Yoga-Persiflage Die Sonne geht im Steißbein unter

Zürich ist die Welthauptstadt des Yoga. Endlich wird dieser letzte Modeschrei im Theater persifliert.

Hannes Glarner und Anna Tenta in dem Stück "True Nature" am Theater Neumarkt in Zürich

Hannes Glarner und Anna Tenta in dem Stück "True Nature" am Theater Neumarkt in Zürich

Wir verankern unsere Sitzhöcker in der Erde. Wir lösen unser Brustbein. Wir atmen durch den Bauchnabel ein und durch die Ohren wieder aus. Wir tun, was alle tun: Wir machen Yoga. Die 1.000 Sonnen in uns wollen begrüßt werden, und wer keine Zeit hat, sich jeder einzelnen zu widmen, der besucht Speed-Yoga im Theater – und lernt dort als Beigabe, dass Zeit gar nicht existiert.

True Nature heißt der satirische Bühnen-Crashkurs mit dem Publikum als Yoga-Klasse. Am eigenen Körper wird geübt, was in Zürich blüht wie in keiner anderen Stadt Europas, der vierte Weg, mit unserem dritten Auge Gott zu schauen. Und wenn nicht ihn, so zumindest uns selber, unsere wahre, defizitäre Natur.

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Zürich ist die Hauptstadt des Yoga. Jeder Vierte tut es hier schon

In der Finanzstadt ist »defizitär« das Wort zur Lage, zum Tag und zur neusten Mode: Yoga als spirituelle Notfallapotheke für uns Mangelwesen boomt in über 70 Studios, und laut Statistik ist bereits jeder Vierte mit dem Virus infiziert. Die Hauptstadt der Yogis und Yoginis sowie der weltbekanntesten und teuersten Yoga-Lehrer liegt nicht am Ganges, sondern an der Limmat. Auch Poonam Stecher Sharma aus Delhi, die Julia Roberts für den Film Eat Pray Love den perfekten Lotussitz beibrachte, hat ihren Sitz kürzlich hier fest installiert. Und das hat seine Gründe.

Am Anfang war der Klang. Aus dem »Om« sei das Universum entstanden, glauben die Hindus und Buddhisten. Und ähnlich die Bruder- und Schwesternschaft Zwinglis. Auch für sie liegt im Klang ein Anfang – im Klang des Geldes. Psychologie, Spiritualität und Geld gehen in Zürich seit je fruchtbare Allianzen ein. Und die erste Yoga-Expo diesen Februar bewies: Die indische Lehre hat sich mit dem Geist der Stadt verschwistert, mit der Realität des Kommerzes.

Denn Yoga bietet allen ein Dach: dem metaphysisch Obdachlosen, dem Opfer der Finanzkrise und dem Jungunternehmer. Aus jedem Yoga-Schüler kann früher oder später ein Yoga-Lehrer werden und sogar ein Yoga-Studio-Besitzer. In den achtziger Jahren unterrichtete der ehrwürdige indische Hatha-Yogi, Selvarajan Yesudian, noch allein auf weiter Flur. In der Hand eine rote Rose. Heute heißen die Hatha-Zweige, die hier zum Behufe ultimativer Selbsttransformation angeboten werden: Yin-und-Yang-, Power-, Hormon- oder Lach-Yoga. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis einer die Gegenmode zum Modediktat kreiert und sich vor den Zug der Lemminge legt mit dem Button: »Yoga, nein danke!«

Überraschend ist das nicht. Es führt eine direkte Linie von der protestantischen Ethik Zwinglis, nach der dem das Himmelreich gehört, der auf Erden Geld macht, zur innerweltlichen Askese der modernen Yoga-Jünger und ihrer Mission, ihr Himmelreich zu bevölkern. Und es gibt den bekannt gedeihlichen Zürcher Humus, auf dem globale metaphysische Tendenzen wiederholt Blüten trieben.

In den sechziger Jahren waren es die Hippies, die an der Limmatriviera siedelten. Ihre Nachfahren belagerten später die zahllosen psychoanalytischen Couches der Stadt. In den achtziger und neunziger Jahren boomten die Sekten, die Scientology-Kirche von Ron Hubbard, die koreanische Vereinigungskirche von San Myung Moon, der Zürcher Verein Psychologischer Menschenkenntnis von Friedrich Liebling (VPM).

Ob sie alle Geisteskinder von Zwingli sind? So oder so legt die Bühnensatire True Nature den Finger auf ein Zeitphänomen. Doch nicht von ungefähr. Die treibende Kraft ist der Theatermann und Hörspielautor Hannes Glarner, der in den neunziger Jahren das Zeitstück InSekten mitverantwortete, welchem der Sprung vom kleinen Zürcher Neumarkttheater ans große Berliner Theatertreffen gelang. In der Regie von Volker Hesse war InSekten die erhellendste Recherche in die Innenwelt von Moonies, VPM- und Scientology-Mitgliedern. Mit seiner Yoga-Demaskierung knüpft Glarner dort an, wieder am Theater Neumarkt, und das Ergebnis ist bestechend. Nicht nur, aber auch weil die beiden Beteiligten und Autoren als langjährige Yoga-Lehrer Kenner der Materie sind.

True Nature persifliert einen Yoga-Informationsabend und Szenen einer Yoga-Ehe, eines despotischen Meisters (Glarner) und seiner Partnerin (Anna Tenta, eine Forsythe-Tänzerin und charismatische Schauspiel-Entdeckung). Wo reine Harmonie sein soll, regiert perfide Unterdrückung, wo neues Bewusstsein behauptet wird, herrscht alte Geldgier. Das ist böse, bissig und höchst amüsant. Und enthüllt Geheimnisse wie jenes, dass Gott im Steißbein sitzt und unsere Ohren Sonnensegel sind. Der Krisenwind der Gegenwart soll sich darin verfangen, dann wird dieses Stück weitherum Gehör finden.

True Nature, Theater Neumarkt, Zürich, bis 15.12.

 
Leser-Kommentare
  1. Es wäre toll, wenn das Stück auch nach Deutschland kommen könnte. Ich bin kein Yoga-Gegner, und findes es klasse, dass Menschen sich mit Yoga auseinandersetzen. Aber eine Instrumentalisierung des Yoga und Wettbewerbsgedanken gehören da einfach nicht hin. Soll jeder sein wahres Yoga finden, um Kraft zu tanken. Vielleicht werden ja bestimmte Leute durch das Stück erleuchtet. Für manch' andere bleibt's dann halt teure Gymnastik. Übrigens ist die Überschrift des Artikels extremst gelungen ^^

  2. Yoga geht in unserer Gesellschaft einher mit Geld und der Suche nach dem Sinn des Lebens. Ein übersättigtes Bürgertum sucht, denn wenn man Schwierigkeiten beim täglichen Überlebenskampf hat, kann man sich diese Suche gar nicht leisten. Aber ich bin nicht generell gegen Yoga. Einige Übungen finde ich sehr gut und die Entspannung, die man während der Unterrichtsstunden spürt, kann schon hilfreich sein. Man sollte es nur von all dem geistigen Schnickschnack rundherum befreien. Es ist, im Gegensatz zu vielen Sportarten, ohne Wettkampf. Das ist ab einem bestimmten Alter sehr gut, weil man mit den jungen durchtrainierten Sportlern-innen sowie nicht mithalten kann und sich immer dumm vorkommt. Aber damit auch genug. Wenn wir uns die Gesellschaften, aus denen diese Lehren kommen, ansehen, dann sehe ich nicht viel erstrebenswertes, was ich unbedingt nach Europa bringen möchte. Und glücklich in mir selbst ruhen kann ich auch, wenn ich einfach mal nett und mitfühlend werde und z.B. meinen Nachbarn freundlicher grüße, anderen Menschen helfe und mein Herz nicht gegen die Not um mich herum verhärte. Einen Versuch ist es wert.

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    Ich finde, dass gerade die Entfernung des geistigen Schnickschnacks überhaupt dazu führt, dass Yoga mit Leistungsanspruch und Konkurrenzdenken betrieben wird. Denn genau das unterscheidet Yoga auch von der reinen Gymnastik. Der meditative Charakter führt mit seiner Achtsamkeits-Leier nämlich dazu, dass man eben auf sich schaut statt auf den Mattennachbar. Natürlich muss der Schnickschnack auch die Teilnehmer erreichen, aber in Gänze ist das weder Jesus, dem Papst noch Horst Schlämmer gelungen.

    Was die Ursprungsländer der Lehren für eine gesellschaftliche Entwicklung gemacht haben ist zudem nur ein schwacher Beleg für das Versagen oder die Gefährlichkeit einer Lehre, vor allem wenn sie eben gar nicht mehr danach leben, sondern wie wir total verwässert sind.

    Ich finde, dass gerade die Entfernung des geistigen Schnickschnacks überhaupt dazu führt, dass Yoga mit Leistungsanspruch und Konkurrenzdenken betrieben wird. Denn genau das unterscheidet Yoga auch von der reinen Gymnastik. Der meditative Charakter führt mit seiner Achtsamkeits-Leier nämlich dazu, dass man eben auf sich schaut statt auf den Mattennachbar. Natürlich muss der Schnickschnack auch die Teilnehmer erreichen, aber in Gänze ist das weder Jesus, dem Papst noch Horst Schlämmer gelungen.

    Was die Ursprungsländer der Lehren für eine gesellschaftliche Entwicklung gemacht haben ist zudem nur ein schwacher Beleg für das Versagen oder die Gefährlichkeit einer Lehre, vor allem wenn sie eben gar nicht mehr danach leben, sondern wie wir total verwässert sind.

  3. Ich finde, dass gerade die Entfernung des geistigen Schnickschnacks überhaupt dazu führt, dass Yoga mit Leistungsanspruch und Konkurrenzdenken betrieben wird. Denn genau das unterscheidet Yoga auch von der reinen Gymnastik. Der meditative Charakter führt mit seiner Achtsamkeits-Leier nämlich dazu, dass man eben auf sich schaut statt auf den Mattennachbar. Natürlich muss der Schnickschnack auch die Teilnehmer erreichen, aber in Gänze ist das weder Jesus, dem Papst noch Horst Schlämmer gelungen.

    Was die Ursprungsländer der Lehren für eine gesellschaftliche Entwicklung gemacht haben ist zudem nur ein schwacher Beleg für das Versagen oder die Gefährlichkeit einer Lehre, vor allem wenn sie eben gar nicht mehr danach leben, sondern wie wir total verwässert sind.

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  • Quelle DIE ZEIT, 1.12.2011 Nr. 49
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