Clubkultur Der Sound von Ibiza

Auf der Insel entstand vor knapp 25 Jahren eine Clubkultur, die grenzenlose Freiheit versprach. Ihr Star, DJ Alfredo, lebt heute in bescheidenen Verhältnissen. Sein Sohn will jetzt Idealismus und Kommerz vereinen

Jaime Fiorito hat das Kreuz eines Basketballers, aber seine Arme schlenkern beim Laufen wie die eines schlaksigen Jungen. Er ist 34 Jahre alt und sein Schädel fast kahl. An diesem späten Nachmittag isst Jaime Focaccia und Hummus im Garten des La Paloma, eines abgelegenen Restaurants im Landesinnern von Ibiza. Ein paar Tische von Jaime entfernt sitzt ein Mann, auf dessen Kopf ein Turm aus Rastalocken in die Höhe ragt. An seinen Ohren leuchten goldene Kreolen, und seine Augen verbergen sich hinter verspiegelten Brillengläsern. »Das ist Alfredos Sohn«, sagt dieser Mann zu seiner Begleiterin, und seine Stimme klingt stolz.

Alfredo Fiorito, Jaimes Vater, gilt auf der Insel als Held. Der mittlerweile 58-jährige DJ hat vor vielen Jahren den Balearic Beat erfunden, und wenn man so will, ist er der Vater des Rave. Alfredo gehörte zu den vielen Aussteigern, die in den siebziger Jahren auf Ibiza strandeten, sich mit Gelegenheitsjobs durchschlugen und von grenzenloser Freiheit träumten. Mitte der achtziger Jahre mischte er als DJ amerikanische House-Platten mit allen möglichen Musikstilen, und sein kühner Mix sprach sich bis nach London herum. Alfredo verband etwa Kate Bush, João Gilberto oder James Brown mit afrikanischen Rhythmen, unterlegte das Ganze mit dem unermüdlich vorwärtstreibenden elektronischen House-Rhythmus und blendete gern auch mal eine Rede von Martin Luther King oder andere Überraschungsmomente ein.

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1987 reisten aus London ein paar einflussreiche DJs an, um sich persönlich ein Bild von Alfredos eklektischem Mix zu machen – und von Ibizas Clubatmosphäre unter freiem Himmel. »Das war eine wilde Zeit. Leute hatten Sex auf dem Dancefloor oder nahmen massenhaft Ecstasy-Bowle zu sich, sie tranken und tanzten. Es wirkte wie in einem Fellini-Film«, erinnerte sich später einer der DJs in der Musikzeitschrift Groove. Die Briten trugen Alfredos Balearic Sound und seine Angewohnheit, Genres und Stile hemmungslos zu mischen, in die Welt. Ibiza wurde in der globalen Popindustrie schlagartig bekannt.

Ihre jähe Popularität traf die Insel mit großer Wucht, die bis heute nachwirkt. Promoter verpassten den Clubs professionelle Strukturen und beförderten Ibiza in den neunziger Jahren zum sommerlichen Zentrum europäischer Clubkultur. Seither sind auf der Insel die größten Diskotheken Europas entstanden – monumentale Tanzfabriken mit Platz für mehrere Tausend Gäste. Auf der Website ibiza-spotlight.com kann man gleichzeitig Clubtickets und Billigflüge buchen. Heute gibt es kaum einen Ort auf Ibiza, an dem keine 123 Beats pro Minute aus Lautsprechern dröhnen. Egal ob im Supermarkt, im Restaurant oder am Strand, in Boutiquen, Taxis oder Hotels – überall wummert derselbe gleichförmige Sound. Wie reagiert einer wie Alfredo auf den brachialen Kommerz? Und wie geht Jaime, ebenfalls DJ, mit dem Idealismus der Generation seines Vaters um?

Wie jeder Sohn, der in die Fußstapfen des Vaters tritt, scheut Jaime den Vergleich. »Ich sollte mir ein T-Shirt drucken lassen mit dem Slogan ›Nenn mich nicht Sohn von...‹«, scherzt er im La Paloma und wischt mit einem Stück Brot den letzten Rest Hummus vom Teller. Jaime schätzt das La Paloma, weil es selbst angebaute Produkte verwendet. Er achtet auf gesunde Ernährung und regelmäßigen Schlaf, um leistungsfähig zu sein. Er weiß, dass heute im Musikgeschäft Kreativität und Kühnheit allein nicht ausreichen, um Erfolg zu haben. Das DJ-Gewerbe ist ein internationales Business geworden, in dem Leistungsfähigkeit und Netzwerke zählen. Anders als zu Zeiten seines Vaters lässt sich Idealismus nur mehr schwer mit der Erwartungshaltung eines Massenpublikums versöhnen. Denn längst geht es in den Clubs von Ibiza nicht mehr um Musik und Partys, sondern um die Entwicklung von Marken. So stößt man auf Ibizas Flughafen auch nicht auf die üblichen lokalen Wurst- und Weinspezialitäten, sondern auf Taschen und Schlüsselanhänger mit den Logos der populärsten Clubs.

Ein Hahn stolziert über den Hof des La Paloma, die Sonne steht tief, und als ein junger Mann im Ringelpulli Here Comes the Sun auf einem Glockenspiel zu spielen beginnt, blitzt für einen kurzen Moment das alte, unschuldige Hippie-Ibiza auf. Jaime sagt: »Ibiza ist heute mehr Produkt als Geschichte. Kaum jemand kennt noch die Wurzeln der Clubkultur. Für mich wäre es ein Traum, wenn die großen Clubs verschwänden und alles wieder so klein und einfach wie früher würde. Viele auf der Insel denken so, aber nur wenige sagen es laut. Die Hand, die einen füttert, beißt man schließlich nicht.«

Jaime pendelt zwischen Ibiza und Zürich, jobbt im Sommer auf der Insel und im Winter in der Schweiz, wo seine Mutter lebt. Sein Herz schlägt für die Musik, doch leben kann er davon nicht. Geld verdient er hauptsächlich durch Jobs bei Eventagenturen oder als Produktionsassistent von Musikfilmen. Eine Zeit lang hat er auf Ibiza als Immobilienmakler gearbeitet. Als Alfredo so alt wie Jaime heute war, hatte er bereits einen zehnjährigen Sohn und war ein Star. Jaime ist mit 34 noch auf der Suche. Wie viele andere seiner Generation fährt er einen Zickzackkurs zwischen Ideal und Wirklichkeit. Zwar hat er mehr Möglichkeiten als die Generation seines Vaters – doch gute Ideen und Spontaneität gehen im Kommerz leicht unter.

DJ Alfredo kannte diesen Zwiespalt nicht. Zu seiner Zeit ging Ibizas Musikstil in die Welt hinaus, Platten mit dem »Sound of Ibiza« wurden massenhaft produziert. Etliche DJs sind reich geworden – aber Alfredo bekam vom großen Kuchen nie etwas ab. Aus dem umjubelten Pionier von damals ist ein melancholischer alter Mann geworden, der sich mit Gelegenheitsgigs in irgendwelchen Clubs finanziert und sehr bescheiden lebt. Besucht man ihn in Santa Gertrudis de Fruitera, einem kleinen Ort mitten auf der Insel, trifft man eine zierliche Gestalt in abgeschnittenen Jeans und T-Shirt. Alfredo Fiorito spricht langsam und sehr leise, seine Bewegungen wirken kraftlos, nur die Augen sind ungewöhnlich wach. Geduldig schiebt er seine kleine Tochter Lola, Jaimes Halbschwester, auf dem Fahrrad an, schneidet Schnitzel für sie klein und trägt eine Tüte Chips mit sich herum, falls das blond gelockte Kind unerwartet Hunger bekommt.

Leser-Kommentare
  1. "Als Alfredo so alt wie Jaime heute war, hatte er bereits einen zehnjährigen Sohn und war ein Star. Jaime ist mit 34 noch auf der Suche."
    Schön, wie aus dem Mathebuch. Wie alt ist Jaimes Vater Alfredo heute? (Wir nehmen an der "zehnjährige Sohn" war Jaime)

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    steht im zweiten Absatz :-)

    "Alfredo Fiorito, Jaimes Vater, gilt auf der Insel als Held. Der mittlerweile 58-jährige DJ hat vor vielen Jahren den Balearic Beat erfunden, und wenn man so will, ist er der Vater des Rave."

    steht im zweiten Absatz :-)

    "Alfredo Fiorito, Jaimes Vater, gilt auf der Insel als Held. Der mittlerweile 58-jährige DJ hat vor vielen Jahren den Balearic Beat erfunden, und wenn man so will, ist er der Vater des Rave."

  2. steht im zweiten Absatz :-)

    "Alfredo Fiorito, Jaimes Vater, gilt auf der Insel als Held. Der mittlerweile 58-jährige DJ hat vor vielen Jahren den Balearic Beat erfunden, und wenn man so will, ist er der Vater des Rave."

    Antwort auf "Matherätsel"

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