Deutsche GeschichteDer grüne Gral

Eine große Ausstellung in Berlin erkundet die deutsche Liebe zum Wald. von 

Wald Baum Bäume

Ein Wald in der Nähe von Essen  |  © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Diese Harzwanderung blieb ein Schrecken der Kinderzeit. Der Tag hatte heiter begonnen. Wir stiegen zügig bergan. Nahe dem Sperrgebiet hielt Vater inne und hieß uns lauschen. Der Fichtenwald atmete und rauschte wie ein verborgenes Meer. Dann schwärzte sich der Himmel. Blitz und Donner schmetterten, wie von Sinnen stürzte der Regen. Wir flohen panisch – wohin? Zitternd, völlig durchnässt fanden wir Schutz in einer Höhle. Vater sprach ein Gebet. Mehr als das Unwetter, sagte er später, habe er streifende Russen gefürchtet.

So kamen wir unter die Bäume. Deutscher kann der Wald nicht sein. In seiner ideengeschichtlichen Karriere war er romantische Gegenwelt und militärisches Terrain, Hort der Erlösung wie der Gefahr , Ort Gottes, verwunschener Raum...

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Jetzt werden Die Deutschen und der Wald ausgestellt. Unter Bäumen heißt die Schau des Deutschen Historischen Museums zu Berlin. Möge sie der sittlichen Genesung dieser waldfremden Stadt dienen. Zwar ist Berlin relativ grün, seelisch jedoch dem Harz so wenig gewachsen wie die antimetaphysische Streusandbüchse Brandenburg. Skeptisch betreten wir zur Vorbesichtigung das DHM; immerhin liegt es Unter den Linden. Uns empfängt Rudolf Trabold, der wahrhaftig aus Wernigerode stammt. Erst kürzlich sei er wieder mit der Harzquerbahn auf den Brocken geschnauft. Das beruhigt. Herr Trabold erwartet uns selbviert, mit den Kuratoren Ursula Breymayer, Andreas Bernhard und Bernd Ulrich. Wir fragen: Was ist exklusiv am deutschen Waldgefühl?

Seine Geschichte. Am Anfang war Tacitus. In dessen Germania sind unsere düsteren Wälder beschrieben, die schaurigen Moore und dass wir unter Bäumen zu unseren Göttern beten. Tacitus’ Volksbetrachtung, um 100 nach Christus entstanden, gelangte ausgangs des 18. Jahrhunderts zu neuer Rezeption. Klopstock schrieb seine Waldoden und beflügelte Sturm und Drang. Kleist und andere belebten den Hermann-Mythos.

Der germanische Waldsieg über die römischen Legionen des Varus im Jahre 9 wurde zum Urbild nationaler Befreiung und Einigung. Denn wieder stand der welsche Feind im Land: Napoleon, nach Preußens Untergang bei Jena und Auerstädt 1806. Kein Werk der deutschen Malerei verkörpert derart die Symbiose von Wald, Nation und Freiheitskampf wie Caspar David Friedrichs Der Chasseur im Walde: Napoleons verlorener Soldat, ohne Pferd, verirrt im deutschen Fichtenforst, der ihn alsbald verschlingen wird.

Europas Wälder
Bewaldung Europa Karte

Klicken Sie auf das Bild um zu erfahren, wie sich der Wald in Europa über die Jahrhunderte verändert hat.  |  © Global Land Cover Facility/ZEIT ONLINE

Leider, sagt Frau Breymayer, habe man den Chasseur nicht ausgeliehen bekommen; er dürfe nicht mehr reisen. Aber Friedrichs Kreuz im Gebirge ist da und Kerstings Kranzwinderin, die dem Gedenken an Körner, Hartmann und Friesen Eichenlaub flicht. Man findet Waldiges von Waldmüller, Spitzweg, Blechen, Leistikow. Hans Thoma porträtiert sich unter Bäumen. Böcklin malt Das Schweigen des Waldes, Valentin Ruths aus Hamburg Rübezahls Garten. Walter Ruttmanns expressionistischer Spaziergang im Walde von 1915, erzählt Herr Bernhard, wurde der DDR nicht gezeigt, weil der Maler-Regisseur Ruttmann später Nazi-Propagandafilme drehte. Karl Haiders Heiliger Hain, Carl Oesterleys Deutscher Wald... Der wird auch fern der Heimat imaginiert, wenn deutsche Maler im Krieg vor karelischen oder galizischen Bäumen stehen.

Allerdings ist Unter Bäumen keine rein kunst- und geistesgeschichtliche Ausstellung, sondern interdisziplinär. Sie handelt auch vom Entstehen der Forstwissenschaft, sie zeigt untergegangene Waldberufe, sie prunkt mit den 109 Holzbuch-Kassiberbänden der Hohenheimer Baumbibliothek und ihren 200 Jahre alten Samen und Blütenstäuben. Multimedial tut sich die Welt der Märchen auf, kindgerecht präsentiert, da man Familien locken will.

Den reifen Besucher ergötzen die Heimatfilme der Nachkriegszeit. Reinliche Deutsche ergehen sich im unzerstörten Tann. Das Schwarzwaldmädel und Der Förster vom Silberwald balzen im Waldesrausch . Hach, Grün ist die Heide mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack! Auch als gesamtdeutscher Mordplatz von Tatort und Polizeiruf 110 eignet sich der Wald; und wer vergäße je das Grauen der Dürrenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tag.

Leserkommentare
    • Fluidum
    • 03. Dezember 2011 20:16 Uhr

    gibt es den Nussknackertürken seit 1966.

    Das lässt doch hoffen.

    Und ich zumindest habe schon als Kind in den Achtzigern mit mit Kindern türkischer Einwanderern im Westerwald gespielt. =)

  1. Ein Grund, noch DIE ZEIT zu lesen!
    Nach dem ungluecklichen Artikel ueber das Atmen der Baeume
    nun eine Wohltat...
    mehr davon bitte...
    Lasst mal die Ossis ran: Dieckmann for LEITARTIKEL!

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