PolarexpeditionenDuell im Eis

Im Dezember 1911 fiel die Entscheidung zwischen Robert Scott und Roald Amundsen im Wettlauf zum Südpol. von Günther Wessel

© Fitzcarraldo/photocase.com

Sie waren im Nebel die Gletscher hinaufgeklettert, hatten sich blind durch Eisspalten und Abgründe getastet, sich im Schneesturm über Felsklippen gequält, die Gesichter voller Schorf und Frostbeulen. Waren morgens aus dem Zelt gekrochen, hatten sich gegen den Wind gestemmt, die Hunde angeschirrt, sie angetrieben und die Schlitten über Gletscherspalten gelenkt. Hatten nachmittags die Hunde ausgespannt, das Zelt aufgestellt, ihr karges Zwieback-Mahl verspeist und Tagebuch geschrieben. An guten Tagen las es sich so: »–28°, Südwind [...], etwas kalt, wenn die Haut im Gesicht aufgesprungen ist.« Traumloser, unruhiger Schlaf.

Und dann – endlich das Ziel: 90 Grad Süd, der Südpol. Am 14. Dezember 1911 stehen fünf Norweger am südlichen Punkt der gedachten Achse, um die sich die Erde dreht. Sie sind die Ersten am Mittelpunkt des antarktischen Kontinents. Fünf Norweger haben es geschafft: Roald Amundsen und seine Expeditionsgruppe mit Olav Bjaaland, Helmer Hanssen, Sverre Hassel und Oscar Wisting.

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Sie sind zufrieden und erschöpft. Große Worte findet keiner von ihnen. »Ich kann nicht sagen«, schreibt Amundsen später in seinem Expeditionsbericht, »dass ich da vor dem Ziel meines Lebens stand. Dies wäre doch etwas sehr übertrieben.« Und dann folgen zwei ganz erstaunliche Sätze: »Ich will lieber aufrichtig sein und geradeheraus erklären, dass wohl noch nie ein Mensch in so völligem Gegensatz zu dem Ziel seines Lebens stand wie ich zu dieser Gelegenheit. Die Gegend um den Nordpol – ach ja, zum Kuckuck – der Nordpol selbst hatte es mir von Kindesbeinen an angetan, und nun befand ich mich am Südpol.«

In der Tat: Der Nordpol ist immer sein Ziel gewesen. Schon als Jugendlicher hat sich Roald Engelbregt Gravning Amundsen, geboren am 16. Juli 1872 in der Gemeinde Borge, heute Fredrikstad, dafür begeistert. Er liebt die Bücher des britischen Forschers John Franklin, der 1847 bei dem Versuch ums Leben kam, die Nordwestpassage zu entdecken. Amundsens Schulleistungen sind mäßig, ein Studium bricht er ab, doch als Ende des 19. Jahrhunderts Staaten wie Deutschland, Großbritannien und Belgien Expeditionen in die Antarktis ausrüsten, schlägt seine Stunde. Wenn nicht zum Nordpol, dann eben in Richtung Südpol. Auf der Belgica, die von 1896 an die Westantarktis erforscht, reist er erstmals in die Polargebiete: Das Schiff dringt so weit nach Süden vor wie keines vor ihm, es friert im Packeis ein, und die Mannschaft muss überwintern, ohne darauf vorbereitet zu sein. Alle, auch Amundsen, erkranken an Skorbut.

1899 kehrt Amundsen heim. Sein Hunger auf Abenteuer ist ungestillt. Vier Jahre später geht er erneut auf Fahrt. Endlich in den Norden – er will das vollenden, was sein Forschervorbild Franklin nie geschafft hat: die Durchfahrt durch die Nordwestpassage. Und es gelingt. 1906 ist vollbracht, was drei Jahrhunderte lang Seefahrer vergeblich versucht haben: Amundsen hat die Passage gefunden.

Als er zurückkommt, hat sich in Norwegen viel verändert. Seit 1905 ist das Land souverän, aus der schwedischen Vormundschaft entlassen; es kann Helden gebrauchen . Der Polarforscher Fridtjof Nansen ist der eine, Amundsen wird nun ein weiterer. Man feiert ihn, und er plant, erneut nach Norden aufzubrechen, und zwar auf der Fram, auf Nansens Schiff, das dieser dem elf Jahre Jüngeren zur Verfügung stellt. Amundsen will als Erster zum Nordpol.

Doch Anfang September 1909 melden die norwegischen Zeitungen eine Sensation: Frederick Cook behauptet, im April 1908 den Nordpol erreicht zu haben. Amundsen kennt den Amerikaner seit der Zeit auf der Belgica gut, sie sind sogar befreundet. Wenige Tage später erklärt auch Cooks Landsmann Robert Peary, am Nordpol gewesen zu sein. Es beginnt eine Schlammschlacht zwischen den Entdeckern, die sich gegenseitig als Lügner bezeichnen. Doch für Amundsen ist nur eines wichtig: Er ist zu spät.

Bleibt der Südpol. Aber wie lange noch? Im Sommer erst ist der Brite Ernest Shackleton aus der Antarktis zurückgekehrt. 88° 23' südlicher Breite hat er erreicht, nur etwa 180 Kilometer fehlten bis zum Pol.

Shackletons Expedition löst in seiner Heimat eine Antarktis-Begeisterung aus. Die Eroberung des Südpols scheint greifbar, und sie ist – zumindest für die englischen Medien – eine britische Aufgabe. Ein Engländer steht schon bereit: der 1868 geborene Marineoffizier Robert Falcon Scott . Er genießt die Unterstützung des ehemaligen Marineleutnants und Entdeckers und amtierenden Präsidenten der Royal Geographical Society, Sir Clements Markham. Für Markham ist die Polarforschung »die Kinderstube unserer Seeleute, die Schule unserer künftigen Nelsons und für junge Marineoffiziere die beste Gelegenheit, sich in Friedenszeiten auszuzeichnen«. Ihm geht es weniger darum, ein Ziel zu erreichen, als darum, es stolz zu erreichen: als Engländer, mit Kraft, durch Überwindung von Schmerzen, durch heldenhaftes Verhalten. Markham lehnt es ab, die Überlebenstechniken der Inuit zu übernehmen, deren Kleidung oder deren Ernährungsgewohnheiten. Was sollte das stolze England, Hüter der Wissenschaft und Technik, schon von den Einwohnern der Arktis lernen können?

1899 bereits übertrug Markham Scott die Leitung einer Antarktis-Expedition. Die Reise der Discovery aber war schlecht geplant. Scott mangelte es an Erfahrung, er konnte weder Ski fahren noch Schlittenhunde lenken. Zudem wurde die Fahrt überschattet von der Konkurrenz zwischen dem kommandierenden Scott und Ernest Shackleton. Alle Teilnehmer überlebten die dreijährige Expedition nur mit Glück.

Robben umkreisen das Schiff, Wale blasen Fontänen

Die britische Öffentlichkeit ist enttäuscht. Doch Scott gelingt es, die Stimmung zu drehen. In seinem Buch Die Reise der »Discovery« ist von Fehlern keine Rede. Stattdessen erzählt er ein spannendes Abenteuer vom heroischen Ringen einer kleinen Gruppe von Männern unter seiner Führung gegen die Übermacht der Natur und des Schicksals. Er beschwört den Kult des Entdeckers, den Leiden, Aufopferung, ja sogar der Tod mehr adeln als der Erfolg.

Im September 1909 plant Scott den großen Coup: Er erklärt, er werde im Sommer 1910 erneut in die Antarktis aufbrechen – Ziel: der Südpol. Einige Zeitungen melden, dass auch Frederick Cook in die Antarktis will. Aus Japan und Deutschland hört man Gerüchte von bevorstehenden Fahrten zum Südkontinent. Nur ein Mann äußert sich nicht zum Südpol, obwohl er längst beschlossen hat, ihn als Erster zu erreichen: Roald Amundsen.

Still und ohne Aufsehen ordert er am 9. September Schlittenhunde aus Grönland, die nach Dänemark geschickt werden sollen. Er lässt ein Holzhaus zum Überwintern bauen, das dann in Einzelteile zerlegt wird. Und er verlegt seine Abreise sechs Monate nach hinten: auf den 1. Juli 1910, denn so kommt er rechtzeitig zum südlichen Sommer in der Antarktis an.

Roald Amundsen hat gute Gründe, verschwiegen zu handeln. Der junge Staat Norwegen kämpft um seine internationale Anerkennung. Die Stimmung in England ist sehr norwegenfreundlich, auch weil Fridtjof Nansen , den die Briten sehr bewundern, dort als Botschafter wirkt. Das will die Regierung auf keinen Fall aufs Spiel setzen. Amundsen weiß das, und er fürchtet, dass die Obrigkeit seine Pläne nationalen Interessen opfern würde. Zudem wäre ein Rivale auf dem Weg zum Pol für Scott und die englische Öffentlichkeit eine zusätzliche Motivation. Die Geldquellen für den Engländer würden noch stärker sprudeln.

Während sich Amundsen akribisch auf das Rennen zum Pol vorbereitet, wiegen sich die Engländer, die nichts von diesem Konkurrenten ahnen, in Sicherheit. Scott experimentiert mit Motorschlitten, die schon bei Probeläufen in Norwegen ausfallen. Er lässt Ponys kaufen , weil er den Schlittenhunden nicht vertraut. Dabei ist klar, dass man jedes Gramm Futter für die Ponys transportieren muss.

Am 15. Juni 1910 sticht er mit der Terra Nova von Cardiff aus in See. »Die Luft bebte«, schreibt ein Mitreisender in sein Tagebuch. »Zu Tausenden schrien die Menschen, als wären sie von Sinnen.« Die Propaganda der Marine und der Royal Geographical Society hat ganze Arbeit geleistet: Der Südpol wird britisch. Scott ist schon jetzt ein Held.

Am 9. August fährt auch Amundsen los. Jetzt erst klärt er seine Männer auf, wohin die Reise wirklich geht. Ein halbes Jahr später, im Januar 1911, erreicht die Fram die Packeisgrenze, dampft hindurch und gelangt in das offene Ross-Meer. Etwas später kommt die Kante des Ross-Schelfeises in Sicht.

Die gesamte Landmasse der Antarktis ist von Schelfeis umgeben wie von einem Mühlsteinkragen, das Ross-Schelfeis ist mit circa einer halben Million Quadratkilometer das größte Teilgebiet: eine permanente, mehrere Hundert Meter dicke Eisplatte, von Gletschern gespeist. Sie ist knapp 800 Kilometer lang und ragt zwischen 20 und 50 Meter aus dem Wasser. »Das Meer liegt still wie ein Teich, und vor einem steht diese Große Chinesische Mauer und gleißt in der Sonne«, schreibt Olav Bjaaland über die erste Begegnung mit der Eisbarriere in sein Tagebuch.

Robben umkreisen das Schiff, Wale blasen Fontänen, und über den Männern kreischen Skua-Möwen, als die Fram die Walfischbucht im Schelfeis erreicht. Hier will Amundsen sein Quartier auf der Eisbarriere aufschlagen. Er sucht eine Stelle, wo kein Abbruch droht, und lässt das Schiff entladen: die Hunde, alle wohlgenährt, das Holzhaus, die Vorräte. Während die Schiffszimmerleute das Haus aufstellen und tief im Schnee verankern, jagen die anderen Männer Robben und Pinguine. Man braucht Fleisch, um 100 Hunde und zehn Menschen ein Jahr lang zu versorgen.

Die Entdecker überprüfen ihre Ausrüstung, hobeln die Schlitten ab, um sie leichter zu machen, streichen Proviantkisten schwarz an, um sie im Schnee besser sehen zu können, und beginnen, Depots in Richtung Süden anzulegen: am 80., 81. und 82. Breitengrad. Insgesamt schaffen sie bis Winteranfang zwei Tonnen Versorgungsgüter nach Süden. Die Depots sind genau markiert: Statt wie die Engländer nur einen Haufen Schnee durch eine schwarze Fahne zu kennzeichnen, setzen die Norweger über Kilometer hinweg in Querrichtung Flaggen, auf denen ein Pfeil zu den Vorräten weist.

Die Briten um Scott haben schon vor Amundsen ihr Winterquartier aufgeschlagen . Es liegt etwa 650 Kilometer entfernt, am anderen Ende des Ross-Schelfeises. Sie wollen von dort der Route Shackletons folgen. Scott weiß inzwischen, dass er einen Rivalen hat – Amundsen hat die Presse informiert.

Sachlich, kühl, fast leidenschaftslos plant dieser sein Vorgehen. Nur im antarktischen Frühjahr 1911 wird er plötzlich unruhig. Er beschließt, schon am 8. September aufzubrechen. Doch die Temperaturen sind noch zu tief, er muss umkehren. Erst am 20.Oktober geht es wirklich los. »Wir waren fünf Mann, Hanssen, Wisting, Hassel, Bjaaland und ich, mit vier Schlitten und je 13 Hunden.« Gepäck haben sie nicht viel dabei, das meiste liegt schon vor ihnen im Lager am 80. Breitengrad. So können die Männer die ersten 180 Kilometer auf den Schlitten sitzend fahren. Danach werden die Skier angeschnallt. Am 5. November erreichen sie das letzte Vorratslager am 82.Breitengrad, und sechs Tage später sehen sie die Berge.

Das Ende des Schelfeises ist erreicht, der Aufstieg auf das Festland beginnt. Bis auf über 3.000 Meter Höhe zerren die Norweger ihre Schlitten hinauf, teils im Nebel, teils im Sturm. Am 21. November kampieren sie auf 3.220 Meter Höhe. Der 85. Breitengrad ist überschritten, hier beginnt das Hochplateau, von dem Shackleton sprach und auf dem irgendwo der Pol liegt. Sie bleiben vier Tage, töten alle Hunde bis auf 18, haben so frisches Fleisch für die Artgenossen und sich selbst, gewöhnen sich an die dünne Luft und ziehen dann mit drei Schlitten weiter.

Mit seinem Tod will Scott aus der Niederlage noch einen Sieg machen

Nebel und Schneestürme sind ihre Begleiter. Das flache Land ist wie in Watte gehüllt. Die Norweger ahnen mehr, als dass sie wissen, wohin sie gehen. Der Boden scheint zu leben. Das Eis schiebt sich übereinander, bricht auf, bildet riesige Firnbrocken, die überstiegen werden müssen, schroffe Kanten, an denen die Schlitten hängen bleiben, und breite Risse, in denen ein Schlitten im Nirgendwo verschwinden kann. Sie kämpfen sich weiter voran. Der 86. Breitengrad. Der 87. Der 88. Dann am 8. Dezember: 88°, 23' – Shackletons Rekord ist eingestellt. So weit südlich war vor ihnen noch niemand. Sie legen das letzte Vorratslager für den Rückweg an.

Sieben Tage darauf ist es so weit. Am 14. Dezember, 15 Uhr, ertönt das »Halt« der Schlittenlenker. Sie haben ihre Messinstrumente genau beobachtet. »Das Ziel war erreicht und die Reise zu Ende!« Der Pol, ein errechneter Punkt im endlosen Weiß.

Die Norweger schütteln sich die Hände, dann folgt der große Akt: »Fünf raue, vom Frost mitgenommene Fäuste griffen nach der Stange mit der Fahne, hoben sie auf und pflanzten sie ins Eis – als einzige und erste auf dem geografischen Südpol.« Der Pol ist erobert. Doch »lange dauernde förmliche Zeremonien gewöhnt man sich in diesen Gegenden ab«, schreibt Amundsen weiter, und so bauen die Norweger ihr Zelt auf, versorgen die Hunde und vermessen das Gelände. Eine Zigarre gibt es auch noch für jeden.

Scotts Truppe ist da noch 670 Kilometer vom Ziel entfernt. Die Briten sind später aufgebrochen als die Norweger. Sie erklimmen weiter südlich die Hochebene, die Motorschlitten sind längst ausgefallen, auch die Ponys schaffen es nicht. Schließlich trennt sich das Polteam – Scott, Edward Wilson, Lawrence Oates, Edgar Evans und Henry Bowers – von den anderen. Zu fünft schleppen sie sich voran, ziehen die Schlitten, marschieren zehn oder zwölf Stunden am Tag. Pelze tragen sie nicht, Pelze sind was für Eskimos. Sie leiden an Skorbut und Erschöpfung. Am 17. Januar erreichen sie den Pol. Dort flattert stolz die norwegische Flagge im Wind. »O Gott! Das ist ein grausiger und entsetzlicher Ort«, schreibt Scott in sein Tagebuch . »So viel Schwerstarbeit und nicht einmal der Lohn, Erster zu sein.«

Am 26. Januar treffen die Norweger wieder an der Walfischbucht ein. Da irrt Scott noch durch die Eiswüste. Seine Lage wird immer verzweifelter, auch weil die Engländer ihre schlecht markierten Depots oft lange suchen müssen. Zudem haben sie die Kanister mit dem Brennstoff für die Kocher nur schlampig verschlossen, sodass der sich verflüchtigt hat. Als Amundsen am 7. März 1912 der Welt per Telegramm mitteilt: »Pol erreicht 14.–17. Dezember. Alle wohlauf«, sind die Engländer fast am Ende: Evans’ Hand ist erfroren, Oates’ Füße sind schwarz und faulig, Wilsons Sehnen entzündet. Alle, auch Scott, leiden an Erfrierung und Skorbut.

Sie wissen, nur ein Wunder kann sie noch retten. Aber will Scott überhaupt gerettet werden? Als Geschlagener nach England zurückkehren? Bald spürt er, dass es nur eine Möglichkeit gibt, aus der Niederlage einen Sieg zu machen: den Tod und die Literatur. Inzwischen hat Oates sich umgebracht, auch Evans ist bereits gestorben. 17 Kilometer vom rettenden Lebensmitteldepot entfernt, hungrig und frierend, vergisst Scott alle Selbstzweifel, alle Trauer und Wut. Er nimmt seinen Stift, und schreibend gelingt es ihm, für sein Leben und seine Geschichte das richtige Ende zu finden, eines, das zum Mythos vom standhaften Eroberer des Pols, vom menschlichen Kampf gegen die Naturgewalten passt.

Er vollendet sein Tagebuch und schreibt Briefe, Briefe an seine Frau, die Familie, die Auftraggeber. Es sind Dokumente des Scheiterns, aber eines heroischen, wie es seine Landsleute lieben: »Meinetwegen bereue ich diese Reise nicht, die gezeigt hat, dass Engländer Schweres erdulden, einander helfen und dem Tod mit ebenso großer Festigkeit entgegensehen können wie je in vergangenen Zeiten.« Und sein Journal endet am 29. März mit den Worten: »Schickt dieses Tagebuch meiner Frau!« Doch dann streicht er »Frau« durch und ersetzt es durch das Wort »Witwe«.

Derweil ist in Norwegen der Jubel grenzenlos. Das Land hat seinen Helden. Aber auch die Engländer suchen und finden einen. Im November 1912 werden die Leichen von Bowers, Wilson und Scott entdeckt. Sie verbleiben im Eis, doch rühren Scotts Tagebücher die Nation. Posthum wird er geadelt.

Und Amundsen? Er veröffentlicht seine Reiseberichte und hält Vorträge. Aber er findet keine Ruhe. Er bricht zu neuen Expeditionen auf und fährt 1926 mit dem Italiener Umberto Nobile im Luftschiff über den Nordpol. Als dieser 1928 bei Spitzbergen verschollen ist, startet Amundsen am 18. Juni von Tromsø aus einen Rettungsflug. Ein Fischer berichtet später, dass das kleine Flugzeug dicht über dem Wasser flog, bis »am Horizont eine Nebelwand auftauchte. Dann stieg die Maschine höher, vermutlich um dem Nebel auszuweichen, doch mir kam es so vor, als ob sie danach zu schwanken anfing, und dann flog sie in den Nebel und verschwand vor meinen Augen.«

Roald Amundsen wurde nie wieder gesehen.

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Leserkommentare
  1. Cook zu unterstellen, er hätte eine Niederlage in einen Sieg ummünzen wollen, und deshalb quasi Selbstmord begangen. Es gibt dafür keine konkreten Beweise. Dass er im Angesicht des Todes der Nachwelt ein Zeugnis hinterlassen hat, hat meines erachtens nichts, aber auch gar nichts Ehrenrühriges. Eine Niederlage in einen Sieg umwandeln schon.

  2. in allen artikeln die ich über jahre hinweg zu diesem thema, diesem "wettlauf" gelesen habe, auch in diesem, wird amundsen als der kühle "berechnende" (was ja an sich ein wenig negativ belegt ist) dargestellt. der ratinale usw. . und immer wird scott dieses heldentum angedichtet. ich habe vor jahren scotts expeditionstagebuch dieser reise gelesen. wie er schreibt welch tolle burschen seine begleiter nicht wären usw.. dieses bla bla.

    letztendlich war scott ein narr. der durch seine unfähigkeit und seine arroganz den tod seiner männer und seinen eigenen verschuldet hat. daran sehe ich nichts heroisches. dummheit und arroganz sind keine tugenden. amundsen ist der held. sorgfältige planung, rationales handeln und unvoreingenommeheit gegenüber den techniken der eskimos haben ihm und seinen männern das überleben gesichert. es wird zeit endlich mit der verehrung der dummheit zu brechen.

    ich hoffe inständig mich nicht in der wortwahl vergreiffen zu haben, indem ich scott einen narren nannte.

    Eine Leserempfehlung
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    • TDU
    • 14. Dezember 2011 10:49 Uhr

    Genau. Immer dasselbe. Die Betrachtung im Nachinein erlaubt denen die weder dabei gewesen sind, noch vielleicht niemals hätten dabei sein können, die arrogante Beurteilung.

    Scott und Amundsen waren integre Mneschen. In Ihrer Zeit. tatsächlich war Amundsen der bessere Kalulierer. Schon deswegen, weil er aus einem Land kam die die dieser Kälte und diesen Bedingungen näher stand. Er sagt selbst, der ambesten Vorbereitete hat auch das meiste Glück

    Heldentum war damals noch gefragt. Überall auf der Welt. Der tragische, aber ehrliche Held ist halt populärer. Scott hat verloren. Und? Gestern Abend war dreimal soviel Differenzierung und Info in der Glotze.

    Die Integrität der Anstrengung ist wichtig. Nur Kleingeister (nicht persönlich gemeint) bewerten pauschal im Nachinein und hätten vermutlich Amundsens Brief am Pol liegen gelassen.

    • TDU
    • 14. Dezember 2011 10:49 Uhr

    Genau. Immer dasselbe. Die Betrachtung im Nachinein erlaubt denen die weder dabei gewesen sind, noch vielleicht niemals hätten dabei sein können, die arrogante Beurteilung.

    Scott und Amundsen waren integre Mneschen. In Ihrer Zeit. tatsächlich war Amundsen der bessere Kalulierer. Schon deswegen, weil er aus einem Land kam die die dieser Kälte und diesen Bedingungen näher stand. Er sagt selbst, der ambesten Vorbereitete hat auch das meiste Glück

    Heldentum war damals noch gefragt. Überall auf der Welt. Der tragische, aber ehrliche Held ist halt populärer. Scott hat verloren. Und? Gestern Abend war dreimal soviel Differenzierung und Info in der Glotze.

    Die Integrität der Anstrengung ist wichtig. Nur Kleingeister (nicht persönlich gemeint) bewerten pauschal im Nachinein und hätten vermutlich Amundsens Brief am Pol liegen gelassen.

    Antwort auf "immer wieder das selbe"
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    nun gut, aber was genau wollen sie mir jetzt mitteilen?

    ich bin lediglich der meinung, dass eine verehrung und verklärung scotts, wie dies seit langem gepflegt wird, nicht angemessen ist. weil eine solche verehrung durch nichts in seinem verhalten gerechtfertigt ist.
    und was soll das bedeuten: ehrlicher held, und integrität der anstrengung. wenn arroganz und engstirnigkeit des anführers den tod seinen männer zur folge hat, sehe darain nichts verehrenswertes. er hätte keinen postum adeldtitel verdient, sondern ein postum verfahren wegen fahrlässiger tötung. oder halten sie etwa general custor auch für einen helden.

    und dass hat auch nichts mit, im nachhin ist man klüger und kann leicht beanstanden zu tun. amundsen war bereits vorher klüger. scotts vorgehen taut lediglich als beispiel für katastrophales projektmanagement.

  3. nun gut, aber was genau wollen sie mir jetzt mitteilen?

    ich bin lediglich der meinung, dass eine verehrung und verklärung scotts, wie dies seit langem gepflegt wird, nicht angemessen ist. weil eine solche verehrung durch nichts in seinem verhalten gerechtfertigt ist.
    und was soll das bedeuten: ehrlicher held, und integrität der anstrengung. wenn arroganz und engstirnigkeit des anführers den tod seinen männer zur folge hat, sehe darain nichts verehrenswertes. er hätte keinen postum adeldtitel verdient, sondern ein postum verfahren wegen fahrlässiger tötung. oder halten sie etwa general custor auch für einen helden.

    und dass hat auch nichts mit, im nachhin ist man klüger und kann leicht beanstanden zu tun. amundsen war bereits vorher klüger. scotts vorgehen taut lediglich als beispiel für katastrophales projektmanagement.

    Antwort auf "@2 lukas_56"
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    • TDU
    • 15. Dezember 2011 10:07 Uhr

    Klar hat der Fehler gemacht. Aber seine Maschinengläubigkeit konnte nur aus der Zeit kommen. Es gab allerdings kein Internet, die Informationen waren nicht so wie beim Rennen Österreich gegen Deutschland. Norwegen war da "rückständiger", weil viel naturverbudnener und damit nicht so leicht verführbar durch die Technik.

    Und Verklärung? Glaube ich gar nicht. Aber Verehrung? In gewisser Weise ja. Eben aus der Zeit mit ihrem auch Nationalsimus.

    Mit unseren heutigen Kategorien können Sie alle Verehrung aufheben. Disziplin nur als nationalsozialistische Tugend und Härte gegen sich selbst als ebenfalls überkommene Tugend. Vollkaskogesellschaft. Vergleichen Sie die weinerlichen nur ich bezogenen Momente bei dem Rennen Österreich-Deutschland.

    Den großen Erfolg haben wollen, aber nur und ausschliesslich selbstbezogen wirds schwierig. "Amundsens" Methode hat überall Konjunktur. Aber er war mehr als ein Kostenrechner. Sein Disziplin war im Sinne des Ganzen. Damals gab auch "Beamtenehre".

    Und fahrlässige Tötung? Sind die gezwungen worden mitzugehen?. Waren die dumm?. Alle wussten dass der Winter anfing. Wäre er früher los, hätte es klappen können, selbst wenn er Zweiter geworden wäre.

    Damals war der Staat noch nicht alles verantwortlich und der Mensch nicht nur ein "Gesellschaftsresultat", was die alle sicher auch weit von sich gewiesen hätten. Aber klar. Ohne Marie Curie hätte die Nebenwirkungen beim Röntgen nicht gegeben. Kritik ok, aber so ist sie mir zu deutsch.

    • Nutbush
    • 14. Dezember 2011 15:25 Uhr

    der Amundsen im Gegensatz zu vielen anderen, die sich derzeit mit dem Thema befassen, gerecht wird. Vor allem wird nachvollziehbar erklärt, warum er sein wahres Ziel, den Südpol, erfolgreich verschleierte. Denn von der britischen Presse wird Amundsen bis heute als notorischer Lügner und charakterloser Hallodri abgestempelt.
    In meinen Augen war er ein ehrgeiziger und kühler Stratege, der seine Schritte genau und lange im Voraus plante. Wahrscheinlich keiner, mit dem man damals seine Tochter gerne verheiratet, aber einer, bei dem man seinen Sohn für eine solche Expedition in verantwortungsvollen Händen gewusst hätte.

    Eine Leserempfehlung
    • kyon
    • 14. Dezember 2011 22:57 Uhr

    Amundsen hat seine treuen Begleiter und entscheidenden Helfer, die Schlittenhunde, mit großem Genuß verspeist, um sein Ziel zu erreichen und sein Ego aufzupolieren.
    Über den Charakter dieses Mannes ist damit alles Wesentliche gesagt.

    • TDU
    • 15. Dezember 2011 10:07 Uhr

    Klar hat der Fehler gemacht. Aber seine Maschinengläubigkeit konnte nur aus der Zeit kommen. Es gab allerdings kein Internet, die Informationen waren nicht so wie beim Rennen Österreich gegen Deutschland. Norwegen war da "rückständiger", weil viel naturverbudnener und damit nicht so leicht verführbar durch die Technik.

    Und Verklärung? Glaube ich gar nicht. Aber Verehrung? In gewisser Weise ja. Eben aus der Zeit mit ihrem auch Nationalsimus.

    Mit unseren heutigen Kategorien können Sie alle Verehrung aufheben. Disziplin nur als nationalsozialistische Tugend und Härte gegen sich selbst als ebenfalls überkommene Tugend. Vollkaskogesellschaft. Vergleichen Sie die weinerlichen nur ich bezogenen Momente bei dem Rennen Österreich-Deutschland.

    Den großen Erfolg haben wollen, aber nur und ausschliesslich selbstbezogen wirds schwierig. "Amundsens" Methode hat überall Konjunktur. Aber er war mehr als ein Kostenrechner. Sein Disziplin war im Sinne des Ganzen. Damals gab auch "Beamtenehre".

    Und fahrlässige Tötung? Sind die gezwungen worden mitzugehen?. Waren die dumm?. Alle wussten dass der Winter anfing. Wäre er früher los, hätte es klappen können, selbst wenn er Zweiter geworden wäre.

    Damals war der Staat noch nicht alles verantwortlich und der Mensch nicht nur ein "Gesellschaftsresultat", was die alle sicher auch weit von sich gewiesen hätten. Aber klar. Ohne Marie Curie hätte die Nebenwirkungen beim Röntgen nicht gegeben. Kritik ok, aber so ist sie mir zu deutsch.

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