Die Lage in China ist paradox: Einerseits steht nur das sozialistische Erbe dem entfesselten Kapitalismus entgegen. Andererseits ist dieses Erbe zugleich eine ideale Ressource, an der sich der Kapitalismus mästen kann.

Dieses Paradox muss man erklären. Der zügellose Kapitalismus, der in den neunziger Jahren entstand, hat in China zweifellos eine Reihe unheilvoller Folgen gezeitigt. Ihm gegenüber steht der sogenannte »chinesische Entwicklungsweg«, von dem in den vergangenen Jahren viel die Rede war. Dieses Konzept betont, dass sich ein bestimmtes historisches Erbe – vor allem der Sozialismus – als ausgesprochen nützliche Ressource für die Entfaltung des Kapitals in China erwiesen hat.

Was auf den ersten Blick wie eine Verteidigung des chinesischen Entwicklungswegs aussieht, verweist in Wirklichkeit jedoch auf eine tief greifende Krise, vor der das Land steht: Was passiert, wenn das traditionelle chinesische und das sozialistische Erbe in naher Zukunft gänzlich aufgezehrt sind? Welchen Weg wird China dann gehen? Einiges kann man schon heute absehen. Weil sie ein waches Bewusstsein von dieser heraufziehenden Krise haben, bekennen sich die ersten chinesischen Intellektuellen zu einem staatlichen Dirigismus – einem Dirigismus, der über einen bloßen Nationalismus weit hinausgeht. Damit ist die Lage des Kapitals in China noch komplexer, noch schwieriger geworden.

Doch blicken wir noch einmal zurück. Seit 1989 hat sich China zunehmend für die kapitalistische Welt geöffnet. In der Folge bildete sich nach und nach eine ganz eigene Version des »ungezügelten« Kapitalismus heraus. Einige chinesische Wissenschaftler kritisieren die so entfesselten Marktkräfte auf drei Ebenen. Erstens, so sagen sie, habe sich der chinesische Kapitalismus praktisch widerstandslos in eine ungute Abhängigkeit vom globalen kapitalistischen System begeben, das dem Land die Rolle des weltweit größten Standorts für die verarbeitende Industrie mit niedriger Gewinnspanne zugeteilt habe. Damit gehe nicht nur die Ausbeutung der Arbeitskräfte aus der ländlichen Bevölkerung sowie der natürlichen Ressourcen Chinas einher. Nein, die chinesische Wirtschaft insgesamt sei in eine prekäre Lage versetzt worden.

Der zweite Kritikpunkt lautet, dass es der chinesischen Regierung nicht gelungen sei, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und das fieberhafte Kapitalwachstum zu begrenzen. Die Folgen seien gravierende soziale Ungerechtigkeiten sowie erhebliche Schwierigkeiten, die Befriedigung elementarer menschlicher Grundbedürfnisse zu gewährleisten. Da die soziale Ungerechtigkeit, die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen, unmittelbar mit der Privatisierung staatseigener Unternehmen und verwandten Entwicklungen zusammenhänge, habe die Regierung nicht nur ein Bild der Ohnmacht abgegeben, sondern das Problem sogar noch weiter verschärft.

Punkt drei der Kritik lautet, dass das Kapital in China keinerlei rationaler und moralischer Kontrolle unterliege. Zum einen sei die Regierung seit den Wirtschaftsreformen, mit denen sie die Marktwirtschaft nach China brachte, nicht in der Lage gewesen, vernünftige Spielregeln für das Kapital aufzustellen. Zum anderen erweckten chinesische Kapitalisten nicht den Eindruck, als würden sie überhaupt moralische Grenzen kennen, zumal nachdem die konfuzianische und die sozialistische Moral von der hemmungslosen Entfaltung des Kapitals an den Rand gedrängt worden seien. Das Problem, die Ernährung für die Bevölkerung sicherzustellen, sei dafür ein Symptom.

Die Frage, die hinter all diesen Kritikpunkten steckt, lautet schlicht: Warum ist die chinesische Wirtschaft bislang nicht zusammengebrochen, wenn es sich bei ihr doch um eine Form von ungezügeltem Kapitalismus handelt?