Sie waren im Nebel die Gletscher hinaufgeklettert, hatten sich blind durch Eisspalten und Abgründe getastet, sich im Schneesturm über Felsklippen gequält, die Gesichter voller Schorf und Frostbeulen. Waren morgens aus dem Zelt gekrochen, hatten sich gegen den Wind gestemmt, die Hunde angeschirrt, sie angetrieben und die Schlitten über Gletscherspalten gelenkt. Hatten nachmittags die Hunde ausgespannt, das Zelt aufgestellt, ihr karges Zwieback-Mahl verspeist und Tagebuch geschrieben. An guten Tagen las es sich so: »–28°, Südwind [...], etwas kalt, wenn die Haut im Gesicht aufgesprungen ist.« Traumloser, unruhiger Schlaf.

Und dann – endlich das Ziel: 90 Grad Süd, der Südpol. Am 14. Dezember 1911 stehen fünf Norweger am südlichen Punkt der gedachten Achse, um die sich die Erde dreht. Sie sind die Ersten am Mittelpunkt des antarktischen Kontinents. Fünf Norweger haben es geschafft: Roald Amundsen und seine Expeditionsgruppe mit Olav Bjaaland, Helmer Hanssen, Sverre Hassel und Oscar Wisting.

Sie sind zufrieden und erschöpft. Große Worte findet keiner von ihnen. »Ich kann nicht sagen«, schreibt Amundsen später in seinem Expeditionsbericht, »dass ich da vor dem Ziel meines Lebens stand. Dies wäre doch etwas sehr übertrieben.« Und dann folgen zwei ganz erstaunliche Sätze: »Ich will lieber aufrichtig sein und geradeheraus erklären, dass wohl noch nie ein Mensch in so völligem Gegensatz zu dem Ziel seines Lebens stand wie ich zu dieser Gelegenheit. Die Gegend um den Nordpol – ach ja, zum Kuckuck – der Nordpol selbst hatte es mir von Kindesbeinen an angetan, und nun befand ich mich am Südpol.«

In der Tat: Der Nordpol ist immer sein Ziel gewesen. Schon als Jugendlicher hat sich Roald Engelbregt Gravning Amundsen, geboren am 16. Juli 1872 in der Gemeinde Borge, heute Fredrikstad, dafür begeistert. Er liebt die Bücher des britischen Forschers John Franklin, der 1847 bei dem Versuch ums Leben kam, die Nordwestpassage zu entdecken. Amundsens Schulleistungen sind mäßig, ein Studium bricht er ab, doch als Ende des 19. Jahrhunderts Staaten wie Deutschland, Großbritannien und Belgien Expeditionen in die Antarktis ausrüsten, schlägt seine Stunde. Wenn nicht zum Nordpol, dann eben in Richtung Südpol. Auf der Belgica, die von 1896 an die Westantarktis erforscht, reist er erstmals in die Polargebiete: Das Schiff dringt so weit nach Süden vor wie keines vor ihm, es friert im Packeis ein, und die Mannschaft muss überwintern, ohne darauf vorbereitet zu sein. Alle, auch Amundsen, erkranken an Skorbut.

1899 kehrt Amundsen heim. Sein Hunger auf Abenteuer ist ungestillt. Vier Jahre später geht er erneut auf Fahrt. Endlich in den Norden – er will das vollenden, was sein Forschervorbild Franklin nie geschafft hat: die Durchfahrt durch die Nordwestpassage. Und es gelingt. 1906 ist vollbracht, was drei Jahrhunderte lang Seefahrer vergeblich versucht haben: Amundsen hat die Passage gefunden.

Als er zurückkommt, hat sich in Norwegen viel verändert. Seit 1905 ist das Land souverän, aus der schwedischen Vormundschaft entlassen; es kann Helden gebrauchen . Der Polarforscher Fridtjof Nansen ist der eine, Amundsen wird nun ein weiterer. Man feiert ihn, und er plant, erneut nach Norden aufzubrechen, und zwar auf der Fram, auf Nansens Schiff, das dieser dem elf Jahre Jüngeren zur Verfügung stellt. Amundsen will als Erster zum Nordpol.

Doch Anfang September 1909 melden die norwegischen Zeitungen eine Sensation: Frederick Cook behauptet, im April 1908 den Nordpol erreicht zu haben. Amundsen kennt den Amerikaner seit der Zeit auf der Belgica gut, sie sind sogar befreundet. Wenige Tage später erklärt auch Cooks Landsmann Robert Peary, am Nordpol gewesen zu sein. Es beginnt eine Schlammschlacht zwischen den Entdeckern, die sich gegenseitig als Lügner bezeichnen. Doch für Amundsen ist nur eines wichtig: Er ist zu spät.