Burn-out : "Extrem viel Adrenalin"

Wie der soziale Wandel, die Medien und unser Anspruchsdenken zur kollektiven Erschöpfung führen. Ein Gespräch mit Nico Niedermeier über den Weg zur richtigen Therapie

DIE ZEIT: Herr Niedermeier, in Ihrer verhaltenstherapeutischen Praxis behandeln Sie Menschen, die über Burn-out , Erschöpfung oder Depressionen klagen. Was tun Sie mit Ihren Patienten? Leisten Sie erst einmal Definitionsarbeit?

Nico Niedermeier: Die Versuchung ist natürlich groß, bei dem Gefühl einer Überlastung pauschal irgendeine Form von Entlastung zu empfehlen. Aber der erste Schritt muss eine ordentliche Diagnostik sein. Wer hat eine echte Depression? Wer hat vor allem Probleme am Arbeitsplatz, und bei wem hat es vielleicht eher mit einem zu hohen Anspruchsdenken zu tun?

ZEIT: Halten Sie denn alle Menschen, die über ein Burn-out klagen, für behandlungsbedürftig? Oder sagen Sie auch mal: Bei mir sind Sie falsch?

Nico Niedermeier

Der Verhaltenstherapeut aus München engagiert sich in der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Niedermeier: Wir sind keine Wohlfühlpsychotherapeuten. Ein Großteil unserer Patienten hat echte Depressionen , die klinisch behandelt werden. Aber daneben gibt es auch Menschen mit depressiven Symptomen, die hauptsächlich durch das Berufsleben ausgelöst werden und wieder weggehen, wenn die Betroffenen aus ihrer Arbeitssituation herauskommen. In solchen Fällen spreche ich eher vom Burn-out. Und dann gibt es noch jene wie den Manager, der neulich bei mir darüber klagte, dass er im Urlaub so schön entspannt gewesen sei und sich jetzt abends nach der Arbeit immer so k.o. fühle. Da habe ich gesagt: Ich fürchte, ich bin abends auch k.o.

ZEIT: Was empfehlen Sie Patienten, die unter Burn-out leiden?

Niedermeier: Wer ein Burn-out hat, muss lernen, einen Gang herunterzuschalten. Da reicht es meist nicht, einfach Urlaub zu machen. Häufig müssen auch die persönlichen Einstellungen auf den Prüfstand. Wenn jemand ein zwanghafter Buchhalter ist, der alles überperfekt machen möchte, dann ist das zwar für seine Firma prima, aber er selbst wird irgendwann an seinen Ansprüchen scheitern.

ZEIT: Viele Menschen klagen darüber, dass sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen, weil Burn-out nicht als Krankheit anerkannt sei und sich niemand zuständig fühle. Wer ist der richtige Ansprechpartner?

Niedermeier: Wenn ich mich mit etwas nicht auskenne, dann lasse ich mich in der Regel beraten. Das sollte auch für den Umgang mit psychischen Problemen gelten. Wir müssten dahin kommen, dass leidende Menschen mehr Anlaufstellen haben, dass sie sich kurz an einen Profi wenden und mit dem ihre Situation klären können. Habe ich ein Burn-out, eine echte Depression, oder bin ich nur erschöpft? Leider ist das meist nicht so einfach, weil die Psychotherapeuten sich mit ihren wenigen Patienten über Jahre beschäftigen und die Psychiater häufig wenig Zeit haben.

ZEIT: Was können Betroffene sonst tun?

Niedermeier: Hilfreich ist schon einmal, sich zu informieren. Es gibt jede Menge gute Literatur darüber, wie sich eine Depression und wie sich ein Burn-out anfühlt. Auch Selbsthilfegruppen können nützlich sein. Und natürlich sollte man selbst überlegen: Was kann ich für mich tun? Wir leben in einer Welt, die nahezu jede Form von Kontemplation vollkommen abgeschafft hat – genau die wäre aber manchmal sinnvoll, um seelischer Erschöpfung vorzubeugen. Entspannungstrainings können helfen; wichtig ist auch Bewegung, um den hohen Adrenalinspiegel zu senken, der bei vielen zum Dauerzustand geworden ist.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Herr Niedermaier

schreibt innerhalb seines Fachgebietes viel Richtiges.

Warum aber muß er folgenden politisch kreierten Halbsatz hier als Wahrheit widergeben:
"Durch die Globalisierung ist der Druck auf die menschen erhöht worden"

Ert sollte sich mal die Zeit nehmen und seine Aussage überprüfen.

Wer erzeugt Druck? Menschen erzeugen Druck. Die Werbung erzeugt Druck bei anfälligen menschen. Unternehmer erzeugen Druck bei Arbeitnehmern. Politiker erzeugen Druck beim Volk.

Die Globalisierung erzeugt keinen Druck. Globaliosierung gab es schon immer.
Das tägliche Leben wurde zum Kampf jeder gegen jeden gemacht. Es herrscht Krieg auf allenen Ebenen. Im Kindergarten, in der Schule, im Beruf, im Privatleben.

Wer meint, er müsse unbedingt als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen kann sich schon mal überfordern.

Ein kollektives :IHR MÜSST Exportweltmeister werden, die Besten sein, mehr verdienen, eine Weltreise oder eine Kreuzfahrt machen,..... ist die Krankheit. Burn-Out oder Depressionen sind nur die Symptome.

Burn-out - ein Krisensymptom der Gesellschaft

/Zitat
Wer ein Burn-out hat, muss lernen, einen Gang herunterzuschalten.
Zitat/

Wenn Symptome sich derart häufen, handelt es sich nie um ein rein individuelles, immer um eine gesellschaftliches Krisensymptom Es entspricht dem neoliberalen Zeitgeist, auch solche Probleme zu individualisieren und die Lösung dem Individuum aufzuhalsen. Doch kaum ist der eine Fall einigermaßen - und in der Regel nur vorübergehend - "geheilt", steht der nächste schon vor der Tür: ein Teufelskreis.

Der Grund liegt in der generellen Überlastung von Lebens- und Arbeitsbereichen durch die Gesellschaft.

Am Beispiel der Schule lässt sich dies einfach zeigen: Kaum waren die Piraten in Berlin gewählt, luden sie sofort der Schule neue Aufgaben auf: Drogen und Internet. Diese Neigung hat sich sei Mitte der 1960er stetig verstärkt. Die Schule soll inzwischen alles heilen und richten, womit die Gesellschaft nicht klar kommt.

Das allein ist schon eine krank machende Überforderung, gegen die der Einzelne sich als ohnmächtig erlebt. Ohnmachtsgefühle sind der erste Schritt in Richtung Burnout. Auch wird dadurch die Beschreibung von Arbeitsfeldern immer diffuser und so berufliches Erfolgserleben immer schwieriger. Dies belastet vor allem gewissenhafte Menschen. Am Ende steht Burn-out, häufig gerade bei den Besten.

Schuld sind nicht die Schüler, sondern die Gesellschaft. Deshalb gibt es auch keine individuelle Lösung, sondern nur eine durch die Gesellschaft.

Burn Out- Eine Erfindung ?

Wie möchten Sie es sonst nennen, wenn ein AN vor Erschöpfung nicht mehr arbeitsfähig ist ?

Ich war als Monteur vor einem Jahr in Rumänien tätig.
Wir haben dort zwar nur 10 Stunden am Tag gearbeitet ( 8 Wochen am Stück; ohne Sonntage); aber jeden Morgen wurde uns vom Vorarbeiter eingetrichtert "heute Gas geben !". Diese und ein paar weitere AN, die mit dem Tempo mithalten wollten, konnten sich auch nur mit Kokain "fit" halten.

So ging ich dann dort zum Arzt.
Ich sagte meinem Dolmetscher, dass ich ausgebrannt wäre, ein BURN OUT hätte. Er gab mir zwar gleich zu verstehen, dass die Ärzte diesen Begriff nicht kennen und die Ärztin mich darauf nicht krank schreiben wird; aber ich bestand auf diese Übersetzung.
Wie zu erwarten war, konnte/ wollte mich die Ärztin darauf nicht krank schreiben.
Stattdessen fragte Sie mich, ob ich evtl Magenschmerzen hätte oder irgendetwas anderes.
Nein sagte ich und wollte nicht lügen.
Dann gab Sie mir ausdrücklich zu verstehen, dass wenn ich mir nicht etwas anderes aus den Fingern saugen kann, ich auch keine Krankschreibung erhalten würde.

Und so geschah es dann auch.
Ich war dann 3 Tage dort auf "privatverschulden" quasi ohne Bezahlung, erhielt nur meine Auslöse, aber keine weitere Bezahlung meines AGs; weil Sie diese Krankheit einfach nicht kennen.

Also frage ich Sie, wie man eine (Volks-)Krankheit anders definieren sollte, als ausgebrannt sein/ Burn Out haben ?
Waren Sie eig schon einmal in dieser Phase, dass Sie ausgebrannt waren ?

Liebe Redaktion

Der überwiegende Tenor der Artikel zum Thema Burnout ist sicherlich zu begrüßen.

Nichts desto trotz muss es nicht alle 2 Tage ein neuer Artikel sein! Man kann ein Thema auch überinflationär behandeln und damit jegliche positive Intention ins Gegenteil verkehren. Sinnvoller wäre es, sich Burnout und eher noch Depression langfristig auf die Agenda zu schreiben, damit es langfristig zu einer Verbesserung der Situation für die Betroffenen kommt. Denen ist nicht damit geholfen, wenn sie sie sich im Zuge dieses medialen Auslutschens in ihrem Umfeld gar nicht mehr zu öffnen wagen, weil ihnen unterstellt wird, auf einer Welle zu schwimmen oder einfach nur, weil es keiner mehr hören mag.