ZEITmagazin: Herr Förster, Sie bereiten sich nun schon auf Ihren vierten Einsatz in Afghanistan vor. Welche der bisherigen Erfahrungen dort hat Sie am tiefsten bewegt?

Thorsten Förster: Letztes Jahr am 5. September wurden wir von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Ein afghanisches Auto mit Kölner Kennzeichen fuhr auf meine Kolonne zu, unser Fahrer sagte noch: Mensch, guck mal, der kommt aus Köln. Aber der Wagen hielt nicht an – und auf einmal gingen fünfzig Kilo Sprengstoff unter unserem Dingo hoch. Wir wurden von der Straße gefegt und rollten den Hang hinab, ich hatte Verbrennungen an der Hand, im Gesicht, am Ellenbogen, am Bein, außerdem Verletzungen von mehreren Steinen am Hinterkopf. Mein Richtschütze hatte Splitter im Gesicht, weil der Bildschirm der Bordmaschinenwaffe implodiert ist, auch die anderen Kameraden waren verletzt. Das ist der Moment, wo man ganz tief durchatmen muss: Was habe ich in der Heimat gelernt? Also haben wir die Kameraden aus dem Fahrzeug geborgen, und ich als Zugführer habe die Koordinierung der Kräfte vor Ort übernommen. Ich wusste, wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir setzen uns an den Straßenrand und weinen, oder wir versuchen das Ganze zu kompensieren und ein bisschen zu verkaspern. Ich bin die zweite Variante gefahren, und das war gut so. Man macht kleine Scherze und sagt vielleicht zu einem Kameraden: Fang nicht an, das Gras anzukokeln.

ZEITmagazin: Sie haben also funktioniert?

Förster: Hundert Prozent. Sosehr ich öfter auf das Gefechtsübungszentrum schimpfe, wenn es einem das Wochenende versaut: Hier muss ich definitiv Danke sagen, das Geübte ist so tief drin. Man ist beeindruckt von sich selbst, dass man in der Lage ist, so etwas zu leisten. Ja, wir waren stolz, dass alle der Männer verstanden hatten, was zu tun ist. Ich musste gar nicht großartig Befehle geben.

ZEITmagazin: Zu funktionieren kann aber auch heißen, auf Menschen zu schießen. Mussten Sie schon mal jemanden erschießen?

Förster: (Schweigen)

ZEITmagazin: Heißt das: Ja?

Förster: Nächste Frage, bitte.

ZEITmagazin: Reden Sie miteinander darüber, wenn es zum Äußersten gekommen ist?

Förster: Das war nicht oft nötig. Wir hatten zwanzig schwere Gefechte, danach haben wir im Halbkreis ausgewertet: Wie fühlst du dich dabei, wie hast du das gesehen? Das ist immer sehr unkompliziert. Nach vier Wochen trennt sich die Spreu vom Weizen: Wir hatten zwei Kameraden, die nach Hause mussten, weil sie nervlich nicht durchgehalten haben. Da wir im Zug ein sehr, sehr gutes Verhältnis zueinander haben, war es für sie kein Problem, zu sagen: Thorsten, hör mal zu, ich habe jetzt ein Problem vom Kopf her. Da bin ich froh, dass die Jungs zu mir kommen. Bevor der Mann nicht mehr funktioniert und wirklich Mist baut, sage ich: Klar, es ist besser für dich, fahr nach Hause.

ZEITmagazin: Wenn das Verhältnis so gut ist: Werden die Kameraden auch Freunde?

Förster: Ich habe in dieser Einheit definitiv Freunde. Der zweite, dritte Einsatz gemeinsam, so etwas verbindet. Vor allem, wenn wir gemeinsam am Jahrestag des Anschlags unseren neuen Geburtstag feiern.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihr Testament gemacht?

Selbstverständlich. Und die Kopie meines Abschiedsbriefes habe ich in der Brusttasche, falls etwas passiert. Darüber muss man vorher reden, wir tun das ganz offen. Jeder hat einen Soldaten seines Vertrauens eingewiesen: Das ist meine Telefonnummer zu Hause, und wenn, du weißt, sprich bitte mit ihr... Wer das nicht macht, hat das Prinzip nicht verstanden. Einige haben da ein falsches Berufsverständnis, die sind zusammengebrochen, weil am Anfang ihres Einsatzes nur stand: Ich brauche das Geld. Aber man muss innere Überzeugung reinlegen.

ZEITmagazin: Was ist Ihre innere Überzeugung?

Förster: Die Freiheit der Bundesrepublik Deutschland tapfer zu verteidigen. Denn ich sehe die Notwendigkeit der Bundeswehr da unten. Haben wir Raum freigegeben, haben sich die Aufständischen immer das Gelände zurückgeholt. Wenn wir uns ins Camp eingeigelt haben, sind sie näher gekommen und haben uns mit Raketen beschossen. Wenn wir aus Afghanistan rausgehen, ist es also eine Frage der Zeit, bis der Terror wieder massiv nach Pakistan oder sonst wo getragen wird und irgendwann in Europa ankommt. Es klingt zwar traurig und stumpf, aber ich erkläre es meinen Männern so: Was wir dort machen, ist eine Art Beschäftigungstherapie für die Taliban, die sich sonst Stück für Stück die Bevölkerung zurückholen. Darum ist das für mich leider ein Fass ohne Boden. Die Bundeswehr wird dort noch sehr, sehr lange notwendig sein.

ZEITmagazin: Sind Sie bereit, in Afghanistan zu sterben?

Förster: Ich weiß, was Sie meinen. Aber man muss sich die Überzeugung aufbauen, unschlagbar zu sein, sich ein Mantra schaffen: Mir kann das nicht passieren, mir kann das nicht passieren. Natürlich kann es passieren, aber wenn ich mir eingestehe, dass da unten einer sein könnte, der besser ist als ich, mache ich mich angreifbar.

ZEITmagazin: Trotz Ihrer Erfahrenheit werden Sie diesmal nur Stellvertreter eines neuen Zugführers, der frisch von der Universität kommt. Zeichnen sich da Schwierigkeiten ab?

Förster: Selbstverständlich, aber da muss man sich zusammenraufen. Wenn ich auf dem Truppenübungsplatz irgendeinen Hauptmann oder Major vor mir habe, der seit zehn Jahren an der Truppenschule ist, aber noch nie im Einsatz war, und wenn er Dinge lehrt, von denen ich merke, im Einsatz werden die nicht funktionieren – dann muss ich den Mund halten. Aber ich habe das Glück, dass mein Zugführer K. noch sehr jung und formbar ist. In den Wochen auf dem Truppenübungsplatz hat er schon viele Ratschläge angenommen.

ZEITmagazin: Was denken Sie, was Sie in diesen sechs Monaten erwartet?

Förster: Wir beginnen einen völlig neuen Auftrag, im Ausbildungsschutz-Bataillon für Masar-i-Sharif. Da gibt es noch keine Erfahrungen von Vorgängern. Das Einzige, was durchgedrungen ist: Wir werden sehr lange Phasen draußen haben, davor habe ich gewaltigen Respekt. Nach zwölf Tagen Draußenstehen bei diesen Temperaturen wissen Sie nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht. Und nach zwanzig Tagen mit den selben vier Personen auf dem Fahrzeug ist irgendwann Tilt. Da lernen Sie sich so sehr kennen, wie Sie es gar nicht wollen.

ZEITmagazin: Haben Sie eine Partnerin, die Sie jetzt zurücklassen müssen?

Förster: Vor drei Wochen ist meine Ehe zu Ende gegangen, nach 15 Jahren. Das hatte viel mit meiner Dienstzeitbelastung zu tun, und bei ihr war es dasselbe: Sie arbeitet im Vorstand einer Bank, meistens bis 22 Uhr. Nachdem es jetzt so gekommen ist, wird der Einsatz fast eine willkommene Ablenkung, ich kann Abstand gewinnen.

ZEITmagazin: Aber in der Ferne ist es bestimmt wichtig, dass man an jemanden denken kann.

Förster: Das ist in der Tat meine größte Sorge. Man muss einen Grund haben zurückzukommen. Aber ich habe ja noch etwas Zeit, einen zu finden.

ZEITmagazin: Wie, glauben Sie, werden Sie sich verändern?

Förster: Sie werden mich gestresst sehen und leicht abgemagert, aber vom Wesen her in keinster Weise verändert. Wir leben dort unten wie in einer Blase, weil wir alle in derselben Firma arbeiten. Da unten gibt’s nur ein Thema: Afghanistan.

ZEITmagazin: Haben denn all Ihre Einsätze Sie gar nicht verändert?

Förster: Die wesentliche Veränderung bringt der erste Einsatz, ein Abstumpfungsprozess gleich zu Anfang. Sie gehen durch einen Straßenzug, wie Sie es ein Dutzend Mal geübt haben, aber auf einmal steht da nicht die Scheibe mit der Frau und dem Kleinkind auf dem Arm, sondern da steht wirklich eine Frau mit ihrem Kind. Andererseits wird im Einsatz alles einfacher. Entweder ich sehe eine Bedrohung, oder ich sehe keine. Entweder ich werde beschossen, oder ich werde nicht beschossen. Und da habe ich Handlungsrichtlinien. Damit stumpfen Sie ab. Sie bekämpfen in dem Moment keinen Afghanen, Sie bekämpfen die Bedrohung – besser einer von denen als einer von uns. Das ist Eigenschutz, um den Auftrag durchzusetzen. Es zeichnet uns Fallschirmjäger ja auch irgendwo aus, dass wir sehr stumpf sind. Wir werden da rangeführt, jedes Mal wieder rauszufahren, auch wenn die Schießerei war, auch wenn wir gesprengt worden sind.

ZEITmagazin: Hatten Sie es sich so vorgestellt, als Sie Soldat geworden sind?

Förster: Der Beruf hat mir zwar schon als Wehrpflichtiger Spaß gemacht – aber als 2003 mein erster Auslandseinsatz kam, in Kabul, da konnte ich das Soldatsein erst richtig leben. Da muss man zeigen, jawoll, ich kann das: nicht nur 24 Stunden lang auf mich aufpassen, sondern auch meinen Auftrag wahrnehmen. Dazu ist schon Ernsthaftigkeit gefragt. Viele Kameraden begründen ihren Einsatz mit: weil es befohlen ist. Wegen des Geldes. Aber ich mache es wegen der Action. Ich bin ein Einsatz-Junkie. Ich hätte ein sehr großes Problem damit, nach zwölf Jahren Bundeswehr abgegangen zu sein und immer nur geübt zu haben, aber das Ganze nie wirklich sinnvoll eingesetzt zu haben.

ZEITmagazin: Stimmt es also, was ein ehemaliger Soldat mir gesagt hat: Im Krieg zu sein ist der Höhepunkt in einem Soldatenleben?

Förster: Ich denke, das ist politisch nicht korrekt – aber ich fürchte, der Mann hat recht.

Nach dem Einsatz: "Ich hätte gerne einen klaren, militärisch gut definierten Auftrag gehabt."

ZEITmagazin: Herr Förster, Ihr Einsatz in Afghanistan ist vorüber. Was konnten Sie in diesen sechs Monaten bewegen?

Förster: Nichts. Denn das ist es, was wir die ganze Zeit gemacht haben: nichts. Ich bin sehr enttäuscht, das hier war definitiv der schlechteste meiner vier Einsätze. Ich hatte noch nie so sehr das Gefühl, Deutschlands Steuergelder zu verschwenden.

ZEITmagazin: Sie hatten gesagt, Sie wollten die freiheitlich-demokratische Grundordnung Deutschlands verteidigen...

Förster: Ja, das habe ich gesagt. Davon bleibt dieses Mal überhaupt nichts. Ich persönlich denke, wir haben in diesem halben Jahr mehr kaputt gemacht, als wir gut gemacht haben.

ZEITmagazin: Warum das?

Förster: Weil wir zwar da waren, aber doch wieder nicht. Ich war nicht einmal im Dorf. Mein Zugführer mag vielleicht fünf-, sechsmal in irgendeinem Ort gewesen sein, aber das ist wenig. Die gucken einen jedes Mal an wie einen Fremden. So sollte das nicht sein.

ZEITmagazin: Aber es bedeutet doch immerhin, dass alles friedlich war?

Förster: Ich will ja nicht, dass etwas passiert – ich will nur etwas tun. Ich brauche nicht ständig Schießereien wie letztes Mal in Kundus. Aber wenn ich schon hier bin, wenn ich diese Entbehrung auf mich nehme und von Deutschland jeden Tag 110 Euro Zulage einfordere, dann muss ich wenigstens das Gefühl haben, ich mache irgendwas. Allein für mein Gewissen. Es würde ja schon reichen, Präsenzpatrouille zu machen, durch die Ortschaften zu spazieren. Sie reden mit den Leuten, sind einfach nur da, dann werden Ihnen die Probleme der Leute schon zugetragen, das ist ein sehr offenes Land. Stattdessen stehe ich draußen und bewache drei bis fünf Tage lang ein völlig sinnloses Stück Land.

ZEITmagazin: Ein Kamerad aus einem anderen Zug ist im Einsatz gefallen, der 23-jährige Alexej Kobelew. Sein Marder-Schützenpanzer wurde von einer Sprengladung zerrissen.

Förster: Damit hat er für die Fehler anderer gebüßt. Eine ganze Zeit lang wurde nichts anderes gemacht, als zu dieser Straße hochzufahren, nach versteckten Sprengladungen zu suchen und wieder zurückzufahren. Fast am nächsten Tag das Gleiche noch mal und danach noch mal und danach noch mal. Eine Einladung auf dem Silbertablett. Eines Tages kam die Information: Kommt schnell ans Ende der Straße, da liegt eine Sprengfalle. Und der Kompaniechef sagte, sofort alle auf die Fahrzeuge, fahren Sie hin! Die Bombe war auf dem Weg dorthin platziert.

ZEITmagazin: Die wurden in eine Falle gelockt?

Förster: Und zwar auf eine stumpfe Art und Weise, wie es jeder Grundschüler hinkriegen würde. Auf so was darf man nicht reinfallen, gerade nicht hier! Das hat der Kamerad mit seinem Leben bezahlt. Ich weiß, das wurde in Deutschland in den Medien so nicht wiedergegeben.

ZEITmagazin: Nein, solche Details kommen nie zur Sprache.

Förster: Und nachdem wir den Toten hatten, haben wir gar nichts mehr gemacht. Außer zusätzlich zu unserem Camp diesen Combat Outpost aufrechtzuerhalten, der aus meiner Sicht an einer total geisteskranken Stelle liegt. Der Gefechtswert dieses kleinen Ortes erschließt sich mir nicht. Außerdem habe ich das Gefühl, dass es an Führung fehlt.

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Förster: Ich hätte einfach gerne einen klaren, militärisch gut definierten Auftrag gehabt. 2008 in Kundus lautete der: Es sollen keine Raketen mehr auf den Stützpunkt der Bundeswehr fallen. Also hieß das, einen Radius von zwölf Kilometern um den Stützpunkt abzudecken. Klare Anweisung, damit kann ich planen und arbeiten. Aber diesmal? Was wir bekamen, waren eher Handlungsvorschläge als Befehle. Da sind wir nur rausgefahren, weil wir für die Statistik mindestens so und so viele Nächte draußen gepennt haben sollen.

ZEITmagazin: Waren Sie auch mal sinnvoll draußen?

Förster: Ich persönlich kann nur von drei oder vier operativen Sachen berichten. In der ersten Hälfte des Einsatzes haben wir lediglich eine Bombenwerkstatt aufgetan. Nach der Halbzeit habe ich den Kollegen von der Lufttransportzelle angeboten, mit meinen Jungs die Hubschrauberlasten zu packen. Die brauchten noch Personal, und wir sind ja Fallschirmjäger. Nach einem Tag Umschulung haben wir dann den Fernspähkräften aus Kundus geholfen. Die hatten im Gebirge vier Leute festgenommen. Mit zwei Blackhawk-Hubschraubern sind wir auf die Spitze eines Berges, sehr abenteuerlich, mit offenen Türen, haben uns an den Bodenösen festgekrallt, um die Festgenommenen in dem Hubschrauber abzutransportieren. Da sage ich, ja, das ist mein Job, das ist Fallschirmjäger-Kriegseinsatz. Da kommt auch das Glühen in den Augen ein bisschen zurück. Aber ansonsten... Es ist einem einfach die Decke auf den Kopf gefallen.

ZEITmagazin: Wie liefen Ihre Tag denn ab?

Förster: Erst mal ausschlafen bis acht Uhr, danach wird es zu warm zum Schlafen. Frühstück, anschließend Sport, dann in die Sonne zum Bräunen. Anschließend wieder Sport, dann Abendessen. Abends fernsehen, Internet oder mit daheim telefonieren. Dazwischen zweimal täglich Wachdienst. Das ist gar nichts! Wenn wir nachts als Spähtrupp rauswollten, kam die Meldung einer vereinzelten Quelle, da habe irgendwer irgendwo 18 Kilo Sprengstoff, und das reichte der Führung, zu sagen: Wir gehen nicht raus. Also durften wir uns hier einigeln und haben stattdessen wieder Sport gemacht. So traurig es klingt, dieses Mal habe ich echt ein schlechtes Gewissen gegenüber Deutschland.

ZEITmagazin: Kam es zu Spannungen, als Sie so lange aufeinandersaßen?

Förster: Sicher. Aber ich bin ja zweimal am Tag für drei Stunden zum Sport gerannt, da kann ich so viel Schweiß und Energie lassen, dass ich mich abreagiere. Das Beste ist, wenn jeder in seinem Hobby aufgeht. Der Stabsgefreite Keln hat hier das Kochen angefangen, der zauberte uns was anstelle der Fertiggerichte. Robert, unser Friseur, hat uns die Haare geschnitten, auch mal die Augenbrauen gemacht oder Pediküre, wozu er sich halt gerade berufen fühlte. Und wir haben die Shisha-Ecke da hinten eingerichtet, als Punkt der zentralen Zusammenkunft.

ZEITmagazin: Das klingt ja ganz zufrieden. Stumpft einen das Nichtstun denn nicht ab?

Förster: Schon. Bei mir schlug es sich darin nieder, dass ich da oben den ganzen Tag splitterfasernackt rumgelaufen bin. Von meiner Sonnenliege zum Kühlschrank war es nicht weit, da sagte ich: Who cares? Das ist schon eine Art Abstumpfen. In Deutschland muss ich das schleunigst abstellen. Aber nach knapp zwei Wochen hatte ich eine Community um mich rum. Es gab auch Bräunungsverstärker, After-Sun-Lotion, Nachbräuner und solche Scherze.

ZEITmagazin: Es ist ein Körperkult entstanden?

Förster: Ich habe mich über unsere Ein-Mann-Packungen zum Mittag gewundert: Fett und Kohlenhydrate. Man könnte doch auch Thunfisch essen, meinte ich, da ist mehr Eiweiß drin. Sportlich angetoucht waren wir schon immer alle, aber in Sachen Ernährungsbewusstsein habe ich die anderen angesteckt. Zehn Kilo Fett habe ich wettgemacht und dafür fünf Kilo Muskelmasse zugelegt. Aber das wird sich in Deutschland wieder ändern, Mama kocht gut...

ZEITmagazin: Ich habe gesehen, dass Sie auch kreativ waren...

Förster: Na, wir haben hier diese Überdächer für die Zelte gebaut, um die Temperatur zu senken, und Klimaanlagen besorgt. Dann haben wir uns Duschen gebaut und in ein Zelt einen schicken Estrich-Fußboden reingemacht, mit dem Emblem vom Fallschirmjäger-Bataillon 261. Und haben Sie den Boden im Bad gesehen? Das ist Naturstein. Das Material haben wir hier zusammengesucht. Ansonsten gibt es noch den selbst gefertigten Sportbereich, die Sonnenterrasse und die Hängematten. Und einen Pizzaofen. Es ist sehr lebenswert geworden.

ZEITmagazin: Sie hatten im ersten Gespräch von der Trennung von Ihrer Frau gesprochen. Wie ist Ihr Verhältnis jetzt?

Förster: Meine Ehe ist zwar beendet, aber ich telefoniere noch häufig mit ihr, wir verstehen uns noch, sind die besten Kumpels. Wenn ich zurückkomme, werden wir an unserem Hochzeitstag noch mal essen gehen und dann alles klarmachen für die Scheidung.

ZEITmagazin: Für Sie war es schon der vierte Afghanistaneinsatz, Ihr Vorgesetzter K. kam direkt von der Universität. Wie lief das?

Förster: Ich glaube, er hat sich damit abgefunden, dass keiner auf ihn hört. Er kann noch so oft »links« sagen – wenn Hauptfeldwebel Mudra und ich uns einig sind, gehen wir rechts. Wir sind die beiden Alphatiere im Zug. Seinen Anspruch auf Gehorsam macht K. nur selten geltend. Wir leben fast in verschiedenen Welten, für ihn ist hier eine Bedrohungslage gegeben, die ich nicht sehe. Als wir einmal rausgefahren sind, sagte er nach 50 Metern, hier ist der Sammelpunkt. Mudra und ich meinten, das macht hier keinen Sinn, das gibt es nur im Schuldenken. Da hat er auf bockig geschaltet: Nein, das müsse sein, das sei in jedem Befehlsschema gleich. Aber das sind normale zwischenmenschliche Reibereien. Etwas anderes war die Totenwache für den Kameraden. Eine Stunde stehen im Hab-Acht, das ist sehr anstrengend, also hat K. vorher noch eine große Ansprache gehalten: Jeder muss vorher gegessen haben, wer umfällt, bekommt Ärger. Der Einzige, der umgefallen ist, war er.

ZEITmagazin: Wissen Sie, ob Sie ihm auch künftig unterstellt sein werden?

Förster: Nach dem Abflug werden wir uns nicht mehr sehen. Er hat schon seine Folgeverwendung gekriegt, als Hörsaal-Leiter in Altenstadt. So eine Art Klassenlehrer für die Einzelkämpferausbildung.

ZEITmagazin: Und wie haben Sie die höheren Führungsebenen erlebt?

Förster: Ich persönlich habe das Gefühl, wir werden hier für totale Vollidioten gehalten. Wir haben zum Beispiel eine PowerPoint-Präsentation über die korrekte Tragweise von Hosengummis bekommen. Zuerst hielt ich das für einen Witz. Aber es ist ein Befehl von oben, wie weit ich diese Hosengummis einschlage. Das ist lächerlich!

ZEITmagazin: Vielleicht ist der Gedanke dahinter, die Männer mit Äußerlichkeiten bei Disziplin zu halten, wenn sonst nichts passiert?

Förster: Einmal gab es Alarm von der Intermediate Reaction Force, da sind wir raus und haben diese Bombenwerkstatt gefunden. Um uns zu sichern, gibt es einen Zeppelin mit einer Überwachungseinheit, die zwanzig Kilometer weit gucken kann. Aber die haben nicht das Gelände um uns herum beobachtet, sondern uns. Als wir abends zurückkamen, durften Oberleutnant K. und ich uns anhören: Bei Ihnen hat ein Soldat die ganze Zeit unterm Baum gesessen. Bei Ihnen hat ein Soldat keine Handschuhe getragen. Bei Ihnen hat ein Soldat die Schutzbrille nicht aufgehabt. Die haben hier Überwachungstechnik für mehrere Millionen am Himmel, und anstatt uns zu schützen, machen sie so etwas! Es ist traurig.

Der Name des Zugführers wurde am 5.12.2011 auf seinen Wunsch nachträglich abgekürzt. Die Redaktion

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