Woher kommen wir? Wer nach seinen Wurzeln sucht, gräbt selten tief. In der Erinnerung von Verwandten und in Archiven verliert sich der Faden jeder Familiengeschichte nach ein paar Generationen. Und selbst die besten Quellen der Historiker reichen in Mitteleuropa gerade bis zur Epoche Christi zurück. Von den riesigen Zeiträumen davor erzählen nur alte Knochen – und Mythen. Svante Pääbo indes hat uns die Vergangenheit auf einem neuen Weg zugänglich gemacht: Er sucht Zeugnisse unserer Herkunft in uns selbst, in unseren Genen. So hat er gelernt, nicht nur im Erbgut heute lebender Menschen zu lesen – er rekonstruiert auch die Gene von Vorfahren, die vor Zehntausenden Jahren starben. Das Ausgangsmaterial gewinnt er aus Mumien, Fossilien und sogar eingetrockneten Exkrementen aus Höhlen. So hat Pääbo die Disziplin der Paläogenetik begründet.

Der Sohn einer estnischen Chemikerin und eines späteren Medizinnobelpreisträgers wurde 1955 in Stockholm geboren. Heute ist er Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Wer sein Labor im dritten Stock nicht mit dem Aufzug erreichen will, durchsteigt eine mit Überhängen gespickte Kletterwand, die der begeisterte Sportkletterer Pääbo in der Eingangshalle anbringen ließ. Oben wird der Besucher vom Abguss eines Neandertalerskelettes begrüßt.

ZEITmagazin: Professor Pääbo, Gott soll Adam aus Lehm geformt haben, die nordamerikanischen Hopi dagegen erzählen sich, die heilige Spinnenfrau habe die ersten Menschen aus ihrem Speichel gewebt. Warum regt die Frage, woher wir kommen, die Fantasie der Menschen dermaßen an?

Svante Pääbo: Weil wir wissen wollen, wer wir eigentlich sind. Und weil wir hoffen, die Geschichte werde es uns verraten.

ZEITmagazin: Wir Europäer sind Neandertaler, wenigstens zum Teil, haben Sie nun erklärt. Was genau haben Sie gefunden?

Pääbo: Dass die Neandertaler nicht vollständig ausgestorben sind, sondern, wenn Sie so wollen, in allen Menschen außerhalb Afrikas fortleben. 

ZEITmagazin: Bisher dachte man, sie seien restlos verschwunden, weil der geistig überlegene Homo sapiens die Neandertaler als Freiwild betrachtete.

Pääbo: Ja. Wir haben aus Fossilien die Erbsubstanz von Neandertalern gewonnen und das Genom sequenziert...

ZEITmagazin: ...das heißt entschlüsselt.

Pääbo: Wenn Sie nun die Gensequenz der Neandertaler mit der von heutigen Menschen vergleichen, sehen Sie bei Europäern gewisse Übereinstimmungen – bei Afrikanern aber nicht.

ZEITmagazin: Einige unserer Vorfahren haben sich mit Neandertalern gepaart.

Pääbo: Das ist jedenfalls die einfachste Erklärung. Asiaten, die Ureinwohner Amerikas und Ozeanier zeigen denselben Befund wie Europäer. Vermutlich vermischten sich Neandertaler und moderne Menschen im Nahen Osten – nachdem die ersten modernen Menschen aus Afrika ausgezogen waren, auf die dort ansässigen Neandertaler trafen und bevor sich ihre Nachkommen über alle anderen Kontinente verteilten.

ZEITmagazin: Woher waren die Neandertaler gekommen?

Pääbo: Ebenfalls aus Afrika. Ihre Vorfahren hatten sich jedoch schon vor vielleicht 400.000 Jahren auf den Weg nach Norden gemacht.

ZEITmagazin: Normalerweise sind es männliche Eroberer, die sich eine einheimische Frau nehmen. Aber hier fühlten sich wohl eher die zugereisten Homo-sapiens-Frauen von gut gebauten Neandertalern angezogen, wenn ich Ihre Veröffentlichung richtig verstehe. In einem bestimmten Teil der DNA, den nur Frauen auf ihre Nachkommen übertragen, findet man kein Erbgut der Neandertaler.

Pääbo: Ja, aber das kann Zufall sein. Andere Befunde von den Geschlechtschromosomen sprechen dagegen: Sowohl Frauen als auch Männer hatten Sex mit Neandertalern – ob Frauen etwas mehr, können wir noch nicht sagen.