KalifornienDie Wüste groovt

Der kalifornische Wohnwagenpark Hicksville ist ein Spielplatz für Künstler und Individualisten. Hier kann man Songs abmischen, auf Dosen schießen oder Aliens belauschen. von Dörthe Nath

Das Auto holpert und ruckelt eine enge Sandstraße hinauf. Zwischen den niedrigen Büschen lehnt sich eine Hütte gegen den Wüstenhügel. Die Tür ist ausgehängt, die Fenster fehlen, an die Hauswand hat jemand die Worte »Keep out« gesprüht. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Der Wind pfeift und lässt die Stromkabel zwischen den Holzmasten schaukeln. Hier links abbiegen, an der Hütte vorbei, ein Schild, ein Haus – Schnitt.

In einem Bretterzaun neben dem Haus öffnet sich die Tür zu einer fantastischen Welt: knallgrüner Kunstrasen, hellblaues Wasser im nierenförmigen Schwimmbecken, ein gelber Sonnenschirm, rot-weiß gestreifte Sonnenliegen und am Rand dieses Farbspektakels kleine Wohnwagen. Im Halbkreis stehen sie um den Pool. Einer ist schwarz, einer mit falscher Holzmaserung bemalt, der nächste violett gemustert. In der silbernen Hülle eines eiförmigen Wagens spiegelt sich die Sonne. Über dem Ganzen wabern sphärische Klänge aus einer Jukebox.

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Willkommen in Hicksville, der wundersamen Kolonie des Lebenskünstlers Morgan Hickby Night. In keiner Landkarte ist sie verzeichnet. Ein Ort ohne Adresse. Wer hierherfinden will, muss sich an die Wegbeschreibung halten, die er vorher per E-Mail bekommen hat. Ein erstes kleines Abenteuer, das Morgan Night seinen Besuchern beschert, noch ehe sie in seinen Wohnwagenpark kommen, der etwa zwei Autostunden östlich von Los Angeles in der kalifornischen Wüste liegt.

Hicksville: Anreise

Die Lufthansa fliegt ab Frankfurt und München nonstop nach Los Angeles. Von dort aus weiter mit dem Mietwagen auf dem Freeway 10 in Richtung Osten bis zur Abzweigung (links) zum Highway 62. Auf diesem weiter in Richtung Yucca Valley und ab da der Wegbeschreibung folgen, die man nach Buchung eines Wohnwagens per E-mail zugeschickt bekommt

Trailerpark

Die Wohnwagen kosten pro Nacht zwischen 56 und 205 Euro. Die gesamte Anlage kann man für etwa 750 Euro pro Nacht mieten. Buchung per E-mail unter info@hicksville.com, Informationen unter www.hicksville.com

Ausflug

Nach ungefähr 20 Minuten Autofahrt erreicht man den sehenswerten Joshua-Tree-Nationalpark. Eine einstündige Wanderung führt auf den Ryan Mountain, von dem aus man einen herrlichen Ausblick hat

Hicksville, errichtet im Frühjahr 2010, ist eine Mischung aus Camp und Club, außerdem Aufnahmestudio für Bands, Schnittraum für Filmemacher und Rückzugsort für jedwede kreative Tätigkeit. »Ich hatte die Vorstellung, dass es einen Ort geben müsste, an dem man gemeinsam arbeiten und Spaß haben kann – zu jeder Tages- und Nachtzeit«, erklärt Morgan Night. Er ist 41 Jahre alt, Drehbuchautor, Schauspieler, Musikvideoproduzent, DJ und ehemaliger Clubbetreiber. Seine Füße stecken in Stoffturnschuhen und wippen zur Musik der Band, die im Studio nebenan aufnimmt. »Das war ein großer Spaß, mir Hicksville auszudenken«, erzählt er, »als würde ich eine Filmkulisse entwerfen, nur dass dies das echte Leben ist – ohne Requisiten.« Herausgekommen ist ein Gelände, auf dem sich in jeder Nische Neues entdecken lässt.

Acht Wohnwagen stehen auf dem umzäunten Areal. Jeder ist nach einem eigenen Motto eingerichtet und trägt einen Namen. »Fifi« heißt der violette. Sein Vorbild ist ein Perückengeschäft in New Orleans, wo Morgan Night einen Club betrieben hat. Im Fifi schläft man wie in der Umkleidekabine einer kapriziösen Diva – mit leuchtenden Perücken, violetter Satinbettwäsche und Kristallgläsern in der Minibar. Daneben der »Integratrailor«, benannt nach einem Ufo-ähnlichen Gebäude in der Nähe, dessen Bauherr glaubte, mit Außerirdischen in Kontakt zu stehen. In dem silbernen Wohnwagen soll das ebenfalls möglich sein – mittels des extraterrestrischen Kommunikationssystems. »The Pioneer« ist ein kleiner Wagen mit zusätzlichem Holzdach und Schaukelbank auf der Veranda, wie die Häuser der Westernkulissenstadt Pioneertown, ebenfalls nicht weit entfernt. Cowboys und Aliens passen in dieser Gegend gut zusammen.

Morgan Night liebt Wohnwagen. Weil sie auf so wenig Platz so viel unterbringen und weil sie in seinem Leben eine Rolle gespielt haben. Als Waisenkind wuchs er bei Onkel und Tante auf. Seine heroinabhängigen Eltern waren gestorben, noch bevor er in die Schule kam. Er sei ein wütender Jugendlicher gewesen, sagt er. »Ich habe betrogen und geklaut.« Als Onkel und Tante wegzogen, mietete Morgan Night sich mit 17 in einem Trailerpark ein. In solchen Wohnwagensiedlungen leben Menschen, denen das Geld fehlt für ein Haus. Kein schlechtes Zuhause, findet Night: »Jeder Park ist besonders, und man trifft immer interessante Charaktere.« Typen wie in den Filmen von David Lynch, den er deswegen so mag. Mit Anfang 20 wollte er dann in Los Angeles ein Filmstar werden. Bis er feststellte, dass dieses Geschäft nicht sein Ding war, und sich hinter den Kulissen versuchte, als Drehbuchautor und Regisseur.

Im Whirlpool auf der kleinen Dachterrasse über der Gemeinschaftsdusche weitet sich das Blickfeld. Jenseits des Zauns liegt die wellige Wüstenlandschaft mit ihren weit auseinanderstehenden Sträuchern, etwas weiter entfernt die knorrigen Joshua Trees, Palmlilien mit der Form von krummen mehrarmigen Leuchtern. Am Horizont Bergzüge, die im Sonnenuntergang wie ein Relief aus schwarzem Karton aussehen. Außer vereinzelten Autos bewegt sich nichts.

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