Vor zehn Jahren, am 4. Dezember 2001, schockte die erste Pisa-Studie die deutsche Öffentlichkeit. Denn die Leistungen unserer Schüler im Lesen, in der Mathematik und den Naturwissenschaften erwiesen sich im internationalen Vergleich als unterdurchschnittlich. Noch schlimmer: Jeder vierte 15-Jährige konnte nicht richtig lesen und schreiben (»Risikogruppe«). Nur in einem Punkt lag Deutschland vorn: in der Bildungsungerechtigkeit. In keinem anderen Land war die Schulleistung so eng an die soziale Herkunft gekoppelt wie hierzulande.

1. Früher ein Tabu, heute Normalität: Die Bildung wird vermessen

Noch kurz vor der Pisa-Studie zogen Lehrer vor Gericht: Sie sahen durch eine ähnliche Leistungsstudie ihre Persönlichkeitsrechte verletzt, weil die Schüler auch den Unterricht bewerten sollten. Schulpolitik wurde hierzulande im Blindflug betrieben. Verbissen stritt man darüber, was der Nachwuchs denn lernen solle, welche Methoden die besten seien, und führte hochtrabende Debatten über den Bildungsbegriff. Nur wusste niemand, was die Schüler im Laufe der Schulzeit tatsächlich gelernt hatten, welche Methoden und Rahmenbedingungen am wirksamsten sind. Die Ausrede all jener, die sich einem Leistungsvergleich nicht stellen wollten, war die Behauptung, Bildung sei nicht messbar.

Pisa hat die meisten davon überzeugt, dass man zumindest die Grundbildung in den Kernfächern der Schule weltweit vergleichbar messen kann. Leistungsvergleiche zwischen Schulen und Bundesländern sind nun weitgehend akzeptiert. Dass an Schulen wieder auf Leistung geachtet und nicht über sie hinweggeredet wird, ist vielleicht der wichtigste Erfolg der Pisa-Studie .

2. Die deutschen Schulen sind besser und gerechter geworden

Noch spukt in vielen Köpfen, Deutschland sei Weltmeister der Bildungsungerechtigkeit. Doch das stimmt nicht mehr. Inzwischen liegen wir in dieser unschönen Disziplin international im Mittelfeld. Das brachte die Pisa-Studie zutage, die vor einem Jahr veröffentlicht wurde. In der Mathematik und den Naturwissenschaften sind die deutschen 15-Jährigen nun besser als der internationale Durchschnitt, und im Lesen sind sie zumindest ins Mittelfeld aufgerückt. Die Anstrengungen der Schüler und Lehrer, der Eltern und Politiker haben sich also gelohnt. Besonders erfreulich ist, dass Deutschland deswegen besser geworden ist, weil der Anteil der leistungsschwachen Schüler abgenommen hat. Die »Risikogruppe« extrem schwacher Schüler wurde von einem Viertel auf ein Fünftel verkleinert.

3. Die Bildungspolitik erlebte ihre Sternstunde, nun kriselt es wieder

Man muss sich an die vergiftete Atmosphäre, den ideologischen Krampf und damit die Stagnation in der Bildungspolitik vor 20 Jahren erinnern, um zu ermessen, wie mutig die Kultusminister von Union und SPD, wie Hans Zehetmair und Jürgen Zöllner, waren, als sie 1997 die Teilnahme Deutschlands an internationalen – und später auch innerdeutschen – Schulleistungsvergleichen beschlossen haben. Dass die Kultusministerkonferenz das schlechte Zeugnis, das ihr die Pisa-Studie 2001 ausgestellt hat, selbst bestellt hatte, ist eine politische Großtat.

Auch die Kultusminister, die 2001 bei der Veröffentlichung der Studie einen klugen Handlungsplan vorgelegt haben, wie Annette Schavan (CDU) und Gabriele Behler (SPD), hatten Gewicht und Ehrgeiz. In einem politischen und finanziellen Kraftakt schufen sie ein weitgehend unabhängiges Institut an der Humboldt-Universität, das nationale Bildungsstandards entwickelt und ihr Erreichen überprüft. Schulinspektionen wurden ebenso eingeführt wie Vergleichsarbeiten und fast flächendeckend das Zentralabitur.

Doch die kämpferischen Überzeugungstäter, die das Amt des Kultusministers verlangt, weil man in ihm als Politiker nur Schläge kassiert, wurden nach und nach – von Ausnahmen abgesehen – von politischen Nobodys abgelöst. Von der Kultusministerkonferenz gehen keine Impulse aus. Auch unter den Ministerpräsidenten gibt es keine Persönlichkeiten mehr wie Erwin Teufel, Johannes Rau oder Bernhard Vogel, die die Bildungspolitik, von innerer Überzeugung geleitet, zur Chefsache gemacht haben.