ZEITmagazin: Herr Schmidt, das ist Ihr dritter Einsatz in Afghanistan. Sie waren schon 2008 und 2009 dort. Warum gehen Sie so oft?

Michael Schmidt: Beim ersten Mal, da wollte ich das Land kennenlernen und war ein bisschen erschrocken, wie die Leute da leben, so wie im Mittelalter. Beim zweiten Mal bin ich eingesprungen, weil ein Kamerad, der es nicht so richtig verkraftet hat, zurückkam und ich auf der Reserveliste stand. Und jetzt ist es wegen der Kameradschaft. Ich will mit den alten Kameraden, die bald abgehen, noch einen Einsatz machen.

ZEITmagazin: Fühlen Sie sich psychisch stärker als Ihr Kamerad, der aufgab?

Schmidt: Ich komme mit manchen Dingen besser klar als andere Kameraden. Ich stand schon früh auf eigenen Beinen, komme aus einer Großstadt. Leute, die vom Dorf kommen, können mit diesen Sachen vielleicht nicht so gut umgehen. Ich habe damit keine Probleme. Wenn ich aus diesem Land wieder ausfliege, dann schließe ich damit ab. Ich habe das Glück, das zu können, und das ist gut so.


ZEITmagazin: Sind Sie härter geworden nach diesen Einsätzen? Vielleicht auch ein bisschen abgestumpft?

Schmidt: Ja. Härter und erwachsener sowieso, und das Abstumpfen findet da unten automatisch statt. Gerade wenn man längere Zeit auf Patrouille ist. Man erlebt viel und sieht keine Fortschritte. Da lässt man das eine oder andere nicht mehr an sich ran.

ZEITmagazin: Haben Sie den Tod von Kameraden miterlebt?

Schmidt: Nicht persönlich. Beim zweiten Einsatz, da sind Kameraden gefallen. Aber erst, nachdem ich wieder in Deutschland war.

ZEITmagazin: Und was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Fernsehbilder mit den Särgen sehen?

Schmidt: Man kann nicht von Wut sprechen. Man ärgert sich darüber, dass es so kommen musste. Dass sie gefallen sind, obwohl sie nur helfen wollten. Das nimmt einen schon mit.

ZEITmagazin: Waren Sie in Gefechten? Mussten Sie einen Feind erschießen?

Schmidt: Erschossen habe ich noch keinen. In Gefechten waren wir schon. Aber den Feind haben wir nicht gesehen. Der steht ja nicht vor der Haustür, sondern man wird beschossen und muss schauen, wohin man selber schießt und dass man keinen Zivilisten gefährdet.

ZEITmagazin: Wenn die Situation da wäre, hätten Sie denn Bedenken?

Schmidt: Nein, ganz ehrlich, nein. Da ist schließlich mein Leben und das meiner Kameraden in Gefahr. Der Taliban kommt ja nicht mit einem Blumenstrauß zu dir und drückt dir die Hand. Man macht, was man gelernt hat. Man schießt eben zurück.

ZEITmagazin: Zweifeln Sie eigentlich manchmal am Sinn dieses Einsatzes?

Schmidt: Weiß ich nicht. Man denkt darüber nach. Ich bin nur ein kleines Licht. Eine Schachfigur auf einem Brett, die bewegt wird. Letztlich nimmt man einen Auftrag wahr. Der wird ausgeführt. Dazu sind wir bei der Bundeswehr.

ZEITmagazin: Fällt Ihnen Gehorsam leicht?

Schmidt: Überhaupt nicht. Aber der wird einem in der Grundausbildung beigebracht. Es ist ja auch wie in der Marktwirtschaft. Man hat einen Chef, man hat Vorarbeiter, also von der Linie her ist das das Gleiche.

ZEITmagazin: Ist es das wirklich? Sie könnten jeden Tag sterben.

Schmidt: Das ist nicht auszuschließen. Man muss immer wachsam sein, wenn man rausfährt. Und man ist glücklich, wenn man abends heimkommt. Aber der Tod ist schon gegeben, wenn auch anders als im Krieg unserer Väter, als es wirklich viele Ausfälle gab. Hier sind es Anschläge, und wenn es passiert, dann war man zur falschen Zeit am falschen Ort. Man muss sich eine lakonische Einstellung angewöhnen.

ZEITmagazin: Wissen Sie schon, was diesmal Ihre Aufgabe ist?

Schmidt: Ich werde als Scharfschütze mit runtergehen, bin aber nur Spotter. Das bedeutet, ich sage, wo und wie geschossen werden soll.

ZEITmagazin: Sind Sie verheiratet?

Schmidt: Nee, ich habe eine Freundin. Die steht hinter mir. Hat ja auch schon die beiden vorherigen Einsätze mitgemacht.

ZEITmagazin: Gibt es Pläne für die Zeit nach dem dritten Mal?

Schmidt: Man plant viel. Ich denke, dass ich dann mit der Frau, die ich liebe, ein festes Leben einschlage, dass es mit der Bundeswehr zu Ende geht und das normale Zivilleben anfängt.