veteran Heiko Gentzel will zwar nicht ausschließen, dass der Verfassungsschutz damals um Hilfe bei den Ermittlungen gebeten worden sei. Hätte es aber tatsächlich Lecks bei der Polizei gegeben, mahnt er, hätte Roewer darüber sofort das Kontrollgremium des Parlamentes informieren müssen. "Solche Hinweise hat er uns nie gegeben, dazu gibt es keine Akten. Das wäre doch ein Skandal gewesen, wenn Polizisten gewaltbereite Neonazis unterstützt hätten. Wir wären dem sofort nachgegangen."

Im Moment, so Martina Renner, die innenpolitische Sprecherin der Linken, schiebe jeder jedem die Schuld zu, Verfassungsschutz, Landeskriminalamt und Justiz. "Herr Roewer sollte da sehr vorsichtig sein. Wenn es während seiner Amtszeit Neonazis bei der Polizei gegeben haben sollte, dann gab es sie erst recht beim Verfassungsschutz." Jedoch: Sollte das Trio tatsächlich von Zielfahndern aufgespürt und der Zugriff abgebrochen worden sein, müsse das LKA dies erklären.

Ist der Gedanke, einzelne Polizisten könnten mit Rechtsextremen sympathisieren, vermessen? Oder ist er nicht im Gegenteil naheliegend? Der "Thüringen-Monitor" der Uni Jena über die politische Kultur im Freistaat, zeigt eine hohe Zustimmung zu rechtsradikalen Parolen. Der Aussage "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet" stimmten zwischen 2001 und 2010 durchschnittlich 53 Prozent der Thüringer zu. Die These "Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform", unterschreiben 17 Prozent. Wenn die Polizei ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, kann sie von solchen Einstellungen nicht ganz frei sein. Der Polizistenjob lockt mit Werten, die auch Neonazis angeblich verteidigen: Ehre, Anstand, Pflicht, Kameradschaft. Hinzu kommen Unterlegenheitsgefühle, glaubt Rainer Erb, ein Soziologe, der an Polizeischulen unterrichtet und das Thüringer Innenministerium im Kampf gegen Neonazis beraten hat. "In den neuen Bundesländern wurde nach der Wende viel altes Personal übernommen, und an die Spitze wurden Karrierebeamte aus dem Westen geholt. Ehemalige Volkspolizisten sind nicht so sattelfest in der Demokratie."

Jürgen Hoffmann, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft von Thüringen, will nicht ausschließen, dass es unter seinen Kollegen sehr vereinzelt Neonazis gebe. "Aber wir kennen die Polizisten im Land, das sind gute Jungs und keine Rechtsradikalen." Mit Sicherheit gebe es in der Thüringer Polizei keine breite rechte Gesinnung. Allerdings können auch vereinzelte schwarze Schafe beträchtlichen Schaden anrichten; sie müssen nur an den richtigen Stellen sitzen und die falschen Leute kennen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen in Thüringen, Anja Siegesmund, glaubt nicht nur, dass das Trio viele Hintermänner hatte, sondern auch, dass sie gewarnt wurden und deswegen abtauchten. "Von wem, ist aber völlig offen", sagt Siegesmund. "Wir stehen am Anfang der Aufarbeitung."

Um sie voranzutreiben, fordern jetzt viele andere von der ZEIT befragte Landespolitiker den Ex-Verfassungsschützer Roewer auf, für Klarheit zu sorgen. "Wenn Roewer es kann, soll er endlich die Namen nennen und keine Gerüchte streuen", sagt Polizeigewerkschafter Hoffmann.

Helmut Roewer beteuert, genau das tun zu wollen. Allerdings nicht in der Zeitung, sondern vor der Untersuchungskommission des Thüringer Innenministeriums. Minister Jörg Geibert sagt, er "freue" sich, wenn Roewer seine Kenntnisse dem Gremium mitteilen wolle. Roewer sagt, bis jetzt habe er keine Einladung aus Erfurt bekommen.

Mitarbeit: Hauke Friederichs