Mary-Poppins-Figuren mit Kostüm und streng zurückgekämmtem Haar haben ausgedient. »Die jüngere Generation der Spitzenverdiener bevorzugt zeitgemäßes, weniger formelles Personal«, sagt Michaela Pohlmann von der Familien-Agentur Pohlmann und Lange. Birgit de Fries von Nanny4yourkid berichtet Ähnliches: »Gerade gut verdienende Eltern wünschen sich junge Frauen mit pädagogischer Ausbildung, die auch mal mit dem Kind herumtoben.« Ein klassisches Hausmädchen reicht da nicht mehr aus: Zusätzlich zu ihrem pädagogischen Hintergrund soll die Nanny von heute mehrere Sprachen sprechen und über spezielle Zusatzausbildungen im musischen oder sportlichen Bereich verfügen. Sie muss in der Lage sein, einen Haushalt zu koordinieren und gegebenenfalls andere Angestellte zu unterweisen. Die Bezeichnung Familienmanagerin ist noch kein offizieller Begriff, aber im Grunde ist die moderne Kinderfrau nichts anderes: Sie hält der karriereorientierten Chefin den Rücken frei nicht nur in der Erziehung, sondern auch in zahllosen anderen Lebensbereichen. Ein Fulltimejob.

»Oft bewerben sich Erzieherinnen, die sich wieder auf den pädagogischen Kernbereich konzentrieren wollen – ohne den manchmal beträchtlichen Verwaltungsaufwand der Kitas. Aufstiegschancen finanzieller Art spielen natürlich auch eine Rolle«, sagt de Fries. Selbstbewusste Frauen seien das, sehr ambitioniert. »Sie haben richtige Managerqualitäten.« Trotzdem empfinden viele den neuen Job als Sprung ins kalte Wasser. »Wie man am besten mit dem Kinderwagen Rolltreppe fährt oder auf Reisen ein kindgerechtes Ausflugsprogramm organisiert? Viele müssen da erst mal ihre eigene Mutter fragen, darauf bereitet auch die Erzieherinnen-Ausbildung nicht vor. Deshalb ist Birgit de Fries dabei, eine Akademie für angehende Familienmanagerinnen zu gründen. Auf dem Stundenplan sollen Themen wie Umgang mit Druck in der Schule, Reisebegleitung und Haushaltsführung stehen. Der Start der Akademie ist für Januar 2012 geplant.

»Ich arbeite nicht mehr für Prinzen«

Andrea Zissler, 30 Jahre, betreut drei Kinder:

Ich liebe meinen Beruf, aber für Schauspieler und Fußballer will ich nicht mehr arbeiten. Das habe ich meiner Vermittlungsagentur schon gesagt. Diese Familien haben zwar viel Geld, aber oft bezahlen sie nicht ordentlich. Sie suchen nach besseren Hampelmännern, nicht nach einer Nanny oder Familienmanagerin. Bei einem Bayern-München-Spieler musste ich der Frau immer die Fußnägel lackieren, und dann habe ich noch erfahren, dass sie mich nicht einmal sozialversichert hat. Nach acht Jahren habe ich eine gewisse Wut auf solche Leute. Ich arbeite nur noch für normale Familien, die in bürgerlichen Gegenden wohnen und ihre Kinder ohne Standesdünkel erziehen; Familien, die mich angemessen bezahlen und mich nicht als Untergebene behandeln. Ich möchte zufrieden sein, und ich weiß, dass ich das mit 1.000 Euro netto nicht bin. Schließlich habe ich eine fünfjährige Erzieherinnen-Ausbildung gemacht. Ich spreche Englisch und Italienisch und habe zehn Jahre Erfahrung als Familienmanagerin.

Wenn man bei reichen Leuten angestellt ist, muss man viele Einschränkungen hinnehmen. Ich habe einmal für eine Prinzenfamilie gearbeitet, in der jedes der vier Kinder eine eigene Nanny hatte. Wir durften nie ohne Bodyguard aus dem Haus gehen, ich durfte zu keinem meiner Freunde etwas über die Familie sagen. Diese Geheimnistuerei und das Zwei-Klassen-Gesellschafts-Denken waren mir irgendwann zu viel. Als Familienmanagerin verbringt man sehr viel Zeit in der Familie. Da müssen die Persönlichkeiten miteinander harmonieren, die Bezahlung muss stimmen, und der Umgang muss respektvoll sein. Sonst kommt es früher oder später zu gewaltigem Krach – so wie mit einer meiner früheren Chefinnen: Sie hat versucht, mich in ihren Sorgerechtsstreit zu verwickeln, und wollte mich mit Geld zu einer falschen Aussage vor Gericht bringen. Weil ich das abgelehnt habe, hat sie mich rausgeworfen, und ich musste mir erst einmal eine neue Wohnung suchen.

Glücklicherweise liegt das nun alles hinter mir. Meine jetzige Familie ist so toll, dass ich mir keinen besseren Beruf denken kann – auch weil meine Chefin und ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis haben: Wenn ich mal Nachtdienst machen muss, darf ich sogar meinen Freund mitbringen. Trotzdem ist es gut, dass ich nicht mit ihr zusammenwohne. Das gibt mir den nötigen Abstand, auch zu ihren drei Kindern: Zwei sind noch Babys, das dritte ist zwei Jahre alt. Sie zu betreuen ist meine Hauptaufgabe. Außerdem erledige ich Botengänge für meinen Chef und organisiere Arzttermine. Dafür bekomme ich etwa 600 Euro mehr pro Monat als Erzieherinnen im Kindergarten. Außer mir hat meine Chefin noch eine Zugehfrau angestellt, die putzt und wischt. Sonst gibt es aber kein weiteres Personal – eine ganz normale Familie. Das ist angenehm. Oft hilft meine Chefin sogar mit, wenn wir arbeiten. Als Fotografin ist sie viel unterwegs, aber wenn sie da ist, bedankt sie sich immer für meine Arbeit. Sie weiß es zu schätzen, dass ich ihr als Erzieherin Tipps geben kann. Zum Beispiel geht ihr Älterer jetzt auf meine Anregung hin zum Musikunterricht. Seitdem ist er gegenüber anderen Kindern viel weniger schüchtern.

Ich freue mich, dass meine derzeitige Chefin so viel von mir hält. Es ist schließlich nicht einfach, darauf zu vertrauen, dass die Familienmanagerin das Kind nicht vom Wickeltisch fallen lässt. Vertrauen kann man nicht kaufen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es Frauen mit viel Geld einfacher haben bei der Kinderbetreuung. Ich jedenfalls weiß, dass ich meine Kinder nie aus der Hand geben würde, wenn ich welche hätte.