PolarexpeditionenDuell im Eis

Im Dezember 1911 fiel die Entscheidung zwischen Robert Scott und Roald Amundsen im Wettlauf zum Südpol. von Günther Wessel

© Fitzcarraldo/photocase.com

Sie waren im Nebel die Gletscher hinaufgeklettert, hatten sich blind durch Eisspalten und Abgründe getastet, sich im Schneesturm über Felsklippen gequält, die Gesichter voller Schorf und Frostbeulen. Waren morgens aus dem Zelt gekrochen, hatten sich gegen den Wind gestemmt, die Hunde angeschirrt, sie angetrieben und die Schlitten über Gletscherspalten gelenkt. Hatten nachmittags die Hunde ausgespannt, das Zelt aufgestellt, ihr karges Zwieback-Mahl verspeist und Tagebuch geschrieben. An guten Tagen las es sich so: »–28°, Südwind [...], etwas kalt, wenn die Haut im Gesicht aufgesprungen ist.« Traumloser, unruhiger Schlaf.

Und dann – endlich das Ziel: 90 Grad Süd, der Südpol. Am 14. Dezember 1911 stehen fünf Norweger am südlichen Punkt der gedachten Achse, um die sich die Erde dreht. Sie sind die Ersten am Mittelpunkt des antarktischen Kontinents. Fünf Norweger haben es geschafft: Roald Amundsen und seine Expeditionsgruppe mit Olav Bjaaland, Helmer Hanssen, Sverre Hassel und Oscar Wisting.

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Sie sind zufrieden und erschöpft. Große Worte findet keiner von ihnen. »Ich kann nicht sagen«, schreibt Amundsen später in seinem Expeditionsbericht, »dass ich da vor dem Ziel meines Lebens stand. Dies wäre doch etwas sehr übertrieben.« Und dann folgen zwei ganz erstaunliche Sätze: »Ich will lieber aufrichtig sein und geradeheraus erklären, dass wohl noch nie ein Mensch in so völligem Gegensatz zu dem Ziel seines Lebens stand wie ich zu dieser Gelegenheit. Die Gegend um den Nordpol – ach ja, zum Kuckuck – der Nordpol selbst hatte es mir von Kindesbeinen an angetan, und nun befand ich mich am Südpol.«

In der Tat: Der Nordpol ist immer sein Ziel gewesen. Schon als Jugendlicher hat sich Roald Engelbregt Gravning Amundsen, geboren am 16. Juli 1872 in der Gemeinde Borge, heute Fredrikstad, dafür begeistert. Er liebt die Bücher des britischen Forschers John Franklin, der 1847 bei dem Versuch ums Leben kam, die Nordwestpassage zu entdecken. Amundsens Schulleistungen sind mäßig, ein Studium bricht er ab, doch als Ende des 19. Jahrhunderts Staaten wie Deutschland, Großbritannien und Belgien Expeditionen in die Antarktis ausrüsten, schlägt seine Stunde. Wenn nicht zum Nordpol, dann eben in Richtung Südpol. Auf der Belgica, die von 1896 an die Westantarktis erforscht, reist er erstmals in die Polargebiete: Das Schiff dringt so weit nach Süden vor wie keines vor ihm, es friert im Packeis ein, und die Mannschaft muss überwintern, ohne darauf vorbereitet zu sein. Alle, auch Amundsen, erkranken an Skorbut.

1899 kehrt Amundsen heim. Sein Hunger auf Abenteuer ist ungestillt. Vier Jahre später geht er erneut auf Fahrt. Endlich in den Norden – er will das vollenden, was sein Forschervorbild Franklin nie geschafft hat: die Durchfahrt durch die Nordwestpassage. Und es gelingt. 1906 ist vollbracht, was drei Jahrhunderte lang Seefahrer vergeblich versucht haben: Amundsen hat die Passage gefunden.

Als er zurückkommt, hat sich in Norwegen viel verändert. Seit 1905 ist das Land souverän, aus der schwedischen Vormundschaft entlassen; es kann Helden gebrauchen . Der Polarforscher Fridtjof Nansen ist der eine, Amundsen wird nun ein weiterer. Man feiert ihn, und er plant, erneut nach Norden aufzubrechen, und zwar auf der Fram, auf Nansens Schiff, das dieser dem elf Jahre Jüngeren zur Verfügung stellt. Amundsen will als Erster zum Nordpol.

Doch Anfang September 1909 melden die norwegischen Zeitungen eine Sensation: Frederick Cook behauptet, im April 1908 den Nordpol erreicht zu haben. Amundsen kennt den Amerikaner seit der Zeit auf der Belgica gut, sie sind sogar befreundet. Wenige Tage später erklärt auch Cooks Landsmann Robert Peary, am Nordpol gewesen zu sein. Es beginnt eine Schlammschlacht zwischen den Entdeckern, die sich gegenseitig als Lügner bezeichnen. Doch für Amundsen ist nur eines wichtig: Er ist zu spät.

Leserkommentare
  1. Cook zu unterstellen, er hätte eine Niederlage in einen Sieg ummünzen wollen, und deshalb quasi Selbstmord begangen. Es gibt dafür keine konkreten Beweise. Dass er im Angesicht des Todes der Nachwelt ein Zeugnis hinterlassen hat, hat meines erachtens nichts, aber auch gar nichts Ehrenrühriges. Eine Niederlage in einen Sieg umwandeln schon.

  2. in allen artikeln die ich über jahre hinweg zu diesem thema, diesem "wettlauf" gelesen habe, auch in diesem, wird amundsen als der kühle "berechnende" (was ja an sich ein wenig negativ belegt ist) dargestellt. der ratinale usw. . und immer wird scott dieses heldentum angedichtet. ich habe vor jahren scotts expeditionstagebuch dieser reise gelesen. wie er schreibt welch tolle burschen seine begleiter nicht wären usw.. dieses bla bla.

    letztendlich war scott ein narr. der durch seine unfähigkeit und seine arroganz den tod seiner männer und seinen eigenen verschuldet hat. daran sehe ich nichts heroisches. dummheit und arroganz sind keine tugenden. amundsen ist der held. sorgfältige planung, rationales handeln und unvoreingenommeheit gegenüber den techniken der eskimos haben ihm und seinen männern das überleben gesichert. es wird zeit endlich mit der verehrung der dummheit zu brechen.

    ich hoffe inständig mich nicht in der wortwahl vergreiffen zu haben, indem ich scott einen narren nannte.

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    • TDU
    • 14. Dezember 2011 10:49 Uhr

    Genau. Immer dasselbe. Die Betrachtung im Nachinein erlaubt denen die weder dabei gewesen sind, noch vielleicht niemals hätten dabei sein können, die arrogante Beurteilung.

    Scott und Amundsen waren integre Mneschen. In Ihrer Zeit. tatsächlich war Amundsen der bessere Kalulierer. Schon deswegen, weil er aus einem Land kam die die dieser Kälte und diesen Bedingungen näher stand. Er sagt selbst, der ambesten Vorbereitete hat auch das meiste Glück

    Heldentum war damals noch gefragt. Überall auf der Welt. Der tragische, aber ehrliche Held ist halt populärer. Scott hat verloren. Und? Gestern Abend war dreimal soviel Differenzierung und Info in der Glotze.

    Die Integrität der Anstrengung ist wichtig. Nur Kleingeister (nicht persönlich gemeint) bewerten pauschal im Nachinein und hätten vermutlich Amundsens Brief am Pol liegen gelassen.

    • TDU
    • 14. Dezember 2011 10:49 Uhr

    Genau. Immer dasselbe. Die Betrachtung im Nachinein erlaubt denen die weder dabei gewesen sind, noch vielleicht niemals hätten dabei sein können, die arrogante Beurteilung.

    Scott und Amundsen waren integre Mneschen. In Ihrer Zeit. tatsächlich war Amundsen der bessere Kalulierer. Schon deswegen, weil er aus einem Land kam die die dieser Kälte und diesen Bedingungen näher stand. Er sagt selbst, der ambesten Vorbereitete hat auch das meiste Glück

    Heldentum war damals noch gefragt. Überall auf der Welt. Der tragische, aber ehrliche Held ist halt populärer. Scott hat verloren. Und? Gestern Abend war dreimal soviel Differenzierung und Info in der Glotze.

    Die Integrität der Anstrengung ist wichtig. Nur Kleingeister (nicht persönlich gemeint) bewerten pauschal im Nachinein und hätten vermutlich Amundsens Brief am Pol liegen gelassen.

    Antwort auf "immer wieder das selbe"
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    nun gut, aber was genau wollen sie mir jetzt mitteilen?

    ich bin lediglich der meinung, dass eine verehrung und verklärung scotts, wie dies seit langem gepflegt wird, nicht angemessen ist. weil eine solche verehrung durch nichts in seinem verhalten gerechtfertigt ist.
    und was soll das bedeuten: ehrlicher held, und integrität der anstrengung. wenn arroganz und engstirnigkeit des anführers den tod seinen männer zur folge hat, sehe darain nichts verehrenswertes. er hätte keinen postum adeldtitel verdient, sondern ein postum verfahren wegen fahrlässiger tötung. oder halten sie etwa general custor auch für einen helden.

    und dass hat auch nichts mit, im nachhin ist man klüger und kann leicht beanstanden zu tun. amundsen war bereits vorher klüger. scotts vorgehen taut lediglich als beispiel für katastrophales projektmanagement.

  3. nun gut, aber was genau wollen sie mir jetzt mitteilen?

    ich bin lediglich der meinung, dass eine verehrung und verklärung scotts, wie dies seit langem gepflegt wird, nicht angemessen ist. weil eine solche verehrung durch nichts in seinem verhalten gerechtfertigt ist.
    und was soll das bedeuten: ehrlicher held, und integrität der anstrengung. wenn arroganz und engstirnigkeit des anführers den tod seinen männer zur folge hat, sehe darain nichts verehrenswertes. er hätte keinen postum adeldtitel verdient, sondern ein postum verfahren wegen fahrlässiger tötung. oder halten sie etwa general custor auch für einen helden.

    und dass hat auch nichts mit, im nachhin ist man klüger und kann leicht beanstanden zu tun. amundsen war bereits vorher klüger. scotts vorgehen taut lediglich als beispiel für katastrophales projektmanagement.

    Antwort auf "@2 lukas_56"
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    • TDU
    • 15. Dezember 2011 10:07 Uhr

    Klar hat der Fehler gemacht. Aber seine Maschinengläubigkeit konnte nur aus der Zeit kommen. Es gab allerdings kein Internet, die Informationen waren nicht so wie beim Rennen Österreich gegen Deutschland. Norwegen war da "rückständiger", weil viel naturverbudnener und damit nicht so leicht verführbar durch die Technik.

    Und Verklärung? Glaube ich gar nicht. Aber Verehrung? In gewisser Weise ja. Eben aus der Zeit mit ihrem auch Nationalsimus.

    Mit unseren heutigen Kategorien können Sie alle Verehrung aufheben. Disziplin nur als nationalsozialistische Tugend und Härte gegen sich selbst als ebenfalls überkommene Tugend. Vollkaskogesellschaft. Vergleichen Sie die weinerlichen nur ich bezogenen Momente bei dem Rennen Österreich-Deutschland.

    Den großen Erfolg haben wollen, aber nur und ausschliesslich selbstbezogen wirds schwierig. "Amundsens" Methode hat überall Konjunktur. Aber er war mehr als ein Kostenrechner. Sein Disziplin war im Sinne des Ganzen. Damals gab auch "Beamtenehre".

    Und fahrlässige Tötung? Sind die gezwungen worden mitzugehen?. Waren die dumm?. Alle wussten dass der Winter anfing. Wäre er früher los, hätte es klappen können, selbst wenn er Zweiter geworden wäre.

    Damals war der Staat noch nicht alles verantwortlich und der Mensch nicht nur ein "Gesellschaftsresultat", was die alle sicher auch weit von sich gewiesen hätten. Aber klar. Ohne Marie Curie hätte die Nebenwirkungen beim Röntgen nicht gegeben. Kritik ok, aber so ist sie mir zu deutsch.

    • Nutbush
    • 14. Dezember 2011 15:25 Uhr

    der Amundsen im Gegensatz zu vielen anderen, die sich derzeit mit dem Thema befassen, gerecht wird. Vor allem wird nachvollziehbar erklärt, warum er sein wahres Ziel, den Südpol, erfolgreich verschleierte. Denn von der britischen Presse wird Amundsen bis heute als notorischer Lügner und charakterloser Hallodri abgestempelt.
    In meinen Augen war er ein ehrgeiziger und kühler Stratege, der seine Schritte genau und lange im Voraus plante. Wahrscheinlich keiner, mit dem man damals seine Tochter gerne verheiratet, aber einer, bei dem man seinen Sohn für eine solche Expedition in verantwortungsvollen Händen gewusst hätte.

    Eine Leserempfehlung
    • kyon
    • 14. Dezember 2011 22:57 Uhr

    Amundsen hat seine treuen Begleiter und entscheidenden Helfer, die Schlittenhunde, mit großem Genuß verspeist, um sein Ziel zu erreichen und sein Ego aufzupolieren.
    Über den Charakter dieses Mannes ist damit alles Wesentliche gesagt.

    • TDU
    • 15. Dezember 2011 10:07 Uhr

    Klar hat der Fehler gemacht. Aber seine Maschinengläubigkeit konnte nur aus der Zeit kommen. Es gab allerdings kein Internet, die Informationen waren nicht so wie beim Rennen Österreich gegen Deutschland. Norwegen war da "rückständiger", weil viel naturverbudnener und damit nicht so leicht verführbar durch die Technik.

    Und Verklärung? Glaube ich gar nicht. Aber Verehrung? In gewisser Weise ja. Eben aus der Zeit mit ihrem auch Nationalsimus.

    Mit unseren heutigen Kategorien können Sie alle Verehrung aufheben. Disziplin nur als nationalsozialistische Tugend und Härte gegen sich selbst als ebenfalls überkommene Tugend. Vollkaskogesellschaft. Vergleichen Sie die weinerlichen nur ich bezogenen Momente bei dem Rennen Österreich-Deutschland.

    Den großen Erfolg haben wollen, aber nur und ausschliesslich selbstbezogen wirds schwierig. "Amundsens" Methode hat überall Konjunktur. Aber er war mehr als ein Kostenrechner. Sein Disziplin war im Sinne des Ganzen. Damals gab auch "Beamtenehre".

    Und fahrlässige Tötung? Sind die gezwungen worden mitzugehen?. Waren die dumm?. Alle wussten dass der Winter anfing. Wäre er früher los, hätte es klappen können, selbst wenn er Zweiter geworden wäre.

    Damals war der Staat noch nicht alles verantwortlich und der Mensch nicht nur ein "Gesellschaftsresultat", was die alle sicher auch weit von sich gewiesen hätten. Aber klar. Ohne Marie Curie hätte die Nebenwirkungen beim Röntgen nicht gegeben. Kritik ok, aber so ist sie mir zu deutsch.

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