Afghanistan-Einsatz "Es gab Momente, in denen ich mich fragte: Was machst du hier?"

Zehn junge Männer erzählen, wie es ist, in den Krieg zu ziehen. Feldwebel Benjamin Blind ist einer von ihnen.

ZEITmagazin: Herr Blind, Sie gehen jetzt zum ersten Mal nach Afghanistan. Mit welchen Gefühlen?

Benjamin Blind: Eine gewisse Vorfreude ist schon da. Wie ist das fremde Land? Wie sind die Menschen? Wie wird sich meine Gruppe schlagen? Es ist mein Auftrag und Beruf, da runterzugehen. Es werden aber auch viele unschöne Dinge passieren. Davon gehe ich aus. In jedem Falle erwarte ich eine andere Kultur, auf die ich mich einstellen muss.

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ZEITmagazin: Wie viele Mann haben Sie unter sich?

Blind: Sechs Mann. Ich kenne sie, und auf den Übungsplätzen und in der Kaserne, da hat es gut funktioniert. Ich freue mich auf die Zeit mit den Jungs.

ZEITmagazin: Sie sind ein Alphatier?

Blind: Bedingt durch meinen Dienstgrad schon. Aber die Männer werden natürlich wissen wollen: Wie tickt er, was sind seine Vorstellungen, wie reagiert er in Stresssituationen? Und danach richten sie sich dann aus. Ich muss einen klaren Weg als Führer finden. Bin ich Kumpel, der mit ihnen zusammensitzt, über ihre Probleme redet, das Essen, die Frauen und die Hobbys, oder strikter Vorgesetzter?

Benjamin Blind
Benjamin Blind

23 Jahre, Feldwebel, Gruppenführer. Blind ist seit fünf Jahren bei der Bundeswehr. Der Fallschirmjäger war zum ersten Mal in Afghanistan im Einsatz und zum ersten Mal Gruppenführer. Er hatte sechs Mann unter sich. Blind ist gelernter Automechaniker, unverheiratet und kinderlos.

ZEITmagazin: Und was sind Sie?

Blind: Irgendwo in der Mitte, glaube ich. Ich muss meine Aufgaben erfüllen, aber auch auf die persönlichen Dinge der einzelnen Soldaten eingehen. Kameradschaft ist dabei wichtig. Die muss stimmen, sonst funktioniert die Gruppe nicht richtig. Klar kommt es dabei auch zu Reibereien. Es gibt auch immer wieder Streitereien. Man nervt sich. Das ist normal. Aber man ist und bleibt eine Familie – so kann man es ausdrücken.

ZEITmagazin: Was erwarten Sie von sich selbst?

Blind: Dass ich meine Gruppe ordentlich führe, für meine Soldaten da bin und sie gesund nach Hause bringe. Natürlich will ich auch mit positivem Beispiel vorangehen, indem ich sage: Männer, ich halte das durch, dann könnt ihr das erst recht. Anstatt, dass ich meine Soldaten vorschicke und sage: Ihr macht das schon. Man muss sich stets und ständig auch selber ins Gesicht gucken können.

ZEITmagazin: Können Sie mit Stress umgehen?

Blind: Ja, durch Training und innere Disziplin. Das habe ich auch durch autogenes Training und verschiedene Kampfsportarten gelernt. Man erfährt dabei viel über sich selbst, die eigenen Grenzen und wie man sie überwindet. Man muss 30 Kilometer laufen, kann aber schon nach 15 nicht mehr und marschiert dennoch weiter bis zum Ziel. Dieses Hochgefühl, nicht mehr zu können und dennoch geht es weiter. Man fühlt sich quasi wie neu, wenn man es geschafft hat.

ZEITmagazin: Wie ein Adrenalinjunkie?

Blind: Ja, man kann das so sehen.

ZEITmagazin: Stellen Sie sich manchmal die Frage, ob Ihr Afghanistaneinsatz sinnvoll ist?

Blind: Das ist zu politisch. Dafür bin ich Soldat geworden, um nicht solche Entscheidungen treffen zu müssen. Sonst hätte ich mich ja zur Politik gemeldet.

ZEITmagazin: Warum sind Sie Soldat geworden?

Blind: Aus innerer Einstellung. Ich wollte erst Pilot werden, habe mich dann aber zum Fallschirmjäger ausbilden lassen. Das ist nach wie vor eine tolle Erfahrung, ein unbeschreibliches Gefühl. Alleine am Schirm zu hängen und einfach nur Himmel und Natur um sich zu haben. Kann ich sehr empfehlen.

ZEITmagazin: Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?

Blind: Angst vor dem Einsatz? Nein! Eher Respekt. Angst lähmt. Wenn ich Angst hätte, würde ich da unten keinen Schritt machen.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihr Testament gemacht?

Blind: Ja, man fühlt sich definitiv mulmig. Aber das sind Dinge, die einfach dazugehören.

ZEITmagazin: Sind Sie verheiratet?

Blind: Nein, ich habe eine Freundin.

ZEITmagazin: Und das bleibt auch so, wenn Sie weg sind?

Blind: Das ist natürlich die stille Hoffnung. Klar, man hofft es, man kann es nicht sagen.

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    • Quelle ZEITmagazin, 1.12.2011 Nr. 49
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    • Schlagworte Afghanistan | Soldat | Bundeswehr
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