ZEITmagazin: Herr Reichardt, Ihre sechs Monate in Afghanistan sind vorbei...

Reichardt: ...was ein Glück! Darf ich ehrlich sprechen? Das war völliger Schwachsinn, wir haben nichts bewegt. 2009 in Kundus haben wir die Taliban bekämpft und vertrieben. Aber hier hatten wir einfach keinen sinnvollen Auftrag.

ZEITmagazin: Was wäre in Ihren Augen sinnvoll gewesen?

Reichardt: In diesem Gebirge gibt es anscheinend nur vier Felder, die man überqueren kann, wo die Taliban rüberkommen. Die zu besetzen wäre sinnvoll. Aber das macht man nicht. Wir sind in unserem Tal geblieben, Patrouille gefahren und haben irgendwelche Outposts gebaut, an meiner Meinung nach ganz unnützen Plätzen.

ZEITmagazin: Sie wurden zum Stabsgefreiten befördert. Wie ist es für Sie, sich in eine Hierarchie einzuordnen?

Reichardt: Dass man bei der Bundeswehr immer einen Führer hat, heißt auch, dass man jemanden hat, an den man sich wenden kann, der einem die Richtung weist. Man hat ein geregeltes Leben, das würde mir auch im Zivilen weiterhelfen. Da brauche ich zwar keine Führung, aber Tipps sind immer gut.

ZEITmagazin: Wie zufrieden waren Sie mit der Führung in diesem Einsatz?

Reichardt: Katastrophal. Grottenschlecht. Der Zugführer ist Offizier und will Karriere machen, also sagt er Ja und Amen, und auf uns wälzt es sich ab. Dass wir als Fallschirmjäger den Panzergrenadieren unterstellt wurden, machte auch keinen Sinn. Und die Bataillonsebene befiehlt, dass wir diesen sinnlosen Outpost halten sollen. Dass auch noch der Kamerad – Gott sei seiner Seele gnädig – sterben musste, war völlig unnötig. Das weiß jeder Hauptgefreite, dass man in einem Land, wo Sprengfallen gelegt werden, nicht jeden Tag um die gleiche Zeit dieselbe Strecke fahren darf. So was ist traurig. Gleichzeitig wurden Disziplinarstrafen verteilt für Sachen, das gibt’s nicht: weil einer die Feldmütze in Grün anstatt in Sandtarn anhatte. Oder einen FC-Köln-Aufnäher. Man lebt hier wie der letzte Penner, muss aber geschniegelt und gestriegelt aussehen. Es gab zwar Dinge, die wirklich nicht angemessen waren wie der Aufnäher »Schweinefleisch essende Kreuzritter«. Aber mit einem Bayern-München-Patch tut man doch keinem weh.

ZEITmagazin: Sie sagten beim ersten Gespräch, Sie seien ruhiger geworden. Fiel es Ihnen leicht, so lange so eng mit den anderen zu leben?

Reichardt: Ich fahre immer noch schnell hoch. Wenn ich jemanden eh nicht so leiden kann, dann reicht es, wenn die Zahnbürste nicht weggeräumt ist, das bringt mich schon auf. Aber es hat sich deutlich gebessert.

ZEITmagazin: Bei unserem Gespräch vor Ihrer Abreise hatten Sie gerade eine neue Freundin...

Reichardt: Das ist kurz vor dem Abflug schon wieder zu Ende gegangen. Gehe ich eben als Single nach Afghanistan, dachte ich mir dann.

ZEITmagazin: Aber wie ist das für Sie, wenn die Kameraden mit ihren Freundinnen telefonieren, und Sie sind alleine?

Reichardt: Mich stört das nicht. Meine damalige Freundin war für Kundus zwar ein guter Rückhalt, aber da gibt es genügend andere Leute, meine Freunde, meine Familie. Wenn mein bester Freund mir am Telefon sagt, zu Hause ist alles okay, reicht mir das vollkommen.

ZEITmagazin: Werden Sie noch mal in einen Einsatz ziehen?

Reichardt: Ich habe einen Verlängerungsantrag gestellt, mit dieser guten Truppe will ich noch ein bisschen zusammenbleiben. Und im Berufsförderungsdienst könnte ich mein Abitur machen. Wenn die Verlängerung durchgeht, wird bestimmt noch ein Einsatz kommen. Nach Libyen oder vor Afrika ein paar Piraten vom Boot jagen, klar, coole Sache. Aber wieder hier in dieses staubige Drecksland, das muss nicht sein. Und ich gehe auch nicht mehr mit den Grenadieren oder einer anderen Waffengattung in den Einsatz.

ZEITmagazin: Nehmen Sie denn überhaupt etwas Positives mit aus diesem Afghanistan-Einsatz?

Reichardt: Es war leicht verdientes Geld, im Vergleich zu Kundus nur ein sechsmonatiges Sportcamp. Die Ernährung war zwar nicht so toll, wenig Obst und Milch, aber dafür habe ich aufgehört zu rauchen. Und ich habe zum ersten Mal gesehen, wie Schildkröten miteinander schlafen. Das war ziemlich lustig.