Die Beschäftigten sind die Verlierer des vergangenen Jahrzehnts. Das hat der DGB in seinem jüngsten Verteilungsbericht festgestellt. In der ZEIT wurde darüber berichtet – aber mit strittigen Schlussfolgerungen (ZEIT Nr. 48/11). Nach der DGB-Analyse ist der gesamtwirtschaftliche Anteil der Löhne und Gehälter, gemessen am Volkseinkommen, 2007 auf den tiefsten Wert seit den siebziger Jahren gesunken. An diesem Trend ändert der jüngste leichte Anstieg nichts. Spiegelbildlich sind die Bezieher von Unternehmens- und Vermögenseinkommen die Gewinner. Bei der Entwicklung der ausschließlich den Unternehmen zurechenbaren Gewinne wird die Vorteilsposition gegenüber den Arbeitseinkommen besonders deutlich. Der um die Inflationsrate bereinigte durchschnittliche Bruttomonatsverdienst von 2.144 Euro im Jahr 2000 ist bis zum vergangenen Jahr um 1,9 Prozent auf 2074 Euro geschrumpft.

Drei Trends sind für die Verluste der Arbeitnehmer im Verteilungskampf verantwortlich:

Erstens: Krisen sind in kürzeren Abständen und heftiger ausgebrochen als früher. Nach der geplatzten New-Economy-Blase Anfang des Jahrzehnts löste die Finanzkrise 2009 einen ökonomischen Absturz aus. Um ihn schnell zu überwinden, wurde die Lohnpolitik in die Pflicht genommen. Beschäftigungssichernde Tarifverträge und Kurzarbeit wurden erfolgreich eingesetzt. Rückblickend stellt sich die Frage, inwieweit die Lohnmoderation zuvor über viele Jahre zu den aufgeblähten Finanzmärkten beigetragen hat. Jedenfalls belegen Statistiken, dass Unternehmensgewinne weniger in Sachinvestitionen flossen und mehr in die spekulativen Finanzmärkte.

Zweitens: Die Exportwirtschaft hat auch durch die im internationalen Vergleich günstigen Lohnstückkosten ihre Dominanz ausgebaut. Die Folge zurückhaltender Lohnpolitik war der seit Jahren im Durchschnitt stagnierende private Konsum. Daran ändern die derzeit günstigeren, jedoch instabilen Zuwachsraten nicht viel. Neben anderen Einflüssen auf die Masseneinkommen liegt die Ursache bei den Löhnen nach Abzug der Abgaben und der Inflationsrate. Nicht einmal der neutrale Verteilungsspielraum, den die Entwicklung der Produktivität bestimmt, wurde mit den Tariflöhnen ausgeschöpft. Künftig müssen die realen Gehälter zumindest wieder mit der Produktivität wachsen.

Drittens ist der Anteil der tariflich regulierten Normalbeschäftigten durch die auf über sieben Millionen gestiegene Zahl an Menschen im Niedriglohnsektor zurückgegangen. Hinzu kommen die schlechter als normal bezahlten Leiharbeiter. Diese enorm gewachsene Billiglohn-Ausbeutung war politisch gewollt. Ab 2005 wurde die Harz-IV-Reform zur Triebkraft des Niedriglohnsektors. Das dahinter stehende Dogma, jede Arbeit sei besser als Arbeitslosigkeit, war und ist falsch, ja zynisch. Vor allem den unverschuldeten Arbeitslosen wird der Preis durch einen harten Lohnverzicht abverlangt. Diese strukturelle Schlechterbezahlung hat auf die Lohnsumme gedrückt. Gegen dieses Argument wird eingewandt: Wären die Betroffenen arbeitslos geblieben, wären die Lohnsumme sowie die Beitragszahlungen in die Sozialkassen gesunken statt gestiegen. Hier wird unterstellt, die Unternehmen würden ohne Lohndumping nicht einstellen. Das trifft nicht zu. Die Deutsche Bundesbank hat vor einiger Zeit die Gegenrechnung aufgestellt: Würden die derzeit prekär Beschäftigten in ein normales Vollzeitarbeitsverhältnis übernommen, stiegen die Lohnsumme und die Zahlungen in die Sozialkassen noch stärker.

Das Fazit: Gute Tarifpolitik ist wichtig, reicht aber nicht. Wir brauchen gesetzlich gesicherte Mindestlöhne, wo Tarifpolitik nicht machbar ist. Die Leiharbeit muss rigoros auf den konjunkturbedingten Einsatz reduziert werden. Zur Vermeidung eines Fachkräftemangels müssen Auszubildende übernommen werden, so wie es der jüngste Tarifabschluss in der Stahlindustrie vorschreibt.

Nach den lohnpolitischen Opfern, vor allem durch die Kurzarbeit in der vergangenen Krise, ist es jetzt höchste Zeit für eine expansive und zugleich qualitative Lohnpolitik.