Greenpeace-Aktivisten werben in Durban für erneuerbare Energien. © Alexander Joe/Getty Images

Die Bürokraten sind nicht unsere letzte Hoffnung. Und verloren ist die Welt, wie wir sie kennen, noch nicht – auch wenn in Durban der Weltklimagipfel vor die Wand fährt . In wenigen Tagen werden dort die Vertreter von 194 Staaten wohl ein frustrierend unverbindliches Nicht-Ergebnis präsentieren: kein neues Kyoto-Protokoll, keine allgemein verbindlichen Emissionsgrenzen, natürlich keine Sanktionen, auch nicht für die größten Klimasünder – alles andere wäre ein Wunder! So lautet die Erwartung der Experten an Durban.

Das ist deprimierend, geradezu irre. Denn die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels sind klarer denn je. Bei allen Unsicherheiten im Detail existiert eine ziemlich plausible Vorstellung von den wahrscheinlichen Folgen fortgesetzten Nichtstuns. Darum dürfte die Frage in Südafrika gar nicht lauten, ob es eine Kyoto-Fortsetzung gibt . Sondern nur noch, wie viel strenger, radikaler, wirksamer sie ausfallen müsste – hätte nur die Begrenzung der Erderwärmung nicht politisch so rasant an Bedeutung verloren! Die Prioritäten sind heute andere. Erinnert sich noch jemand an die Appelle beim G-8-Gipfel von Heiligendamm (2007)? An die Endspielstimmung vor der Klimakonferenz von Kopenhagen (2009)? Seither hat die Finanzkrise unsere Repräsentanten gnadenlos in Anspruch genommen. Auch Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource.

Das Drängendere ist der Feind des Dringenden

Es ist wie beim Jonglieren, beliebig viele Bälle lassen sich nicht in der Luft halten. Da ist das Drängendere der Feind des Dringenden. Wenigstens als Nicht-Ökonom könnte man sich ereifern: Unerträglich, wie eine künstliche Weltkrise mit ihren Spekulationen und roten Fantastillionen uns davon abhält, ein natürliches Problem von Weltrang zu lösen. Eines, in dem es nicht um Buchungsschulden geht, sondern um Moleküle in unserer Atmosphäre, die als lange laufende Hypothek auf unseren Lebensräumen und unserer Nahrungsversorgung lasten.

Aber mal ernsthaft, auch wenn die Finanzkrise bewältigt wird – erwartet irgendjemand, dass es danach normal weitergeht? In dieser bunten, widersprüchlichen, gefühlt immer schneller rotierenden Welt ist doch die Ausnahmesituation der neue Normalfall. (Wer wirklich eine Zukunft ohne Wirtschaftskrisen, Seuchen, Naturkatastrophen und soziale Konflikte erwartet, der hebe bitte die Hand!) Es wird immer etwas anliegen, das noch höhere Priorität genießt als jene globale Sauerei in der Erdatmosphäre.

So ist die Realität. Aber das ist jetzt keine Ausrede dafür, mit einem lauten Seufzen die Vorhänge zuzuziehen und eine melancholische Platte von Nick Cave aufzulegen.

Die Lektion aus Durban am Ende dieses rastlosen, überraschenden, beängstigenden Jahres 2011 ist eine andere: Erstens wird die Erderwärmung immer wieder von anderen Großproblemen aus dem Zentrum unserer Aufmerksamkeit verdrängt werden. Zweitens setzt jede Abhilfe Maßnahmen voraus, die langfristiger angelegt sind, als Amtszeiten und Themenzyklen dauern. Ein Klimaschutz aber, der auf Jahrzehnte angelegt ist , muss so robust sein, dass er nicht nur in den Schönwetterperioden der Weltpolitik funktioniert. Wir brauchen einen Klimaschutz, der von selbst läuft, vor allem in rauen Zeiten.