PolarexpeditionenDuell im Eis
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"Ein grausiger und entsetzlicher Ort"

Die Entdecker überprüfen ihre Ausrüstung, hobeln die Schlitten ab, um sie leichter zu machen, streichen Proviantkisten schwarz an, um sie im Schnee besser sehen zu können, und beginnen, Depots in Richtung Süden anzulegen: am 80., 81. und 82. Breitengrad. Insgesamt schaffen sie bis Winteranfang zwei Tonnen Versorgungsgüter nach Süden. Die Depots sind genau markiert: Statt wie die Engländer nur einen Haufen Schnee durch eine schwarze Fahne zu kennzeichnen, setzen die Norweger über Kilometer hinweg in Querrichtung Flaggen, auf denen ein Pfeil zu den Vorräten weist.

Die Briten um Scott haben schon vor Amundsen ihr Winterquartier aufgeschlagen . Es liegt etwa 650 Kilometer entfernt, am anderen Ende des Ross-Schelfeises. Sie wollen von dort der Route Shackletons folgen. Scott weiß inzwischen, dass er einen Rivalen hat – Amundsen hat die Presse informiert.

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Sachlich, kühl, fast leidenschaftslos plant dieser sein Vorgehen. Nur im antarktischen Frühjahr 1911 wird er plötzlich unruhig. Er beschließt, schon am 8. September aufzubrechen. Doch die Temperaturen sind noch zu tief, er muss umkehren. Erst am 20.Oktober geht es wirklich los. »Wir waren fünf Mann, Hanssen, Wisting, Hassel, Bjaaland und ich, mit vier Schlitten und je 13 Hunden.« Gepäck haben sie nicht viel dabei, das meiste liegt schon vor ihnen im Lager am 80. Breitengrad. So können die Männer die ersten 180 Kilometer auf den Schlitten sitzend fahren. Danach werden die Skier angeschnallt. Am 5. November erreichen sie das letzte Vorratslager am 82.Breitengrad, und sechs Tage später sehen sie die Berge.

Das Ende des Schelfeises ist erreicht, der Aufstieg auf das Festland beginnt. Bis auf über 3.000 Meter Höhe zerren die Norweger ihre Schlitten hinauf, teils im Nebel, teils im Sturm. Am 21. November kampieren sie auf 3.220 Meter Höhe. Der 85. Breitengrad ist überschritten, hier beginnt das Hochplateau, von dem Shackleton sprach und auf dem irgendwo der Pol liegt. Sie bleiben vier Tage, töten alle Hunde bis auf 18, haben so frisches Fleisch für die Artgenossen und sich selbst, gewöhnen sich an die dünne Luft und ziehen dann mit drei Schlitten weiter.

Mit seinem Tod will Scott aus der Niederlage noch einen Sieg machen

Nebel und Schneestürme sind ihre Begleiter. Das flache Land ist wie in Watte gehüllt. Die Norweger ahnen mehr, als dass sie wissen, wohin sie gehen. Der Boden scheint zu leben. Das Eis schiebt sich übereinander, bricht auf, bildet riesige Firnbrocken, die überstiegen werden müssen, schroffe Kanten, an denen die Schlitten hängen bleiben, und breite Risse, in denen ein Schlitten im Nirgendwo verschwinden kann. Sie kämpfen sich weiter voran. Der 86. Breitengrad. Der 87. Der 88. Dann am 8. Dezember: 88°, 23' – Shackletons Rekord ist eingestellt. So weit südlich war vor ihnen noch niemand. Sie legen das letzte Vorratslager für den Rückweg an.

Sieben Tage darauf ist es so weit. Am 14. Dezember, 15 Uhr, ertönt das »Halt« der Schlittenlenker. Sie haben ihre Messinstrumente genau beobachtet. »Das Ziel war erreicht und die Reise zu Ende!« Der Pol, ein errechneter Punkt im endlosen Weiß.

Die Norweger schütteln sich die Hände, dann folgt der große Akt: »Fünf raue, vom Frost mitgenommene Fäuste griffen nach der Stange mit der Fahne, hoben sie auf und pflanzten sie ins Eis – als einzige und erste auf dem geografischen Südpol.« Der Pol ist erobert. Doch »lange dauernde förmliche Zeremonien gewöhnt man sich in diesen Gegenden ab«, schreibt Amundsen weiter, und so bauen die Norweger ihr Zelt auf, versorgen die Hunde und vermessen das Gelände. Eine Zigarre gibt es auch noch für jeden.

Scotts Truppe ist da noch 670 Kilometer vom Ziel entfernt. Die Briten sind später aufgebrochen als die Norweger. Sie erklimmen weiter südlich die Hochebene, die Motorschlitten sind längst ausgefallen, auch die Ponys schaffen es nicht. Schließlich trennt sich das Polteam – Scott, Edward Wilson, Lawrence Oates, Edgar Evans und Henry Bowers – von den anderen. Zu fünft schleppen sie sich voran, ziehen die Schlitten, marschieren zehn oder zwölf Stunden am Tag. Pelze tragen sie nicht, Pelze sind was für Eskimos. Sie leiden an Skorbut und Erschöpfung. Am 17. Januar erreichen sie den Pol. Dort flattert stolz die norwegische Flagge im Wind. »O Gott! Das ist ein grausiger und entsetzlicher Ort«, schreibt Scott in sein Tagebuch . »So viel Schwerstarbeit und nicht einmal der Lohn, Erster zu sein.«

Am 26. Januar treffen die Norweger wieder an der Walfischbucht ein. Da irrt Scott noch durch die Eiswüste. Seine Lage wird immer verzweifelter, auch weil die Engländer ihre schlecht markierten Depots oft lange suchen müssen. Zudem haben sie die Kanister mit dem Brennstoff für die Kocher nur schlampig verschlossen, sodass der sich verflüchtigt hat. Als Amundsen am 7. März 1912 der Welt per Telegramm mitteilt: »Pol erreicht 14.–17. Dezember. Alle wohlauf«, sind die Engländer fast am Ende: Evans’ Hand ist erfroren, Oates’ Füße sind schwarz und faulig, Wilsons Sehnen entzündet. Alle, auch Scott, leiden an Erfrierung und Skorbut.

Leserkommentare
  1. Cook zu unterstellen, er hätte eine Niederlage in einen Sieg ummünzen wollen, und deshalb quasi Selbstmord begangen. Es gibt dafür keine konkreten Beweise. Dass er im Angesicht des Todes der Nachwelt ein Zeugnis hinterlassen hat, hat meines erachtens nichts, aber auch gar nichts Ehrenrühriges. Eine Niederlage in einen Sieg umwandeln schon.

  2. in allen artikeln die ich über jahre hinweg zu diesem thema, diesem "wettlauf" gelesen habe, auch in diesem, wird amundsen als der kühle "berechnende" (was ja an sich ein wenig negativ belegt ist) dargestellt. der ratinale usw. . und immer wird scott dieses heldentum angedichtet. ich habe vor jahren scotts expeditionstagebuch dieser reise gelesen. wie er schreibt welch tolle burschen seine begleiter nicht wären usw.. dieses bla bla.

    letztendlich war scott ein narr. der durch seine unfähigkeit und seine arroganz den tod seiner männer und seinen eigenen verschuldet hat. daran sehe ich nichts heroisches. dummheit und arroganz sind keine tugenden. amundsen ist der held. sorgfältige planung, rationales handeln und unvoreingenommeheit gegenüber den techniken der eskimos haben ihm und seinen männern das überleben gesichert. es wird zeit endlich mit der verehrung der dummheit zu brechen.

    ich hoffe inständig mich nicht in der wortwahl vergreiffen zu haben, indem ich scott einen narren nannte.

    2 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 14. Dezember 2011 10:49 Uhr

    Genau. Immer dasselbe. Die Betrachtung im Nachinein erlaubt denen die weder dabei gewesen sind, noch vielleicht niemals hätten dabei sein können, die arrogante Beurteilung.

    Scott und Amundsen waren integre Mneschen. In Ihrer Zeit. tatsächlich war Amundsen der bessere Kalulierer. Schon deswegen, weil er aus einem Land kam die die dieser Kälte und diesen Bedingungen näher stand. Er sagt selbst, der ambesten Vorbereitete hat auch das meiste Glück

    Heldentum war damals noch gefragt. Überall auf der Welt. Der tragische, aber ehrliche Held ist halt populärer. Scott hat verloren. Und? Gestern Abend war dreimal soviel Differenzierung und Info in der Glotze.

    Die Integrität der Anstrengung ist wichtig. Nur Kleingeister (nicht persönlich gemeint) bewerten pauschal im Nachinein und hätten vermutlich Amundsens Brief am Pol liegen gelassen.

    • TDU
    • 14. Dezember 2011 10:49 Uhr

    Genau. Immer dasselbe. Die Betrachtung im Nachinein erlaubt denen die weder dabei gewesen sind, noch vielleicht niemals hätten dabei sein können, die arrogante Beurteilung.

    Scott und Amundsen waren integre Mneschen. In Ihrer Zeit. tatsächlich war Amundsen der bessere Kalulierer. Schon deswegen, weil er aus einem Land kam die die dieser Kälte und diesen Bedingungen näher stand. Er sagt selbst, der ambesten Vorbereitete hat auch das meiste Glück

    Heldentum war damals noch gefragt. Überall auf der Welt. Der tragische, aber ehrliche Held ist halt populärer. Scott hat verloren. Und? Gestern Abend war dreimal soviel Differenzierung und Info in der Glotze.

    Die Integrität der Anstrengung ist wichtig. Nur Kleingeister (nicht persönlich gemeint) bewerten pauschal im Nachinein und hätten vermutlich Amundsens Brief am Pol liegen gelassen.

    Antwort auf "immer wieder das selbe"
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    nun gut, aber was genau wollen sie mir jetzt mitteilen?

    ich bin lediglich der meinung, dass eine verehrung und verklärung scotts, wie dies seit langem gepflegt wird, nicht angemessen ist. weil eine solche verehrung durch nichts in seinem verhalten gerechtfertigt ist.
    und was soll das bedeuten: ehrlicher held, und integrität der anstrengung. wenn arroganz und engstirnigkeit des anführers den tod seinen männer zur folge hat, sehe darain nichts verehrenswertes. er hätte keinen postum adeldtitel verdient, sondern ein postum verfahren wegen fahrlässiger tötung. oder halten sie etwa general custor auch für einen helden.

    und dass hat auch nichts mit, im nachhin ist man klüger und kann leicht beanstanden zu tun. amundsen war bereits vorher klüger. scotts vorgehen taut lediglich als beispiel für katastrophales projektmanagement.

  3. nun gut, aber was genau wollen sie mir jetzt mitteilen?

    ich bin lediglich der meinung, dass eine verehrung und verklärung scotts, wie dies seit langem gepflegt wird, nicht angemessen ist. weil eine solche verehrung durch nichts in seinem verhalten gerechtfertigt ist.
    und was soll das bedeuten: ehrlicher held, und integrität der anstrengung. wenn arroganz und engstirnigkeit des anführers den tod seinen männer zur folge hat, sehe darain nichts verehrenswertes. er hätte keinen postum adeldtitel verdient, sondern ein postum verfahren wegen fahrlässiger tötung. oder halten sie etwa general custor auch für einen helden.

    und dass hat auch nichts mit, im nachhin ist man klüger und kann leicht beanstanden zu tun. amundsen war bereits vorher klüger. scotts vorgehen taut lediglich als beispiel für katastrophales projektmanagement.

    Antwort auf "@2 lukas_56"
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    • TDU
    • 15. Dezember 2011 10:07 Uhr

    Klar hat der Fehler gemacht. Aber seine Maschinengläubigkeit konnte nur aus der Zeit kommen. Es gab allerdings kein Internet, die Informationen waren nicht so wie beim Rennen Österreich gegen Deutschland. Norwegen war da "rückständiger", weil viel naturverbudnener und damit nicht so leicht verführbar durch die Technik.

    Und Verklärung? Glaube ich gar nicht. Aber Verehrung? In gewisser Weise ja. Eben aus der Zeit mit ihrem auch Nationalsimus.

    Mit unseren heutigen Kategorien können Sie alle Verehrung aufheben. Disziplin nur als nationalsozialistische Tugend und Härte gegen sich selbst als ebenfalls überkommene Tugend. Vollkaskogesellschaft. Vergleichen Sie die weinerlichen nur ich bezogenen Momente bei dem Rennen Österreich-Deutschland.

    Den großen Erfolg haben wollen, aber nur und ausschliesslich selbstbezogen wirds schwierig. "Amundsens" Methode hat überall Konjunktur. Aber er war mehr als ein Kostenrechner. Sein Disziplin war im Sinne des Ganzen. Damals gab auch "Beamtenehre".

    Und fahrlässige Tötung? Sind die gezwungen worden mitzugehen?. Waren die dumm?. Alle wussten dass der Winter anfing. Wäre er früher los, hätte es klappen können, selbst wenn er Zweiter geworden wäre.

    Damals war der Staat noch nicht alles verantwortlich und der Mensch nicht nur ein "Gesellschaftsresultat", was die alle sicher auch weit von sich gewiesen hätten. Aber klar. Ohne Marie Curie hätte die Nebenwirkungen beim Röntgen nicht gegeben. Kritik ok, aber so ist sie mir zu deutsch.

    • Nutbush
    • 14. Dezember 2011 15:25 Uhr

    der Amundsen im Gegensatz zu vielen anderen, die sich derzeit mit dem Thema befassen, gerecht wird. Vor allem wird nachvollziehbar erklärt, warum er sein wahres Ziel, den Südpol, erfolgreich verschleierte. Denn von der britischen Presse wird Amundsen bis heute als notorischer Lügner und charakterloser Hallodri abgestempelt.
    In meinen Augen war er ein ehrgeiziger und kühler Stratege, der seine Schritte genau und lange im Voraus plante. Wahrscheinlich keiner, mit dem man damals seine Tochter gerne verheiratet, aber einer, bei dem man seinen Sohn für eine solche Expedition in verantwortungsvollen Händen gewusst hätte.

    Eine Leserempfehlung
    • kyon
    • 14. Dezember 2011 22:57 Uhr

    Amundsen hat seine treuen Begleiter und entscheidenden Helfer, die Schlittenhunde, mit großem Genuß verspeist, um sein Ziel zu erreichen und sein Ego aufzupolieren.
    Über den Charakter dieses Mannes ist damit alles Wesentliche gesagt.

    • TDU
    • 15. Dezember 2011 10:07 Uhr

    Klar hat der Fehler gemacht. Aber seine Maschinengläubigkeit konnte nur aus der Zeit kommen. Es gab allerdings kein Internet, die Informationen waren nicht so wie beim Rennen Österreich gegen Deutschland. Norwegen war da "rückständiger", weil viel naturverbudnener und damit nicht so leicht verführbar durch die Technik.

    Und Verklärung? Glaube ich gar nicht. Aber Verehrung? In gewisser Weise ja. Eben aus der Zeit mit ihrem auch Nationalsimus.

    Mit unseren heutigen Kategorien können Sie alle Verehrung aufheben. Disziplin nur als nationalsozialistische Tugend und Härte gegen sich selbst als ebenfalls überkommene Tugend. Vollkaskogesellschaft. Vergleichen Sie die weinerlichen nur ich bezogenen Momente bei dem Rennen Österreich-Deutschland.

    Den großen Erfolg haben wollen, aber nur und ausschliesslich selbstbezogen wirds schwierig. "Amundsens" Methode hat überall Konjunktur. Aber er war mehr als ein Kostenrechner. Sein Disziplin war im Sinne des Ganzen. Damals gab auch "Beamtenehre".

    Und fahrlässige Tötung? Sind die gezwungen worden mitzugehen?. Waren die dumm?. Alle wussten dass der Winter anfing. Wäre er früher los, hätte es klappen können, selbst wenn er Zweiter geworden wäre.

    Damals war der Staat noch nicht alles verantwortlich und der Mensch nicht nur ein "Gesellschaftsresultat", was die alle sicher auch weit von sich gewiesen hätten. Aber klar. Ohne Marie Curie hätte die Nebenwirkungen beim Röntgen nicht gegeben. Kritik ok, aber so ist sie mir zu deutsch.

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