Daihatsu CharadeVergeben und vergessen

Christine Meffert fährt den Daihatsu Charade von 

Daihatsu Charade

Daihatsu Charade  |  © Hersteller

Die Welt ist nicht gerecht. Dieser Autotest auch nicht. Obwohl ich es versucht habe. Ich habe wirklich versucht, diesem nichtssagenden Wagen gerecht zu werden.

Immer wieder habe ich mir gesagt: Es ist ein bescheidenes Auto, es will nicht viel, dafür kostet es auch nicht viel. Es ist anspruchslos, also sei auch nicht so anspruchsvoll. Versuche einmal, habe ich mich schließlich ermahnt, seine Qualitäten zu sehen: Immerhin fährt es.

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Diese Phase dauerte so etwa fünf Minuten, dann kam der alte Unwille wieder hoch, und ich dachte: Obwohl ich wirklich gern Auto fahre, würde ich jetzt viel lieber in der S-Bahn sitzen, in die Gegend stieren, alte Gedanken noch einmal denken – immer noch spannender, als mit diesem Langweiler durch die Stadt zu eiern.

Eiern ist leider das richtige Wort, die Lenkung ist so weich, als sei sie durch Gummiseile mit dem Fahrwerk verbunden, die Karosserie wirkt, als sei sie ganz und gar aus Plastik. Dieser Wagen bietet so wenig Widerstand, dass man sich noch nicht mal über ihn aufregen kann.

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Die Autotests aus dem ZEITmagazin  |  © Zeit Online

Hätte er wenigstens ein interessantes Gesicht. Aber schon eine Minute nach dem Aussteigen wusste ich nicht mehr, wie er aussah. Oft habe ich ihn nur mithilfe der Fernsteuerung wiedergefunden. Jetzt bekomme ich schon wieder ein schlechtes Gewissen, ich bin nicht nur ungerecht, sondern auch noch so oberflächlich.

Zu meiner Entschuldigung kann ich vielleicht sagen, dass mir dieser Begleiter auch auf einer tieferen Ebene nichts zu sagen hatte. Nicht die kleinste Geschichte hat er mir erzählt, obwohl wir zwei Wochen miteinander verbracht haben. Okay, das muss er nicht, er ist kein Buch. Aber über sich selbst hätte er mir doch ein bisschen was erzählen können, so in der Art: Ich bin ein einfacher, aber solider Kompagnon, ich bringe dich überall hin, ohne dass dir etwas geschieht. Aber nicht mal das hat er versucht, trotz seines Namens »Charade«, der wahlweise ein Silbenrätsel oder ein Pantomimespiel bezeichnet, also immerhin ein bisschen intellektuelle Herausforderung oder Schauspielkunst verspricht.

Vielleicht wollte er es auch gar nicht. Vielleicht ist ja seine einzige Botschaft: Ich bin billig zu haben. – Muss ich noch sagen, dass ich mit ihm nichts erlebt habe, null Komma nichts? Dass ich kaum noch an ihn denke. Es ist, als hätten wir uns nie kennengelernt.

Technische Daten

Motorbauart: 4-Zylinder-Benzinmotor
Leistung: 73 kW (99 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 11,9 s
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h
CO2-Emission: 125 g/km
Durchschnittsverbrauch: 5,4 Liter
Basispreis: 13.990 Euro

Christine Meffert ist Textchefin des ZEITmagazins

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Leserkommentare
  1. Jetzt mal ehrlich, liebe Zeit-Redaktion. Ich erwarte hier keine technische Analyse aller Details wie bei einem Auto-Magazin, aber ein bisschen mehr Inhalt würde dem Artikel sicherlich gut tun. Mehr als "es ist ein Auto, es fährt, Teile sind aus Plastik" habe ich dem Artikel leider nicht entziehen können.

    Dem armen Auto wird nach 5 Minuten das Qualitätssiegel "billig & langweilig" aufgedrückt, ich wüsste gerne was z.B. an einem Toyota Yaris spannender oder besser verarbeitet sein soll*. Auch dieses Auto "fährt einfach nur". Darauf kommt es doch an, besonders in dieser Fahrzeugklasse. Und gerade Toyota hat doch den Ruf, qualitativ hochwertige Fahrzeuge zu bauen.

    Aber Daihatsu, ne, das geht mal gar nicht.

    *Tipp: Der Daihatsu Charade IST ein Toyota Yaris, vielleicht wäre das auch erwähnenswert gewesen im Artikel.

    • medwed
    • 01. Dezember 2011 19:30 Uhr

    Der Artikel hebt sich – wiederum – wohltuend von den üblichen Autobeschreibereien ab. Dass irgendeiner – ebenfalls wiederum – meckert „das ist kein Test…! Ich hätte erwartet…“ war so sicher wie das Amen in der Kirche. Man wird’s wahrscheinlich noch Jahrzehnte verkünden müssen: die „richtigen“ Autotests finden sich zuhauf in unzähligen Druckschriften, vom ams bis Autobild, die ZEIT ist anders. Sie schreibt, was andere nicht schreiben. Und dieser Bericht über den Daihatsu Charade hat mir mehr Informationen vermittelt und das Auto näher gebracht, als die übliche Benzin-Journi-Schreibe.

  2. Aber immerhin, Frau Meffert, werden Sie im Daihatsu Charade nicht für eine Türkin oder Libanesin gehalten, was ja neulich Ihre größte Sorge zu sein schien.

  3. Es gehört wenig journalistischer Mut dazu ein langweiligen japanischen Kleinwagen zu zerreißen. Ich frage mich ob sie auch den Mut hätte, dieses über einen VW, oder ähnliches zu schreiben?
    Der Artikel würde zu einem Polo ebenso perfekt passen.
    Nur hätte sich dort vielleicht jemand aufgeregt, im Gegensatz zu einem Hersteller der sich eh vom deutschen Markt zurückzieht.
    In Deutschland wird für das Image einen VW fahre zu dürfen ohne mit der Wimper zu zucken 20% Aufschlag gezahlt, ohne den geringsten Mehrwert zu erhalten.
    Aber leider muss ich hier vergleichbar langweilige Artikel in mutlosen journalistischen Medien erleben.

  4. Meistens im Gegenteil: "... um (bei Firma Piëch) qualitativ und ausstattungsmäßig deutlichen Minderwert zu erhalten."

  5. Zerreißen - eigentlich hatte ich einen Verriss gemeint, passt aber irgendwie auch :-)

  6. Ja, die Dame sagt es ja selbst: "ich bin ungerecht und oberflächlich und damit hat sie sich selbst disqualifiziert!
    Was ist dazu noch zu sagen. Im übrigen kann man das von vielen
    Autotypen heutzutage sagen, ob Golf, Polo, Clio, C1 usw.
    Wenn sie jemanden braucht der ihr was erzählt, dann bitte Menschen und kein Auto. Mir haben Autos niemals etwas erzählt, außer ein Oldtimer oder ein Unfallwagen.
    Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass die Dame Kulturkritigerin ist.
    Also Schusterin bleiben sie bei ihren Leisten!

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  • Schlagworte Auto | Autotest | Botschaft | Buch | Daihatsu | Euro
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