Dresdener WeihnachtsmarktFledermäuse für den Tannenbaum

Die Dresdener "Funkelstadt" will ein Weihnachtsmarkt ohne christliches Beiwerk sein von 

Der Waldwichtel mit der Runzelnase ist im Stress. Er steht vor dem Haus des Weihnachtsmanns und poliert Zaunpfähle. Die Äste, aus denen er sich einen Hut gebunden hat, wippen auf und nieder. Der Wichtel schnauft.

Er arbeitet in der Dresdener »Funkelstadt«. Die steht seit vergangenem Freitag auf einer Wiese, weit wie ein Messegelände, und verspricht eine neue Form von Weihnachtsmarkt. Im »Märchenwald«, der Heimat des Waldwichtels, zirpen Vögel aus den Lautsprechern, und der Duft von 200 Tannen parfümiert die Luft. Der Marktplatz im Zentrum ist von Buden gesäumt und wird von allerlei Jongleuren bespielt. Drum herum gruppieren sich verschiedene Themenwelten in beheizten Zelten. Made in China ist verpönt, dafür gibt es allerlei regionale Handarbeit: Lausitzer Leinentaschen, Typ »Ranke« oder »Heckenrose«, Naschwerk für Heimwerker, Schoko-Schraubzwingen und Kneifzangen in Zartbitter.

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Das Christkind sucht man allerdings vergeblich. »Ich bin Weihnachtsmuffel«, sagt Dirk Grünig, Chef der Funkelstadt und der Event-Theatergruppe Helmnot . Er und seine Schauspieler haben die neue Weihnachtswelt über sechs Jahre hinweg geplant und entworfen, haben sprechende Eichen modelliert, Stachelperücken genäht und ziehen nun als Winterwesen umher. Grünig will »Weihnachten zeigen, wie es nie gewesen ist«, und auch Leute ansprechen, die eine Kirche höchstens mit Reiseführer in der Hand betreten.

So inszeniert Grünig eine Art Weihnachten ohne Weihnachten. Statt Engeln gibt es Eiskristalle, hoch zu Stelzen staksen sie durch die Hallen und grüßen das Glühwein schlürfende Volk. Statt Maria gibt es eine backwütige Igelfrau, die von früh bis spät mit Förmchen und Blechen hantiert. Und statt O du fröhliche oder White Christmas stimmt eine echte Pianistin mit weißer Schärpe Mozart-Sonaten an. Überhaupt hat Grünig mit der Farbe Weiß nicht gegeizt: Hier glänzt der Kunstschnee, dort das Einhornfell.

Der Erzgebirgestand verkauft Hufeisennasen, Holzfledermäuse für den Christbaum. »Wer fliegen kann, braucht keine Brücke«, lautet der Slogan; schließlich hätten die geschützten Tiere fast den Bau der Waldschlösschenbrücke verhindert. Eine Bürstenmacherin erklärt zwei älteren Damen den »Wiener Besen«, der rundum mit Ziegenhaar besetzt ist und so die Fußleisten eines Parkettbodens mitreinigt. »Der hält, den können Sie ins Testament aufnehmen«, sagt sie und streichelt die Borsten. Und bei »Meister Schnippelscher« im Scherenschnittviertel sind alle Tische besetzt. Kinder und Eltern beugen sich über buntes Tonpapier, schneiden Zwergen einen Bart, ritzen Prinzessinnen ein Krönchen. Zwei der Theaterleute haben sich in die alte Technik eingearbeitet und gehen in Pluderhose und Samtweste von Kind zu Kind und verteilen Schablonen.

Doch jenseits der Scherenschnittwerkstatt lichten sich die Reihen der Besucher. Denn wer nur einen Glühwein trinken oder an Ständen stöbern will, bezahlt kaum zwölf Euro Eintritt, und manches Elternpaar spart die knapp 30 Euro, die das Familienticket kostet, lieber für den Gabentisch. So spielt der Akkordeonvirtuose am Märchenhafen vor halb leeren Bänken, und wer ein zweites Bier bestellt, wird mit »Ach, Sie sind’s« begrüßt.

Auch die kleine Nina, die eben noch über Schiffstaue kletterte, sinkt jetzt ermattet in ihren Bollerwagen. Sie hat dem Weihnachtsmann beim Sägen zugehört, der Hexe an den Hut gefasst und dem Waldwichtel eine gebrannte Mandel angeboten. Nur auf das Christkind hat sie vergeblich gewartet.

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Leserkommentare
  1. 'Das Christkind sucht man allerdings vergeblich. »Ich bin Weihnachtsmuffel«, sagt Dirk Grünig, Chef der Funkelstadt und der Event-Theatergruppe Helmnot. Er und seine Schauspieler haben die neue Weihnachtswelt über sechs Jahre hinweg geplant und entworfen, haben sprechende Eichen modelliert, Stachelperücken genäht und ziehen nun als Winterwesen umher. Grünig will »Weihnachten zeigen, wie es nie gewesen ist«, und auch Leute ansprechen, die eine Kirche höchstens mit Reiseführer in der Hand betreten.'

    Der Weihnachtsmarkt tut das seit Jahrzehnten.
    Disneyland auch.

    'So inszeniert Grünig eine Art Weihnachten ohne Weihnachten.'

    Wäre nur noch die Frage, warum man das ausgerechnet vor Weihnachten tut. Im Sommer würde man nicht so frieren. Das wäre doch besser.

    'Denn wer nur einen Glühwein trinken oder an Ständen stöbern will, bezahlt kaum zwölf Euro Eintritt, und manches Elternpaar spart die knapp 30 Euro, die das Familienticket kostet, lieber für den Gabentisch.'

    Gute Idee, das mit dem Gabentisch. Ansonsten kann man mit den Kindern ja zu Disneyland gehen.

    • joG
    • 04. Dezember 2011 19:48 Uhr

    ....wo man eine Kirche nachbaut und glaubt das wäre Kunst, man auch ein christliches Fest feiern kann und glauben, es wäre unchristlich. Ich finde das schön.

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    Die Christen haben das Fest ja auch nur übernommen; das Urchristentum war ja sehr freudlos und damit erfolglos. Da hat man halt "heidnische" Feste umgewidmet übernommen, aus Marketinggründen.

  2. Die Christen haben das Fest ja auch nur übernommen; das Urchristentum war ja sehr freudlos und damit erfolglos. Da hat man halt "heidnische" Feste umgewidmet übernommen, aus Marketinggründen.

    • FranL.
    • 04. Dezember 2011 20:55 Uhr

    Ein Weihnachtsmarkt ist Brauchtum und hat nichts mit christlicher Tradition zu tun, ebenso wie der größte Teil der Weihnachtstraditionen, wie grellbunte Lichterketten und die große Fresserei und Glühweinsauferei. Schließlich gelten auch Jingle Bells, White Christmas oder Last Christmas, in denen das Jesuskind nicht erwähnt wird, auch als Weihnachtslieder.

  3. Ein Weihnachtsmarkt "ohne christliches Beiwerk" finde ich genau so anregend, wie es ein Oktoberfest ohne Bier wäre (auch dort könnte man endlich mal an die verletzlichen Gefühle der vielen Antialkoholiker denken).

    • otto_B
    • 04. Dezember 2011 22:13 Uhr

    Wäre doch mal wieder Zeit für ein "NICHTS IST GUT....." von ihr.
    Oder?

    Gibts im deutschen Sprachraum eigentlich schon eine Entsprechung zu den amerikanischen "seasons greetings"?
    Wenn sich solche Konzepte verbreiten, wär das eigentlich überfällig.

    Aber immerhin - ein gewisses Unbehagen spricht aus dem Artikal ja durchaus.

    Also:
    Frohe Weihnacht!

  4. In der Bibel finde ich weder Christkind noch Weihnachtsmann, weder Tannenbaum noch Kerzen, weder Stollen noch Glühwein. Überhaupt taucht die heute so beliebte Weihnachtsgeschichte nur in einem einzigen Evangelium auf; und dort auch nur als Geschichtsfälschung, um den Galiläer Jesus als Nachfahre Davids darzustellen. Das ist etwa so, wie wenn ein Ostfriese Anspruch auf den bayrischen Tron erhebt. Diese Abstammung spielt in der christlichen Theologie ohnehin keine Rolle. Der 24. Dezember kann auch nicht stimmen, da dann in Israel die Hirten gar nicht auf den Weiden sind.

    Weihnachten hat also mit Christentum nicht wirklich viel zu tun, vergleichbare Mittwinter-Feste gibt es in praktisch allen Kulturen.

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    • gaelic
    • 04. Dezember 2011 22:32 Uhr

    Ähm. Du findest in der Bibel nichts zu "Christkind". Dann lies nochmal genau nach, da gibts den einen oder anderen Absatz ;)

    • gaelic
    • 04. Dezember 2011 22:32 Uhr

    Ähm. Du findest in der Bibel nichts zu "Christkind". Dann lies nochmal genau nach, da gibts den einen oder anderen Absatz ;)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Isisz
    • 05. Dezember 2011 14:06 Uhr

    Das Christkind ist nur Gabenbringer und nicht 'little baby Jesus' - vereinfacht zusammengefasst: Es ist die protestantische Antwort auf den Nikolaus.
    (Für mehr Info auf Wikipedia nachschauen, der Artikel enthält alle wichtigen Details zur Geschichte: http://de.wikipedia.org/wiki/Christkind)

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  • Schlagworte Christkind | Waldschlösschenbrücke | China
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