Tief im Himalaya, in einem kleinen Land zwischen Indien und China, steht ein Mann auf dem Reisfeld und erntet sein Glück. Er hält eine Holzharke in der Hand und kehrt Stroh zusammen. Später wird er den Ballen anzünden, es wird seine Freude befeuern über Tausende Reiskörner, die nun geerntet sind.

Denn das Glück, sagt Bauer Dorji, sei ein Reiskorn. Dorji, Herr über sieben winzige Felder, ist 79 Jahre alt, ein Mann mit vielen Falten und wenigen Zähnen. Er lebt in Bhutan, dem einzigen Land der Welt, dem das Glück seiner Bewohner wichtiger ist als sein wirtschaftlicher Erfolg. Ein Land so groß wie die Schweiz. 700.000 Einwohner, 70 Prozent Bauern.

Als die Sonne am Nachmittag hinter die Berge rutscht, geht Dorji heim. Das Erdgeschoss seines Hauses ist ein Kuhstall, im ersten Stock lagert er Reis und Mais, im zweiten wohnt er mit seiner Frau, seiner Tochter und zwei Enkeln. Barfuß läuft Dorji durchs Haus, nimmt sich eine Schüssel Reis aus dem Reiskocher, setzt sich vor seinen Fernseher, den er sein »Auge in die Welt« nennt.

An der Wand über seinem Kopf hängt ein Bild von Buddha, daneben ein Foto des alten Königs von Bhutan mit seinen vier Frauen. Jigme Singye Wangchuk war der vierte König der Dynastie, Spitzname K 4. Er war es, der 1986 in einem Interview gefragt wurde, wie hoch das Bruttoinlandsprodukt Bhutans sei. 50 US-Dollar pro Kopf, der König kannte die Zahl, es war die niedrigste weltweit. Er antwortete: »Das Bruttoinlandsprodukt interessiert mich nicht. Mich interessiert das Bruttoinlandsglück.«

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Was nach einer einfachen Ausrede klang, steht heute in Artikel 9, Absatz 2 der nationalen Verfassung: »Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen.«

Glück als oberstes Staatsziel? Die Welt hat das jahrelang belächelt. Für die Zufriedenheit einer Nation schien vor allen Dingen das Wirtschaftswachstum von Bedeutung. Mehr Wohlstand, mehr Zufriedenheit – eine einfache Gleichung. Dann begann die Finanzkrise, und auf einmal ist dieses Konzept in Verruf geraten.

Wann geht es einem Land wirklich gut? Wenn die Menschen viel lachen? Viel Freizeit haben? Oder doch, wenn ihr Einkommen steigt? Bhutan stellt sich diese Fragen schon lange; andere Länder haben sie gerade erst entdeckt. Die westliche Welt sucht nach Alternativen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy beauftragte den Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, eine neue Messmethode für wirtschaftliches Wachstum zu entwickeln, Großbritanniens Premierminister David Cameron lässt nach einem Glücksindex suchen, und der Deutsche Bundestag hat Anfang dieses Jahres eine Enquetekommission mit dem Namen »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« eingesetzt. Ihre Mitglieder sollen herausfinden, wie man das Bruttoinlandsprodukt künftig um einen Zufriedenheitsfaktor erweitern kann.

Bauer Dorji hat noch nie vom Bruttoinlandsglück gehört. Er sagt, er sei glücklich, weil sein neues Leben leichter sei als sein altes. In seinem alten Leben hackte er Holz und wartete stundenlang, bis der Reis gar wurde. Heute hat er einen Reiskocher und mehr Zeit für die Familie. In seinem alten Leben pflanzte Dorji die Reissetzlinge von Hand und pflügte das Feld mit Wasserbüffeln. Heute hat er Maschinen und erntet doppelt so viel wie früher. Was Dorji sein Glück nennt, ist Wirtschaftswachstum. Steigert ein armer Mensch seinen Reichtum, erhöht sich auch sein Glück, eine Weile jedenfalls, das ist das Erste, was man in Bhutan begreift.

Dorjis neues Leben begann mit einem Geschenk des indischen Ministerpräsidenten an den König. Bis 1961 war Bhutan isoliert gewesen, abgeschirmt von eisigen Bergen im Norden und dichtem Dschungel im Süden. Es gab Bergpfade, aber keine Straßen, um Handel mit anderen Ländern zu treiben. Menschen wie Dorji kannten kein Geld, keine Krankenhäuser, keine Telefone, vom Zweiten Weltkrieg hatten sie nie gehört. Bis der König das Geschenk annahm: eine geteerte Straße von Indien bis in die Hauptstadt Bhutans. Die Straße beendete Bhutans Vergangenheit, brachte Reiskocher und Maschinen. 1974 besuchten die ersten Touristen das Land, 1982 wurde der Flughafen gebaut, 1999 bekam Bhutan Fernsehen – als letzter Staat der Erde.