"Um es vulgär auszudrücken: Sie ist absolut nicht mein Typ"
Auf der Aussichtsterrasse im 25. Stock des Next-Towers mit Blick auf Frankfurt und die mickrige Zeltstadt findet Žižek dann wieder zu einer höheren Ordnung: »Je weniger man von diesem Ort sieht, desto besser versteht man ihn. Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren.« Paradoxie à la Slavoj Žižek: Eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich noch lange nicht erledigt – wir müssen uns trotzdem dazu verhalten. Die Leute müssen protestieren, damit ein Bewusstsein entsteht, aber eigentlich sind es, natürlich, die falschen Leute.
Treffpunkt am Gleis 7 auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. Garderobe: das Beige vom Vortag. Auf dem Ausschnitt seines T-Shirts sammeln sich Schuppen. Am Abend ist der Philosoph in München zu einem Vortrag über Hegel eingeladen, im kleinen Kreis, vor dreißig Kollegen. Im Großraumwagen spielt der Philosoph Solitaire auf seinem Computer. Manische zehn Minuten lang studiert er den Reiseplan der Bahn. Dann holt er Papiere heraus, fängt an, in großer Geschwindigkeit große Absätze zu streichen. Und plötzlich sieht der Reporter die eng stehenden, die strahlend hellblauen Augen des Philosophen Slavoj Žižek. Er hat Panik, dass er auf der gut dreistündigen Zugfahrt nicht zum Arbeiten kommt: »Wir sprechen dreißig Minuten, nicht länger.«
Dann kommt es doch so, dass man die ganze Zugfahrt durchredet. Es macht einfach zu viel Spaß. Wie mit allen wahrhaft Großen kann man auch mit Slavoj Žižek ganz einfach reden.
Das neue Buch sei nicht sein radikalstes, im Gegenteil (»Ich werde immer versöhnlicher«), das Stalin-Kapitel: der Versuch, das Stalin-Trauma zu verarbeiten: »Nichts als Horror.« Das Kapitel über Heidegger und Foucault: eine Attacke gegen die Ansicht des Historikers Ernst Nolte, die Nazis seien eine Reaktion auf den Bolschewismus gewesen, sie hätten lediglich Klasse gegen Rasse ausgetauscht: »Hier beginnt der Antisemitismus.«
Konversation im DB-Bordtreff, einem gesegneten Ort für den philosophischen Dialog: Zwei gute deutsche Filterkaffee, bitte. Es wird nun Zeit, nach den drei kritischen Begriffen im Werk Žižeks zu fragen. Demokratie? Ein souveräner Žižek: »Selbst Habermas sagt: Es ist offensichtlich, dass die institutionelle Demokratie von der Finanzkrise überfordert ist.« Gewalt? Ein genervter Žižek: »Ach, Gewalt. Echte Gewalt – das Killen von Menschen – wird heutzutage legitimiert als Verteidigung sozialer Stabilität. Die Gewalt, die ich meine, ist eine andere. Nehmen Sie Ägypten: Was kann gewaltsamer sein als eine Million Menschen, die auf die Straße gehen und das ganze soziale Leben zum Erliegen bringen? Für diese Gewalt bin ich.« Gibt es einen Begriff der Wahrheit, den er für sich akzeptiert? Ein erstaunter Žižek: »Natürlich, ich bin alles andere als ein Postmodernist.« Er glaube an die objektive und an die subjektive Wahrheit. Lächelnder Philosoph: »Um es noch schlimmer zu machen: Ich glaube an die universelle Wahrheit. Beispiel: Man soll nicht sagen: ›Der Kapitalist hat seine Wahrheit, der Kommunist hat seine Wahrheit, lass uns den Kompromiss suchen.‹ Nein! Die Wahrheit liegt niemals in der Mitte, sondern immer klar auf einer Seite.« Schöne Worte. Die nimmt der Reporter, im ratternden Bordtreff, gerne unwidersprochen hin.
Entschuldigung, Herr Žižek, aber darf ich Sie nach einem ungeheuerlichen Gerücht fragen? »Wie bei jedem guten Gerücht macht es keinen Unterschied, ob der Betroffene es bestreitet. Es lebt fort.« Nachfrage des Reporters: Haben Sie den Popstar Lady Gaga jemals getroffen? »Niemals.« Der Philosoph Slavoj Žižek erklärt: »Ich habe mir ein paar ihrer Bilder angeschaut. Um es vulgär auszudrücken: Sie ist absolut nicht mein Typ. All das Make-up, all das Mascara. Ich stelle mir vor, wie sie unter der Dusche steht und all die Farbe an ihr herunterläuft. Lady Gaga ohne Schminke ist keine schöne Frau.« Keine weiteren Fragen. Mit der Entzauberung des Popstars und Philosophen Slavoj Žižek wird es diesmal nichts: Er bleibt ein schöner Mann.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 02.12.2011 - 11:13 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 1.12.2011 Nr. 49
- Kommentare 31
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Diogenes in Taschenformat!
Was macht er mit dem Ertrag des Buches ?
Zwei gute deutsche Filterkaffee, bitte.
Bei diesem Satz musste ich aufstosse n und das in der ZEIT. Erstens der Kaffee wird zu Hungerlöhnen arbeitenden Menschen iwo ganz weit weg produziert und was soll deutsch daran sein? Wozu das Verherrlichen des Deutschen geführt hat, haben wir gesehen udn sehen es auch in diesen Tagen.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die ausschließlich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/mk
war Melitta Bentz etwa keine Deutsche?
zumindest war das auf Kaffee bezogen so bis Kaffeemaschinen mit kleinen Metallkapseln befüllt wurden und man es für weltläufig hielt, Latte zu bestellen und das dreischichtige Ensemble als erstes mit einem Löffel zu zerstören.
Und wenn Menschen aus dem Ausland hier Kaffee bei uns (privat) ins Café gehen, suchen sie nicht nach dem modernen Kaffeekram sondern nach einem "deutschen" Kaffee, der gefiltert wird und einen typischen Geschmack hat.
Das hat nichts mit "Verherrlichung des Deutschen" zu tun sondern mit regionaler Spezialität wie einer bestimmten Wurst, die es nur hier gibt, Käsesorten, die typisch sind oder der weltweit bekannten Brotsortenvielfalt, die ebenfalls sehr deutsch ist und man mögen kann, ohne in eine Naziecke zum Schämen zu müssen.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die ausschließlich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/mk
war Melitta Bentz etwa keine Deutsche?
zumindest war das auf Kaffee bezogen so bis Kaffeemaschinen mit kleinen Metallkapseln befüllt wurden und man es für weltläufig hielt, Latte zu bestellen und das dreischichtige Ensemble als erstes mit einem Löffel zu zerstören.
Und wenn Menschen aus dem Ausland hier Kaffee bei uns (privat) ins Café gehen, suchen sie nicht nach dem modernen Kaffeekram sondern nach einem "deutschen" Kaffee, der gefiltert wird und einen typischen Geschmack hat.
Das hat nichts mit "Verherrlichung des Deutschen" zu tun sondern mit regionaler Spezialität wie einer bestimmten Wurst, die es nur hier gibt, Käsesorten, die typisch sind oder der weltweit bekannten Brotsortenvielfalt, die ebenfalls sehr deutsch ist und man mögen kann, ohne in eine Naziecke zum Schämen zu müssen.
irgendwas ist da wohl schiefgelaufen: ich nehme an, der zweite absatz ist eigentlich der beginn des textes? dann würde der erste satz auch vollständig sein ...
Genau so.
Genau so.
"›Der Kapitalist hat seine Wahrheit, der Kommunist hat seine Wahrheit, lass uns den Kompromiss suchen.‹ Nein! Die Wahrheit liegt niemals in der Mitte, sondern immer klar auf einer Seite.« Schöne Worte."
Nein, das sind keine schönen Worte!
Solche Worte von selbsternannten "Wahrheitsbesitzern" machen mir eher Angst.
Da halte is es lieber mit Sokrates, der das Wissen für begrenzt hielt und damit wahrlich ein Philosoph war.
Herrn Zizek ist wohl irgendetwas zu Kopf gestiegen, wenn er an die "universelle Wahrheit" glaubt.
Er ist kein Philosoph mehr, er ist Ideologe mit religiösem Touch.
Ein formidabel und amüsant geschriebener Beitrag, gute Unterhaltung, wenn auch mit ein wenig zu wenig kritischer Distanz, wie mir scheint, doch beim Mangel an kritischer Distanz eifert man nur dem Chefredakteur nach: wohl die neue Linie der ZEIT. Eine Frage hab ich: "Also hat der Reporter erst recht vor Ort zu sein, wenn der legendäre" Da fehlt doch was, oder? Zumindest ein – oder ...
Genau so.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die ausschließlich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/mk
http://www.3sat.de/page/?...
http://www.3sat.de/mediat...
http://www.3sat.de/mediat...
Bitte beteiligen Sie sich mit eigenen Argumenten. Danke, die Redaktion/mk
Wofür? Wogegen? Das sind die Beiträge vom Medienkollegen 3sat, zu Zizek, als er in Frankfurt war. Ergänzend zum ZEIT-Artikel gepostet. Schon mal reingesehen? - mk, Sie sind aber ein klitzeklein wenig auf pedantischen heute auf den Freitag, oder irre ich mich? :-)
Zum Moritz von Uslar: feiner Artikel. Ich konnte mich auch amüsieren dabei. (Schreck @ L. Gaga, die Seuche Filterkaffee und der nicht geladene P. Sloterdijk. Letzterer wird doch nicht etwas im [...] gelandet sein? *g*)
Wofür? Wogegen? Das sind die Beiträge vom Medienkollegen 3sat, zu Zizek, als er in Frankfurt war. Ergänzend zum ZEIT-Artikel gepostet. Schon mal reingesehen? - mk, Sie sind aber ein klitzeklein wenig auf pedantischen heute auf den Freitag, oder irre ich mich? :-)
Zum Moritz von Uslar: feiner Artikel. Ich konnte mich auch amüsieren dabei. (Schreck @ L. Gaga, die Seuche Filterkaffee und der nicht geladene P. Sloterdijk. Letzterer wird doch nicht etwas im [...] gelandet sein? *g*)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren