ZEITmagazin: ...dem weltweit wohl angesehensten Wissenschaftsmagazin. Das war 1985.

Pääbo: Erst da merkte die Stasi, was geschehen war, und verhörte jeden im Museum. Als ich dann wieder nach Ost-Berlin kam, hatte keiner mehr Zeit für mich. Uppsala sei ein bekanntes Zentrum antisozialistischer Propaganda, hieß es.

ZEITmagazin: Für einen 29-Jährigen ist so viel Aufsehen ein schöner Erfolg. Drei Jahre zuvor hatte Ihr Vater, Sune Bergström, den Medizinnobelpreis gewonnen. Standen Sie als Sohn eines so berühmten Mannes unter besonderem Druck?

Pääbo: Nein, niemand wusste, dass ich sein Sohn war. Meine Mutter lebte nicht mit ihm zusammen, als Kind sah ich ihn nur samstags. Er erzählte zu Hause, dass er die Samstage im Labor verbringe, obwohl seiner Frau alles bekannt war. Aber kurz vor seinem Tod wusste noch nicht einmal mein Halbbruder von mir. Nach seinem Nobelpreis war ich darüber froh.

ZEITmagazin: Wollten Sie mit Ihren Genstudien eigentlich die wahren Verwandtschaftsverhältnisse der Pharaonen aufklären?

Pääbo: Ich träumte davon, fundamentale Fragen der ägyptischen Geschichte zu beantworten, über die Textquellen keine Auskunft geben. Kamen etwa mit Alexander dem Großen tatsächlich viele Griechen ins Land? Aber es hat nicht funktioniert.

ZEITmagazin: Warum nicht?

Pääbo: Die Mumien-Erbsubstanz ist zu stark abgebaut. Und wenn man sie unvorsichtig entnimmt, wird sie sehr leicht mit moderner DNA kontaminiert. Aber das wussten wir damals noch nicht.

ZEITmagazin: Die Nature-Veröffentlichung beruhte auf einem Irrtum: Was Sie für die Gene eines Pharaonenkindes hielten, waren in Wirklichkeit Ihre eigenen.

Pääbo: Der Nachweis der DNA in den alten Zellkernen war schon richtig. Aber die Sequenzen kamen wohl von meinen Genen. Wir haben diese Tatsache, dass die Sequenzen wahrscheinlich nicht alt waren, ein paar Jahre später selbst veröffentlicht. Nach meiner Promotion stand ich also vor der Frage: Sollte ich es weiter versuchen – oder doch lieber etwas medizinisch Nützliches machen? Ich entschied mich für den ersten Weg und ging in ein Labor in Berkeley, Kalifornien. Dort arbeitete man am Erbgut von Quaggas. Bei diesen ausgestorbenen Zebras kamen wir um das Problem der Kontamination herum, weil die menschliche DNA anders aussieht. Dann habe ich mit den Genen anderer ausgestorbener Tiere gearbeitet. Ich untersuchte das Riesenfaultier, den australischen Beutelwolf, alle möglichen Laufvögel.

ZEITmagazin: Das war, bevor Jurassic Park ein Welterfolg wurde.

Pääbo: Der Roman von Michael Crichton, auf dem der Film beruht, war von unserem Labor inspiriert. »Alles begann damit, dass ein paar Wissenschaftler die DNA ausgestorbener Pferde aufgespürt haben«, heißt es im Buch.

ZEITmagazin: In Jurassic Park werden diese Geschöpfe wiedererweckt. Können Sie sich so etwas vorstellen?

Pääbo: Mit Dinosauriern?

ZEITmagazin: Sagen wir, mit Mammuts.

Pääbo: Nicht in dieser naiven Form. Da bräuchte man Zellen von einem gefrorenen Mammut, in denen jedes einzelne Gen intakt ist. So etwas wird man nie und nimmer finden. Aber mein Harvard-Kollege George Church geht ja mit einem anderen Szenario hausieren: Nachdem wir jetzt das Neandertalergenom kennten, lasse sich doch die DNA eines heutigen Menschen gewissermaßen in einen Neandertalerzustand umprogrammieren. Wenn man das Ganze in einer menschlichen embryonalen Stammzelle mache, könne man ein Neandertalerbaby erzeugen.

ZEITmagazin: Man bräuchte nur noch eine Leihmutter, die es austrägt.

Pääbo: Aber von allen technischen Schwierigkeiten einmal abgesehen – so etwas darf man natürlich mit menschlichem Erbgut nicht tun. Wenn ich Church das sage, antwortet er: »Gut, dann bauen wir eben ein Schimpansengenom um.« Als ob es das besser machte! Dann hätten Sie noch immer aus reiner Neugier ein menschliches Wesen erzeugt. Aber ich kann mir etwas anderes vorstellen: Man könnte ein paar Neandertalergene in erwachsene menschliche Stammzellen einschleusen und sehen, was sie dort tun.