Biller aus Berlin Ohrfeigen von Hélène Grimaud

Wie die große Pianistin einmal für Kowalski und mich Bartók spielte.

Die Pianistin Hélène Grimaud

Die Pianistin Hélène Grimaud

Als wir im Hyatt in ihr Zimmer reinkamen – wir waren nicht die ersten Interviewer an diesem Vormittag –, saß sie müde an einem kleinen runden Tisch, und ihr Kopf hing nach vorn wie bei einer Marionette, die gerade niemand bewegt. Auf dem Kühlschrank standen Dutzende von Wasser- und Orangensaftfläschchen, das Bett hinter ihr war unberührt, und im Fenster sah man einen fahlen Berliner Hotelhinterhof mit Kieswegen, über die noch nie jemand gegangen ist.

»Hallo«, sagte die berühmte Hélène Grimaud und hob langsam den Kopf. Sie sah anders aus als auf den Fotos, die ich mir im Taxi auf dem neuen iPhone angeguckt hatte. In ihrem braunen Haar waren graue Strähnen, das Gesicht war blass, leer und fast männlich. »Hallo«, erwiderte ich. Ich zeigte auf Kowalski, der mit seinen spitzen Ohren und dem hochstehenden schwarzen Mantelkragen heute noch mehr wie Dracula wirkte als sonst. »Das ist Kowalski. Seine Mutter ist Pianistin, und er würde gern eine Pianistin heiraten. Nein, im Ernst, er kennt sich tausendmal besser aus mit klassischer Musik als ich. Mich macht sie eigentlich nur depressiv.«

Anzeige
Zur Serie

"Über den Linden" – unter diesem Titel werden wir von nun an in loser Folge Maxim Billers Texte aus Berlin veröffentlichen.

Und plötzlich bewegte jemand die Fäden, an denen Hélène Grimaud hing, das Licht in den trüben Augen ging an, die Wangen färbten sich, und wir drei fingen sofort an, über Brahms, Glenn Gould und die Einsamkeit des Künstlers zu reden, über das Glück, das Klassik Musikern und Zuhörern schenkt, und wie schade es wäre, dass ich das nicht begriff. Wir redeten miteinander, als hätten wir es tausendmal vorher gemacht und als hätten wir noch immer nicht genug, und leider guckte Hélène Grimaud dabei meistens Kowalski an.

»Wie halten Sie das durch?«, sagte ich.

»Was?«

»Ständig Konzerte, Gespräche und fremde Leute, die glauben, dass Sie ihnen gehören.«

»Jeder Mensch hat das Recht auf Glück«, sagte sie, »ich verschenke Glück. Klingt das zu kitschig?«

»Nein!«, sagten Kowalski und ich gleichzeitig und viel zu laut, und dann redeten er und sie weiter über Klavierstücke von Bach, Rachmaninow und Bartók, die ich nicht kannte, und er brachte sie sogar dazu, ein Intermezzo von Brahms zu summen. Natürlich wollte er wissen, was sie später bei Dussmann spielen würde, bei der Vorstellung ihrer neuen Mozart-CD, und sie sagte gelangweilt: »Mozart«, und jemand ließ die Fäden, an denen sie hing, abrupt los.

Leser-Kommentare
  1. Herr Biller, Ihr Artikel gefällt mir!er ist so herrlich ehrlich und verschönt nichts, sondern stellt alles so faszinierend oder eben nicht faszinierend da, so wie es auch tatsächlich ist. Und der intelligente und wohldosierte Humor macht Freude beim Lesen. Ich bin gespannt auf kommende Artikel!

  2. Ich wohne in den Staaten und ich war wirklich sauer als der Roman Ezra verboten wurde...und ich ihn nicht lesen konnte. Ich moechte mich aber nicht ueber die Frau und deren Mutter auslassen, die anderen verbieten wollen, was sie zu lesen haben. Ganz im Gegenteil, ich freue mich sehr, dass eine Unter Den Linden Serie geschrieben wird und das Herr Biller in der "Zeit" schreibt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    passiert, nachdem sie in Deutschland ein Buch verboten liessen? In die USA ausgewandert wie Guttenberg?

    passiert, nachdem sie in Deutschland ein Buch verboten liessen? In die USA ausgewandert wie Guttenberg?

  3. Die gute Helène sollte sich öfter mit Journalisten verabreden. Vor Jahren, als Biller noch seine verflossene Beziehung schreibend aufarbeitete, wirkte sie in der Philharmonie seltsam uninspiriert.

  4. passiert, nachdem sie in Deutschland ein Buch verboten liessen? In die USA ausgewandert wie Guttenberg?

  5. Man muss wohl Biller-Fan sein, um den Artikel wirklich zu mögen, denn für meinen Geschmack ist er prätentiös, eitel und redundant. Irgendwo zwischen langweilig und peinlich, dieses Zurschaustellen der Suche nach Symbiose mit dem angebliche Höheren, das die Künstlerin verkörpert ...

    • k2
    • 02.12.2011 um 15:03 Uhr

    http://www.youtube.com/wa...

    Nach
    1 Min 40 Sekunden und Coda-Repetition läuft
    Grimaud volles Risiko.

  6. doch in unseren ironischen Zeiten. Da jemand der den Absolutheitsanspruch, den Kunst doch irgenwann mal hatte, in wunderbare Sätze zu packen versteht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service