Daihatsu Charade © Hersteller

Die Welt ist nicht gerecht. Dieser Autotest auch nicht. Obwohl ich es versucht habe. Ich habe wirklich versucht, diesem nichtssagenden Wagen gerecht zu werden.

Immer wieder habe ich mir gesagt: Es ist ein bescheidenes Auto, es will nicht viel, dafür kostet es auch nicht viel. Es ist anspruchslos, also sei auch nicht so anspruchsvoll. Versuche einmal, habe ich mich schließlich ermahnt, seine Qualitäten zu sehen: Immerhin fährt es.

Diese Phase dauerte so etwa fünf Minuten, dann kam der alte Unwille wieder hoch, und ich dachte: Obwohl ich wirklich gern Auto fahre, würde ich jetzt viel lieber in der S-Bahn sitzen, in die Gegend stieren, alte Gedanken noch einmal denken – immer noch spannender, als mit diesem Langweiler durch die Stadt zu eiern.

Eiern ist leider das richtige Wort, die Lenkung ist so weich, als sei sie durch Gummiseile mit dem Fahrwerk verbunden, die Karosserie wirkt, als sei sie ganz und gar aus Plastik. Dieser Wagen bietet so wenig Widerstand, dass man sich noch nicht mal über ihn aufregen kann.

Die Autotests aus dem ZEITmagazin © Zeit Online

Hätte er wenigstens ein interessantes Gesicht. Aber schon eine Minute nach dem Aussteigen wusste ich nicht mehr, wie er aussah. Oft habe ich ihn nur mithilfe der Fernsteuerung wiedergefunden. Jetzt bekomme ich schon wieder ein schlechtes Gewissen, ich bin nicht nur ungerecht, sondern auch noch so oberflächlich.

Zu meiner Entschuldigung kann ich vielleicht sagen, dass mir dieser Begleiter auch auf einer tieferen Ebene nichts zu sagen hatte. Nicht die kleinste Geschichte hat er mir erzählt, obwohl wir zwei Wochen miteinander verbracht haben. Okay, das muss er nicht, er ist kein Buch. Aber über sich selbst hätte er mir doch ein bisschen was erzählen können, so in der Art: Ich bin ein einfacher, aber solider Kompagnon, ich bringe dich überall hin, ohne dass dir etwas geschieht. Aber nicht mal das hat er versucht, trotz seines Namens »Charade«, der wahlweise ein Silbenrätsel oder ein Pantomimespiel bezeichnet, also immerhin ein bisschen intellektuelle Herausforderung oder Schauspielkunst verspricht.

Vielleicht wollte er es auch gar nicht. Vielleicht ist ja seine einzige Botschaft: Ich bin billig zu haben. – Muss ich noch sagen, dass ich mit ihm nichts erlebt habe, null Komma nichts? Dass ich kaum noch an ihn denke. Es ist, als hätten wir uns nie kennengelernt.

Technische Daten

Motorbauart: 4-Zylinder-Benzinmotor
Leistung: 73 kW (99 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 11,9 s
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h
CO2-Emission: 125 g/km
Durchschnittsverbrauch: 5,4 Liter
Basispreis: 13.990 Euro

Christine Meffert ist Textchefin des ZEITmagazins