Afghanistan-Einsatz "Meine Strategie werde ich beim nächsten Geiseltraining noch etwas verfeinern"
Zehn junge Männer erzählen, wie es ist, in den Krieg zu ziehen. Oberfeldwebel Sebastian Schäfer ist einer von ihnen.
ZEITmagazin: Herr Schäfer, das wird Ihr erster Einsatz in Afghanistan, und auch aus Ihrer Gruppe war noch keiner dort.
Sebastian Schäfer: Ja, das ist Neuland für uns. Aber unsere Gruppe ist ja Teil eines ganzen Zuges, und da haben wir genügend Erfahrene drin. Die kennen sich schon mit den Verhaltensweisen aus, die können uns heranführen. Es wird nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch mental.
ZEITmagazin: Woher nehmen Sie Ihre mentale Stärke?
Schäfer: Ich beschäftige meinen Kopf, präge mir Dinge ein, beobachte. Im Laufe der Ausbildung wurden wir ja mit vielen Situationen konfrontiert, etwa bei einer simulierten Geiselhaft. Das geht einem schon nahe, diese Ungewissheit, wo befindet man sich gerade, die Trennung von der Gemeinschaft. Danach merkt man, ich muss mir wirklich eine Strategie dafür zurechtlegen. Die werde ich beim nächsten Geiseltraining noch etwas verfeinern.
ZEITmagazin: Wovor haben Sie noch Angst, was könnte Sie aus der Fassung bringen?

31 Jahre, Oberfeldwebel. Schäfer hatte seinen ersten Einsatz in Afghanistan. Er führte eine von sechs Gruppen des Zuges an. Bevor er zur Bundeswehr kam, war Schäfer Mechatroniker für Kransysteme. Er absolvierte außerdem eine Ausbildung als Rettungssanitäter. Schäfer hat eine Lebensgefährtin.
Schäfer: Das sind zwei verschiedene Dinge. Angst habe ich natürlich, dass ich gar nicht zurückkomme oder mit schweren Verwundungen. Damit muss man umzugehen wissen und sich auf den unmittelbaren Auftrag konzentrieren. Aber die Fassung verlieren – wenn das passiert, muss man zweifeln, ob man noch seinen Dienst, seine Führungsleistung erbringen kann. Denn wenn etwas passiert, ist das der Moment, in dem ich als Allererstes mein Wissen abrufen muss. Da geht es nur darum, das Bestmögliche für die Kameraden und das Fahrzeug zu tun. Dafür habe ich auch schon zu viel gesehen. Ich war lange Zeit bei der Feuerwehr und bin zum Rettungssanitäter weitergebildet. Ich habe Menschen beim Sterben begleitet, an Unfallstellen mit grausigen Bildern. Dabei habe ich mir ein dickes Fell zugelegt.
ZEITmagazin: Waren Sie immer schon ein Alphatier?
Schäfer: Ich fürchte, ja. Ich habe schon immer gut damit gelebt, wenn Menschen mir vertraut haben und sich darauf verlassen, dass meine Entscheidungen stimmen. Wenn man diesen Beruf wählt, muss man Spaß daran haben, Verantwortung zu übernehmen. Aber ich empfange ja auch selbst Befehle, ich bin also Mittelsmann. Ich versuche, den Auftrag zu erfüllen und daraus das Beste für meine Jungs zu machen.
ZEITmagazin: Haben Sie auch in Ihrer Beziehung die Führungsrolle?
Schäfer: Das glaube ich nicht. Meine Partnerin ist sehr tough, auch sie trägt viel Verantwortung in ihrem Beruf als Veterinärin. Wir sind beide intensiv in der Führung. Das hält sich ziemlich die Waage.
ZEITmagazin: Bald werden Sie sechs Monate lang getrennt sein. Wie sehen Sie dem entgegen?
Schäfer: Voll Vertrauen, auch wenn das ein Test für uns wird. Die wenigen Tage, die wir noch haben, nutzen wir jetzt verstärkt: Wir telefonieren wieder mehr und tauschen uns im Alltag intensiver aus. Wir versuchen unsere Dienstpläne abzustimmen und unternehmen am Wochenende mehr gemeinsam.
ZEITmagazin: Haben Sie Ihr Testament gemacht?
Schäfer: Ja. Ein stiller Moment. Ich bin kein Pessimist, aber mit 31 gehe ich nicht mehr ganz so blauäugig durch die Gegend. Das wird nicht Friede, Freude, Eierkuchen werden.
ZEITmagazin: Sie sind also bereit, in Afghanistan zu sterben?
Schäfer: Ja. Denn dieser Einsatz hat einen Sinn. Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, eine demokratische Struktur in Afghanistan zu etablieren. Dazu sind wir Bündnispartner, und die anderen Partner haben ihre Truppen ebenfalls nach Afghanistan geschickt. Mein Auftrag ist es, zu gewährleisten, dass sich die Wiederaufbauteams in einem sicheren Umfeld bewegen können. Erst wenn die ihren Auftrag ausführen können, habe ich meinen erledigt.
- Datum 30.11.2011 - 13:38 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEITmagazin, 1.12.2011 Nr. 49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren