Designer: Armani und wie er die Welt sieht
Was denkt der Designer über Italiens Zukunft? Und über den Stil des modernen Hollywood? Eine Begegnung in seinem neuen Hotel
- Datum: 01.12.2011 - 11:45 Uhr
Eigentlich ist alles fertig im neuen Hotel Armani in Mailand, am Vorabend der Eröffnung: die Lobby mit den champagnerfarbenen Sitzecken, die Wandelemente aus sanft durchleuchtetem Onyx. Die Bar mit den graubraunen Tischen. Doch jetzt wirkt es, als wollten sie gerade anfangen, mal richtig umzuräumen. Alles ist in Bewegung, denn der Chef ist gekommen, um die hohen Räume zu besichtigen. Um ihn herum huschen etwa 20 Mitarbeiter, die, seinen leisen Kommandos und sparsamen Handbewegungen folgend, Stühle verrücken, Tische umhertragen, Bänke umstellen. Es sieht aus wie eine Wolke aus umherwirbelnden Möbeln und Menschen. Im Zentrum: Giorgio Armani. Diese letzten Visiten des Designers sind gefürchtet. Als er vor einigen Jahren ein Armani-Spa in Tokyo inspizierte, ließ er kurz vor der Eröffnung die komplette Beleuchtung verändern. Diesmal geht es dagegen vergleichsweise gemütlich zu. Giorgio Armani hat nur sämtliche Flaschen der Bar auswechseln lassen. Sie waren blau, das gefiel dem Meister nicht.
Giorgio Armani setzt sich an einen der Tische in der Bar. Dass er seine Heimatstadt mit einem Hotel bereichern wird, macht ihm sichtlich gute Laune. Gerade will er zum Gespräch ansetzen, da unterbricht ihn sein Handy. Es schmettert einen Discosound, der gut zu einem 17-Jährigen passen würde. Er entschuldigt sich, wendet sich ab. »Pronto?«
Armani trägt einen dunkelblauen Blazer und eine runde Brille.
Er sieht gealtert aus, aber wahrscheinlich fällt das bei dem 77-jährigen Designer nur auf, weil er lange so wirkte wie gemeißelt, als hätte er mit 40 das Älterwerden eingestellt. Noch mit Ende 60 trat er gerne am Ende einer Schau mit T-Shirt und engen Jeans auf. Vor zehn Jahren hat er der Zeitschrift Vanity Fair ein Interview gegeben. Er sprach über das Altern und über seine Zweifel, ob er noch lange auf dem Laufsteg werde posieren können. »Mode ist für junge Leute gemacht, nicht für ältere Gentlemen«, sagte er. Heute ist Armani tatsächlich der ältere Gentleman geworden. Er wirkt nun weicher, nahbarer.
Was nicht bedeutet, dass er die Dinge nun ruhiger angehen würde: Das Hotel Armani in der belebten Via Manzoni soll neue Luxus-Standards setzen. Jedes Zimmer hat einen »Lifestyle Manager«, einen eigenen Concierge, der dem Gast während seines Aufenthalts zur Seite steht, ihn bereits beim Einchecken betreut und sein Spa-Programm erstellt. Es gibt Zimmer ab 550 Euro, die Präsidentensuite kostet 11.000 Euro pro Nacht.
Mittlerweile hat Giorgio Armani das Telefongespräch beendet und fängt an, von den Superlativen des Hotels zu erzählen. Die Präsidentensuite sei nur die drittgrößte. Das größte Apartment habe 200 Quadratmeter und sogar eine Freitreppe.
Wer will das bezahlen? Mitten in der europäischen und italienischen Krise? »Gehen Sie mal raus auf die Via Montenapoleone, und schauen Sie, was da eingekauft wird!« Er macht mit dem Handgelenk eine Bewegung, die fette Klunker symbolisiert. »Dann sehen Sie, was hier von der Krise zu spüren ist.«
Giorgio Armani, einer der wichtigsten Modedesigner der Welt, gehört auch zu den wirtschaftlich erfolgreichsten. Sein Konzern machte vergangenes Jahr 1,59 Milliarden Euro Umsatz und steigerte den Gewinn wegen des boomenden Chinageschäfts um 80 Prozent. Armani ist Designer, CEO und Eigner in einem.
1975 stellte er seine erste Kollektion vor, seitdem hat er sein Portfolio stetig ausgebaut. Es gibt die Linien Giorgio Armani, Emporio Armani und Armani Collezioni, Interieur von Armani Casa, Blumen von Armani Fiori, Pralinen von Armani Dolci, gerade ist er mit Aqua Armani ins Mineralwasser-Geschäft eingestiegen. »Armani ist keine Modemarke, sondern eine Lifestylemarke«, sagt er.

Eine der Suiten des neuen Hotels Armani in Mailand
Giorgio Armani steht für das Italien des Wirtschaftswunders. Für die Generation der Männer, die das Land nach dem Krieg wieder reich gemacht haben. Und er ist einer von denen, die ihre Heimat seit einigen Jahren nicht mehr verstehen.
Italien? »Malissimo«, sagt Armani. Ganz schlimm. Er sei froh, dass er nicht viel durch Europa reisen müsse, ansonsten wäre ihm das sehr unangenehm. In den letzten Jahren sei nicht mehr zu erkennen gewesen, was das Private und was das Politische sei. »Das betrifft nicht nur Berlusconi, sondern die ganze Generation.« Jetzt müsse Italien sich aus dem Bann lösen , der es so lange paralysiert habe, »das Land braucht wieder einen Sinn für Einheit und Willenskraft, damit die Dinge in Gang kommen. Ohne diesen Sinn für Gemeinsamkeit und Hoffnung erscheint mir die Zukunft ungewiss.« Dem Neuanfang unter Mario Monti traut er noch nicht: »Es ist schwer zu glauben, dass Berlusconi einfach eine Niederlage akzeptiert und abtritt«, sagt Armani. »Man darf nicht vergessen, dass er wirkliche Macht hatte, vielleicht ist sein Rücktritt nur Teil eines neuen Projektes.«
Man merkt schon: Armani verlässt sich nur auf sich selbst. Der Designer ist ein bekennender Kontrollfreak. Jedes Produkt, das in seinem Namen auf den Markt kommt, begutachtet er persönlich. Er ist bekannt dafür, dass er sogar selbst in die Schaufenstergestaltung seiner Boutiquen in Mailand eingreift. Dabei kann er der Glamour-Welt, die er bedient, selbst nicht viel abgewinnen. Partys, die er gibt, verlässt er meist als Erster. Reisen vermeidet er möglichst. Armani zeigt sich gerne mit seinem typischen Lächeln Arm in Arm mit Filmstars. Doch in zwischenmenschlichen Beziehungen gilt er als schüchtern. An seinen Mitarbeitern hält er lange fest, in seinen Mailänder Boutiquen trifft man Verkäufer, die schon seit 20 Jahren dort arbeiten. Er schätzt das Familiäre, die Intimität, die Sicherheit.
Giorgio Armani ist einer der wenigen Designer, die noch ein Europa erlebt haben, in dem der Krieg wütete. Als Kind erlitt er bei der Verpuffung eines Blindgängers so schwere Verbrennungen, dass er 40 Tage im Krankenhaus lag. Die Kriegserfahrung habe ihn sehr geprägt, sagt er, »ich habe gelernt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Und es hat mich vielleicht auch ein bisschen zynisch gemacht.«
Man muss diese nach innen gekehrte Seite Armanis kennen, um seinen Stil zu verstehen. Er machte nie Mode wie Karl Lagerfeld, der ein Motiv aufnimmt, über den Laufsteg schickt und es sofort wieder ablegt. Armani verkauft Beständigkeit, weil er selbst danach sucht. »Mein Leitgedanke war immer, einen konstanten Stil in einer sich ständig wandelnden Modewelt zu bieten«, sagt er. Das hat nicht jeder goutiert. Der schillernde Designer Gianni Versace, der 1997 ermordet wurde, spottete einmal: »Was, schon wieder ein beiger Anzug auf dem Laufsteg? Er zieht die Mütter Italiens an!«
Über die Mitte der siebziger Jahre, die Ära von Armanis Aufstieg, hat die italienische Modekritikerin Natalia Aspesi gesagt, es sei »nicht mehr die Zeit der Bourgeoisie oder der Revolution« gewesen. Französische Couturiers wie Dior und Yves Saint Laurent waren nicht mehr Träger des Zeitgeistes, auch die bunte Hippie-Mode passte kaum noch zum Lebensgefühl. Die Wirtschaft ging durch die erste Nachkriegskrise, es herrschte Verunsicherung. In diese Stimmung hinein inszenierte Armani in seiner ersten Show das Revival eines Kleidungsstückes, das Sicherheit versprach: des Blazers. Armani hat ihn neu interpretiert, ihn von seinen Schulterpolstern und seiner Kastigkeit befreit. Seine Entwürfe waren cool und elegant, sie schienen um den Körper des Mannes zu fließen. Eine Saison später präsentierte er den Blazer für die Frau.
Armani hatte auch das richtige Publikum für diese Mode ausgemacht: Hollywood-Schauspieler. Als einer der ersten Designer begann er, Filmstars einzukleiden. Er erfand den roten Teppich als Laufsteg neu: »Ich habe meinen Stil nicht Hollywood angepasst. Im Gegenteil: Hollywood wollte unbedingt meine Kleider!« Armani wurde der Code für Glamour. In den achtziger Jahren stattete er Filme wie American Gigolo und die Fernsehserie Miami Vice aus. Es war der Beginn der Massenmedien, die Schauspielerinnen mussten sich nicht mehr nur vor der Filmkamera zeigen, sondern auf allen Kanälen, und nicht immer hatten sie den nötigen Geschmack dafür. Da war Armani die Rettung. Er verhalf den Stars zu dem Gefühl, gut angezogen zu sein. Sophia Loren sagte über ihn: »Wenn ich vor Publikum stehe, habe ich weiß Gott viele Zweifel – aber wenn ich seine Stücke trage, dann verfliegen sie.«

MIt seinen Entwürfen für Miami Vice machte Armani körperbetonte Männermode groß.
Jodie Foster und Michelle Pfeiffer – viele Stars zeigen sich fast nur in Armani-Kleidung. Trotzdem hat der Designer sich innerlich von Hollywood abgewendet. »Ich hasse es«, sagt er. »Alle Beziehungen sind durch das Geschäft ersetzt worden – und ich spreche nicht nur von den Escort-Services.« In Hollywood haben die Stylisten die Macht übernommen, und Stars lassen sich für ihre Werbedienste fürstlich bezahlen. Es ist nicht mehr Armanis Welt. Überhaupt interessieren ihn Modetrends immer weniger: »Stil kann zeitlos sein, wenn er eine präzise Philosophie der Ästhetik wiedergibt.« Das Armani-Hotel ist wie eine Dauerausstellung über diese Philosophie. In der Lobby riecht es nach Bois d’Encens, dem Duft, den Armani für sich selbst kreiert hat. Vor dem Interview hat er sich damit demonstrativ die Hände besprüht. Im Restaurant gibt es sein Besteck, an der Decke seine Leuchten, im Bad sein Duschgel. Und es fällt auf: Das Haus wirkt verschlossen, nur die Präsidentensuite hat einen Balkon, auf dem etwas Bambus wächst. Die Draußen-Welt ist nichts für Giorgio Armani.
Mit diesem Projekt hat er eine Erlebniswelt aus sich gemacht. Alles ist so sehr auf ihn zentriert, dass man sich fragt, ob er sich überhaupt vorstellen kann, dass einmal jemand seine Nachfolge antritt. Und wer? Armani sagt: »Es werden viele kleine Armanis in meinem Unternehmen sein, die meine Arbeit fortführen. Aber es wird kein Genie kommen, das all dies einmal übernehmen kann. Das würde Betrug an mir selbst und meiner Ernsthaftigkeit bedeuten.« Für ein anderes Ego ist hier ganz offensichtlich kein Platz.
Armani entschuldigt sich, es gibt noch so viel zu überprüfen an diesem letzten Abend. Er winkt seine Mitarbeiterwolke herbei, um weiterzumachen. Er wendet sich ab, dreht sich dann aber noch einmal um und zeigt auf die Tischplatte: ein Kratzer. Das Personal guckt betroffen.
Am Abend des nächsten Tages ist die Eröffnungsparty. Im siebten Stock des Hotels strömt der Champagner. Die Schauspielerinnen Jessica Alba und Maggie Gyllenhaal sind da. Giorgio Armani steht unten am Eingang seines Hotels im Blitzlichtgewitter. Im schwarzen Anzug lacht er in die Kameras. Er begrüßt jeden der 200 Gäste bei der Eröffnungsfeier einzeln und verbindlich. Später auf der Party ist er nicht zu entdecken.











Armani hat eben Stil, wie seine Produkte. Hatte vor vielen Jahren eine stilsichere und bequeme (Lieblings)jeans von Armani.
Die wollte ich auch später unbedingt wieder kaufen, und - es gab sie noch !
Mit 14 wollte ich unbedingt einen weißen Armani Anzug, genau den von Don Johnson auf dem Foto auf Seite 3. Leider hat das Taschengeld nur für das rosa Esprit T-Shirt gereicht; musste mich mit irgendeinem weissen Leinensakko begnügen und habe mich auf Erwachsensein vertröstet.
Als Erwachsener macht man dann in Deutschland aber irgendwann die Erfahrung, dass der neu gekaufte Armani Anzug einfach zu overdressed wirkt. Das Produtkt wäre toll. Doch selbst mit T-Shirt sieht so ein Anzug einfach zu edel im Vergleich zu dem aus, was die Leute um einen herum tragen. Wäre vielleicht schön, wenn sich die ganze Welt in ein großes Armani-Hotel verwandelt.
Entfernt. Bitte diskutieren Sie ausschließlich zum Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/vn
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hier blüht der Kapitalismus und lässt einen beim Lesen schon strahlen.
Schöner Artikel über einen interessanten Mann in einem interessanten Leben mit tollen Produkten!
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Habe meine Armani-Sachen noch alle, sie sind zeitlos und haben eine hervorragende Qualität, das Geld ist gut investiert. Dagegen erlebe ich mit Sorge, wie gerade jetzt in meinem Umfeld Schnäppchen- und Rabatt-Bons sowie Aktionstage wie Lottoscheine gehandelt werden, die dann für Billigstprodukte eingehandelt werden. Gutverdienende Bürger schleppen dann geradezu säckeweise Kleidungsstücke in entsprechender Qualität an, die man garnicht alle anziehen kann. Die "Beute" wird dann stolz vorgezeigt, wer am wenigsten zahlt hat gewonnen. Der Gipfel: nach dem Kauf eines Kleides wird bekannt, dass das Geschäft am nächsten Tag Aktionstag hat. Das Kleid wird noch am gleichen Tag zurückgebracht und dann am nächsten Tag billiger erworben. Man sieht das dann alles in Deutschland jeden Tag auf der Straße: geschmacklos und billig.
anziehsachen für armgeistige yuppies die den immergleichen anzug für mode und das höchste der gefühle halten. ein jammer.
wie gesagt - es gibt auch geschmacklose und billige Kommentare
Weil er Armani als das bezeichnet was es ist: eine Imagemarke! Es mag ja sein, dass einem der Stil zusagt etc. Wer sich aber für beständige, qualitativ hochwertige Herrenmode interessiert, sollte nicht bei Armani stehen bleiben. Gerade in der Preisklasse eines Standard-Armani-Anzugs (Armani Collezioni, 800-1.000 Euro) bekommt man von anderen Anbietern (Tonello, Canali, etc.) besseres geboten.
die selbstverständlichkeit mit welcher schlipse die herrenmode dominieren und ein stil-konvolut beanspruchen. designer solchen formats kreieren keine mode, sie bedienen clichees.
Weil er Armani als das bezeichnet was es ist: eine Imagemarke! Es mag ja sein, dass einem der Stil zusagt etc. Wer sich aber für beständige, qualitativ hochwertige Herrenmode interessiert, sollte nicht bei Armani stehen bleiben. Gerade in der Preisklasse eines Standard-Armani-Anzugs (Armani Collezioni, 800-1.000 Euro) bekommt man von anderen Anbietern (Tonello, Canali, etc.) besseres geboten.
die selbstverständlichkeit mit welcher schlipse die herrenmode dominieren und ein stil-konvolut beanspruchen. designer solchen formats kreieren keine mode, sie bedienen clichees.
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