Tomi Ungerer ist eine Jahrhundertgestalt, die sich den Anschein des Narren gegeben hat, um das Jahrhundert zu überstehen. Er wurde 1931 in Straßburg geboren und lernte unter deutscher Besatzung, den Deutschen zu spielen, nach dem Krieg erwarteten die Lehrer von ihm, dass er das Deutsche aus seinem Sprachschatz tilge. Ungerer zog daraus die höhere Lehre, sich keiner Nation zugehörig zu fühlen und ein freier, innerlich vogelfreier Mann zu werden. Diese Freiheit fand er als Zeichner.

Zu den entscheidenden Kunsterfahrungen seiner Jugend gehörten der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald, den er in Colmar immer wieder betrachtet hatte, und die Zeichnungen des Amerikaners Saul Steinberg – und beides gefiel ihm: die überbordende Fülle des großen Kunstwerkes und die zum Zeichen verknappte geniale Skizze. Ungerer schuf unzählige Kinderbücher, aber auch satirische Bände für Erwachsene; unter ihnen The Party und Fornicon – das erste ein Totenbuch über die High Society, das zweite die eiskalte Höllenvision einer automatischen Sexualität.

Ungerer hat den Tod einmal seinen großen Antrieb genannt, und in seiner Kunst kommt es immer wieder zu Orgien zwischen Skeletten und Wesen, die noch warm und selbstgewiss in Fleisch gepackt sind. Drei Herzinfarkte hat Ungerer überstanden, und wenn man ihn heute sprechen hört, in seinem wunderbaren Deutsch, wirkt er wie ein lebenstrunkener, erwartungsvoller Mann. Am 28. November wird er 80 Jahre alt.