Michel Piccoli Der Schrei des Papstes
Michel Piccoli spielt in dem Film "Habemus Papam" ein Kirchenoberhaupt, das von seiner Rolle überfordert ist, weil es viel lieber Schauspieler geworden wäre. Ein Gespräch über das Theater und die Sehnsucht nach Gott.
DIE ZEIT: Herr Piccoli, Sie spielen in Nanni Morettis Film Habemus Papam einen neu gewählten Papst. Schon als draußen der weiße Rauch aufsteigt, kommen ihm Zweifel an seiner Berufung. Wie halten Sie es selbst mit der Religion?
Michel Piccolil: Ich verstehe, warum es sie gibt, dass die Menschen an etwas glauben wollen, das größer ist als sie selbst und ihnen erklärt, warum das Leben so wunderbar, aber auch so furchtbar kompliziert ist. Ich selbst habe keine Sehnsucht nach Gott. Mir ist das völlig fremd.
ZEIT: Sie stammen aus einer erzkatholischen italienischen Familie. Wann ist Ihnen der Glaube abhandengekommen?
Piccoli: Meine Mutter hatte die Gottesfrage schon geklärt, bevor ich auf die Welt kam. Sie war die Revolutionärin ihrer Familie. Als junges Mädchen soll sie sehr fromm gewesen sein. Doch als ihr Lieblingsbruder im Ersten Weltkrieg fiel, kamen ihr Zweifel, ob Gott es wirklich gut meint mit den Menschen. Später verlor sie ihren ersten Sohn. Er starb im Alter von sechs Jahren an einer Hirnhautentzündung, ein Trauma für uns alle. Als Kind hatte ich oft das Gefühl, dass es mich nur gibt, weil er nicht mehr da ist, als wäre ich von einem toten Bruder gezeugt worden. Schon damals war mir klar, dass ich mit einem Gott, der uns so etwas antut, nichts zu tun haben will.
ZEIT: Haben Sie gezögert, als Moretti ausgerechnet Ihnen die Rolle des Papstes antrug?
Piccoli: Keine Sekunde. Es war Moretti, der es spannend machte, indem er mich erst mal zu einem Vorsprechen einlud. Er wollte herausfinden, ob mein Italienisch gut genug ist, um in einem italienischen Film mitzuwirken. Aber er wollte auch wissen, ob ich das kann: Papst.
ZEIT: Sie sind seit über sechzig Jahren im Geschäft und der Weltstar des französischen Films schlechthin. Warum sind Sie auf dieses Rollenangebot eingegangen?
Piccoli: Zuerst habe ich gedacht: Was für eine Farce! Ich habe in meinem langen Leben unendlich viele verschiedene Rollen gespielt, natürlich kann ich Papst. Doch dann habe ich begriffen, dass Moretti mich als Schauspieler ernst nahm. Er wollte keinen großen Namen, er wollte einen, der sich richtig anstrengt und alles gibt. Alte Schauspieler sind ja ein bisschen faul, ihnen fehlt die Energie, sich eine Rolle zu erarbeiten. Bei Moretti habe ich mich plötzlich wieder ganz jung gefühlt. Er kam mit seiner kleinen Kamera nach Paris, zog mir so ein weißes Gewand an, wie es der Papst unter seinen Roben trägt, und gab mir einen Text. Als er ein paar Tage später anrief und sagte, wir machen den Film zusammen, war ich sehr froh.
ZEIT: Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?
Piccoli: Wenn ich einen Film drehe, interessiert mich meine konkrete Rolle darin zuerst einmal wenig. Mir geht es um die gesamte Geschichte. Ich frage mich: Warum will der Regisseur sie erzählen, was ist das Geheimnis dahinter?
ZEIT: Und?
Piccoli: Papst Melvilles Geschichte ist die Geschichte eines ganz normalen Mannes, vielleicht hat er ein besonderes Verhältnis zu Gott. Vielleicht. Ich bin mir da gar nicht so sicher. Das ist auch nicht wichtig. Mich berührt etwas anderes: Melville hat alles erreicht, was er in seinem Metier erreichen kann. Er wird zum Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken gewählt. Doch in dem Moment, wo die auf dem Petersplatz versammelten Menschen ihm zujubeln wollen, auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere also, stellt er fest: Ich kann das nicht.
- Datum 02.12.2011 - 09:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.12.2011 Nr. 49
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Auch ich wurde streng katholisch erzogen.Mein Verhältnis zu Pfarrern war und ist immer noch - bis auf zwei Ausnahmen -sehr gut,was damit zusammenhängt,dass man mit den meisten diskutieren kann,ohne gleich in eine "Ecke" gestellt zu werden.Mein Hang zur "Aufmüpfigkeit" entfernte mich indes immer mehr von der "absoluten"Institution Kirche.
Kindliche Dauerängste vor "göttlicher" Bestrafung konnte ich nur allmählich ablegen.
Geblieben ist mir jedoch der Wille zu ethischem Handeln im Einklang mit meinen Überzeugungen.
Sehr beeindruckt haben mich dabei Albert Camus und Jean-Paul Sartre,aber auch Albert Schweitzer.Ich glaube an eine unsterbliche Seele(Lucy im Licht),aber nicht an das "Konstrukt" Gott!Aber jeder muss und sollte für sich selbst entscheiden.
Viva l'individualismo e la tolleranza!
Nichts leichter als das, denn schon 1781 stellte Goethe fest: "Auf alle Fälle ist der Papst der beste Schauspieler im gegenwärtigen Rom."
überhaupt sehr katholisch, der Papst ist ihr ungeheuer wichtig. Beinahe so wichtig wie bayerische Adelsgeschlechter.
Es ist ein wirklich toller Film, vor allem Dank MP! Danke für das Interview!
Im Original nuschelt er manchmal vor sich hin, wie man es von einem alten Mann erwartet, überhaupt wirkt er manchmal URalt unter der Bürde dieses neuen Amtes dann wieder infantil verspielt - absolut sehenswert! Dieser Club der alten Männer, gerade wegen des Bezugs zur formalistischen Kirche mit 1000 Regeln und Traditionen, ein Erlebnis! Unbedingt ansehen!
Am ältesten Filmpreis der alten Welt,
welcher 2011 an "Habemus Papam" ging, sieht man sofort,
was in der Welt falsch läuft:
"MENZIONI SPECIALI This is my land…Hebron di Giulia AMATI e Stephen NATANSON". Piccoli:
"Religionen sind wahnsinnig kompliziert. Denken Sie an die Kriege, die in ihrem Namen geführt wurden, an all die Dogmen, die aufgestellt wurden, an die Häretikerverfolgungen"
http://movie-on.blogspot....
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