Slavoj ŽižekWildes Denken

"Ich bin für Recht und Ordnung": Drei Tage unterwegs mit dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, dem Superstar der Kapitalismuskritik.

Popstars werden schon beim vergleichsweise unspektakulären Verlassen eines Ankunftsgates am Flughafen fotografiert. Also hat der Reporter erst recht vor Ort zu sein, wenn der legendäre Philosoph Slavoj Žižek zur Mittagszeit im Hotel im Frankfurter Rotlichtviertel, Nähe Hauptbahnhof, eincheckt. Es passiert natürlich nicht viel – aber es ist sofort aufregend, bei diesem wenigen dabei zu sein: Slavoj Žižek ist beim ersten Anblick gleich ganz Slavoj Žižek, so wie Lady Gaga beim ersten Anblick gleich ganz Lady Gaga ist. Er ist nicht groß (vielleicht 1,75 Meter). Die berühmten Haare (grau, verfilzt, seit Tagen oder Wochen nicht gewaschen), der Bart, die berühmte graue Gesichtsfarbe. Slavoj Žižek trägt die klassische Slavoj-Žižek-Garderobe: beige Windjacke, beiges T-Shirt, beige Cordhose, beige Kreppsohlenschuhe von Mephisto. Geschätzter Kaufpreis für die gesamte Garderobe: um die 150 Euro.

Der Philosoph Slavoj Žižek

Der Philosoph Slavoj Žižek

Er zieht einen Rollkoffer hinter sich her und trägt eine Computertasche und drei Plastiktüten, lässt jetzt den ganzen Plastiktütenmist vor der Rezeption zu Boden sinken, fängt an, in Papieren zu wühlen, die er aus seiner Jackentasche hervorholt. Er ist gleich so wunderbar hektisch. Seine Maschine hatte in London wegen Nebel einen ganzen Tag Verspätung, was die Sache nicht einfacher macht. Der berühmte Slavoj-Žižek-Schweißausbruch: Graue Haarsträhnen kleben an der Stirn. Er möchte jetzt gleichzeitig wissen, ab wie viel Uhr das Frühstück serviert wird und ob es in seinem Zimmer WLAN gibt – das berühmte Slavoj-Žižek-Deutsch, ein astreines Balkan-Deutsch mit englischen Einsprengseln. Ob man ihm mit dem Gepäck helfen kann? Bitte nicht! Der Haufen aus Windjacke, Rollkoffer und Plastiktüten bewegt sich nun zum Aufzug, winkend, grüßend, lächelnd. Slavoj Žižek sagt: »Anrufe bitte nicht durchstellen, ich bin nicht da.« Willkommen, verehrter Herr Žižek.

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In Frankfurt wird in diesen Tagen das Slavoj-Žižek-Theater aufgeführt. Kein besonderer Anlass: Der Philosoph hat ein neues Buch herausgebracht. Am Abend wird Žižek im Literaturhaus lesen, Kamerateams werden ihn durch die Stadt begleiten. Es ist sein 52. oder 55. Buch, so genau weiß das bei diesem Autor niemand, und wer den unscheinbaren Band sieht, erschienen im Fischer-Verlag, der Hammer und Sichel auf lindgrünem Untergrund zeigt und den pseudolyrischen Titel Die bösen Geister im himmlischen Bereich und den knalligen Untertitel Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert trägt, der kann sich schwer vorstellen, dass Menschen dieses Buch zum Vergnügen in die Hand nehmen.

Genau das aber werden Slavoj-Žižek-Fans, von denen es viele gibt, mit diesem Buch wieder tun. Es hat beim neuen Žižek wilde Zustimmung und wilde Verdammung gegeben, lange bevor das neue Buch auf Deutsch erschienen ist. Namhafte Intellektuelle warfen dem neuen Buch vor, es übertrete eine rote Linie: Vom bösen, im Jahr 2011 praktisch unaussprechbaren Wort des Kommunismus sei dort überall zu lesen. Ein linker Totalitarismus werde offen propagiert. Žižek mache sich für die alten Rechten Heidegger und Carl Schmitt stark (nur dass die beiden sich zu ihrer Zeit eben fatalerweise für den Faschismus statt den Kommunismus entschieden hätten). Žižek müsse nach seinen Definitionen von Demokratie, Gewalt und Wahrheit befragt werden – da könne man sein rotes Wunder erleben: Ein großer Intellektueller sei dabei, sich zu entzaubern. Vom neuen Buch war zum Zeitpunkt dieser Aufregung noch keine Zeile zu lesen.

Ich glaube an die universelle Wahrheit. Die Wahrheit liegt niemals in der Mitte, sondern immer klar auf einer Seite

Slavoj Žižek

Vorm Vielsprecher Slavoj Žižek wird gewarnt: Er rede alle in Grund und Boden – schlimmer noch, er spucke beim Reden. Diesem Žižek brauche niemand Fragen zu stellen, er beantworte trotzdem alle Fragen. Wir wollen dem Sprechautomaten Žižek bei seinem Besuch in Frankfurt einmal anders begegnen – ein Experiment: Was erfährt der, der dem Philosophen, der ein Pop-Phänomen ist, drei Tage lang nur zuschaut? Was versteht der, der das Pop-Philosophie-Mysterium sich frei entfalten und agieren lässt? Pop, das wissen wir, hat seine eigene, für sich sprechende Intelligenz, Wahrheit und Tiefgründigkeit: Spannung auf der Oberfläche.

Einige Basisdaten: Žižek, 1949 im slowenischen Ljubljana geboren, wohnhaft in der slowenischen Hauptstadt, in London, New York und den Flughafen-Lounges dieser Welt. Sein Beruf: Philosoph, Psychoanalytiker, Kulturkritiker. Dieser Žižek, so sagt man, verbinde Jacques Lacans Psychoanalyse mit Marx’und Hegels Geschichtsphilosophie. Der Filmfan Žižek liebt es, bei seinen theoretischen Exkursen mit Bezügen aus der Popkultur zu spielen: So findet Indiana Jones zu Karl Marx, Kung Fu Panda zu Jacques Lacan und Star-Wars -Lego zu Judith Butler: unterhaltsame Sache. Die Theorie, so sagt man weiter, habe Žižek aus dem Elfenbeinturm der Universitäten geholt. Neben dem Italiener Antonio Negri und dem Franzosen Alain Badiou gilt er als wichtigster Denker einer neuen Linken und platterdings als bekanntester und einflussreichster Philosoph Europas.

Žižek: großer Verführer, Entertainer, Rockstar, ein Elvis der Kulturtheorie (Untertitel eines Filmporträts über Slavoj Žižek). Mit seinem heruntergekommenen Äußeren und den zahlreichen, in aller Öffentlichkeit zelebrierten Ticks – der vortragende Žižek fummelt sich ununterbrochen an Nase, Bart, Haaren und T-Shirt herum – erfüllt dieser Philosoph ein leicht konsumierbares Klischee: Dieser Denker sieht aus, wie Menschen, die begrenzt viel vom Denken verstehen, sich einen Denker vorstellen. Der »hoffnungslos überfüllte Hörsaal« gehört bei ihm genauso dazu wie die sagenhafte Geschichte, dass er bis vor zwei Jahren mit einem argentinischen Unterwäschemodel verheiratet war. Neueste Gerüchte lauten, von der New York Post lanciert, der New York Times weitergesponnen und vom deutschen Verlag weder bestätigt noch dementiert: Der Philosoph unterhalte ein loses, trotzdem ernsthaftes Verhältnis mit dem Popstar Lady Gaga.

Leserkommentare
  1. Diogenes in Taschenformat!
    Was macht er mit dem Ertrag des Buches ?

  2. Zwei gute deutsche Filterkaffee, bitte.

    Bei diesem Satz musste ich aufstosse n und das in der ZEIT. Erstens der Kaffee wird zu Hungerlöhnen arbeitenden Menschen iwo ganz weit weg produziert und was soll deutsch daran sein? Wozu das Verherrlichen des Deutschen geführt hat, haben wir gesehen udn sehen es auch in diesen Tagen.

    Eine Leserempfehlung
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die ausschließlich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/mk

    war Melitta Bentz etwa keine Deutsche?

    zumindest war das auf Kaffee bezogen so bis Kaffeemaschinen mit kleinen Metallkapseln befüllt wurden und man es für weltläufig hielt, Latte zu bestellen und das dreischichtige Ensemble als erstes mit einem Löffel zu zerstören.

    Und wenn Menschen aus dem Ausland hier Kaffee bei uns (privat) ins Café gehen, suchen sie nicht nach dem modernen Kaffeekram sondern nach einem "deutschen" Kaffee, der gefiltert wird und einen typischen Geschmack hat.

    Das hat nichts mit "Verherrlichung des Deutschen" zu tun sondern mit regionaler Spezialität wie einer bestimmten Wurst, die es nur hier gibt, Käsesorten, die typisch sind oder der weltweit bekannten Brotsortenvielfalt, die ebenfalls sehr deutsch ist und man mögen kann, ohne in eine Naziecke zum Schämen zu müssen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die ausschließlich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/mk

    war Melitta Bentz etwa keine Deutsche?

    zumindest war das auf Kaffee bezogen so bis Kaffeemaschinen mit kleinen Metallkapseln befüllt wurden und man es für weltläufig hielt, Latte zu bestellen und das dreischichtige Ensemble als erstes mit einem Löffel zu zerstören.

    Und wenn Menschen aus dem Ausland hier Kaffee bei uns (privat) ins Café gehen, suchen sie nicht nach dem modernen Kaffeekram sondern nach einem "deutschen" Kaffee, der gefiltert wird und einen typischen Geschmack hat.

    Das hat nichts mit "Verherrlichung des Deutschen" zu tun sondern mit regionaler Spezialität wie einer bestimmten Wurst, die es nur hier gibt, Käsesorten, die typisch sind oder der weltweit bekannten Brotsortenvielfalt, die ebenfalls sehr deutsch ist und man mögen kann, ohne in eine Naziecke zum Schämen zu müssen.

  3. irgendwas ist da wohl schiefgelaufen: ich nehme an, der zweite absatz ist eigentlich der beginn des textes? dann würde der erste satz auch vollständig sein ...

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    Genau so.

    Genau so.

    • kyon
    • 02.12.2011 um 10:27 Uhr

    "›Der Kapitalist hat seine Wahrheit, der Kommunist hat seine Wahrheit, lass uns den Kompromiss suchen.‹ Nein! Die Wahrheit liegt niemals in der Mitte, sondern immer klar auf einer Seite.« Schöne Worte."

    Nein, das sind keine schönen Worte!
    Solche Worte von selbsternannten "Wahrheitsbesitzern" machen mir eher Angst.

    Da halte is es lieber mit Sokrates, der das Wissen für begrenzt hielt und damit wahrlich ein Philosoph war.

    Herrn Zizek ist wohl irgendetwas zu Kopf gestiegen, wenn er an die "universelle Wahrheit" glaubt.
    Er ist kein Philosoph mehr, er ist Ideologe mit religiösem Touch.

    2 Leserempfehlungen
  4. Ein formidabel und amüsant geschriebener Beitrag, gute Unterhaltung, wenn auch mit ein wenig zu wenig kritischer Distanz, wie mir scheint, doch beim Mangel an kritischer Distanz eifert man nur dem Chefredakteur nach: wohl die neue Linie der ZEIT. Eine Frage hab ich: "Also hat der Reporter erst recht vor Ort zu sein, wenn der legendäre" Da fehlt doch was, oder? Zumindest ein – oder ...

  5. Genau so.

    Antwort auf "Fehler im Anfang"
  6. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die ausschließlich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/mk

  7. http://www.3sat.de/page/?...
    http://www.3sat.de/mediat...
    http://www.3sat.de/mediat...

    Bitte beteiligen Sie sich mit eigenen Argumenten. Danke, die Redaktion/mk

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    Wofür? Wogegen? Das sind die Beiträge vom Medienkollegen 3sat, zu Zizek, als er in Frankfurt war. Ergänzend zum ZEIT-Artikel gepostet. Schon mal reingesehen? - mk, Sie sind aber ein klitzeklein wenig auf pedantischen heute auf den Freitag, oder irre ich mich? :-)

    Zum Moritz von Uslar: feiner Artikel. Ich konnte mich auch amüsieren dabei. (Schreck @ L. Gaga, die Seuche Filterkaffee und der nicht geladene P. Sloterdijk. Letzterer wird doch nicht etwas im [...] gelandet sein? *g*)

    Wofür? Wogegen? Das sind die Beiträge vom Medienkollegen 3sat, zu Zizek, als er in Frankfurt war. Ergänzend zum ZEIT-Artikel gepostet. Schon mal reingesehen? - mk, Sie sind aber ein klitzeklein wenig auf pedantischen heute auf den Freitag, oder irre ich mich? :-)

    Zum Moritz von Uslar: feiner Artikel. Ich konnte mich auch amüsieren dabei. (Schreck @ L. Gaga, die Seuche Filterkaffee und der nicht geladene P. Sloterdijk. Letzterer wird doch nicht etwas im [...] gelandet sein? *g*)

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