Kaum ein Pressetext, in dem die Zahl nicht bereits im ersten Absatz fällt: 35. So alt war der luxemburgische Künstler Michel Majerus, als er bei einem Flugzeugabsturz starb. Fast schon reflexhaft wird er in die Phalanx der tragisch umgekommenen jungen Genies eingereiht, die allein aus biografischen Gründen größtmögliche Publikumswirksamkeit versprechen – ob sie nun James Dean, Jean-Michel Basquiat, Kurt Cobain oder eben Michel Majerus heißen. Den früh Verstorbenen bleibt es erspart, sich auch an ihrem Spätwerk messen lassen zu müssen.

Grob eine Dekade währte die Schaffensphase des Malers und Installationskünstlers, der zwischen 1986 und 1992 an der Stuttgarter Kunstakademie bei K.R.H. Sonderborg, einem Vertreter des Informel, und dem Guru der analytischen Konzeptkunst, Joseph Kosuth, studierte. Majerus hat der Nachwelt ein durchaus beeindruckendes Konvolut an Werken zwischen Abstraktion, Pop-Art und Konzeptkunst hinterlassen, das sich wie die kontrollierte Explosion einer multimedialen Wunderkammer ausnimmt: übergroße amerikanische Comic-Helden, besprenkelt mit gestischen Farbschlieren. Die erhabene Leere monochromer Leinwände, verquirlt mit japanischen Mangas. Bildmotive der Graffitiszene und Slogans aus der Werbung, gepaart mit Farbfeld-Malerei. Serielle Reihungen von Computerspiel-Aliens (Space Invaders) in nächster Nähe zu Gemälden, die an den rotzigen Gestus der Jungen Wilden aus den achtziger Jahren erinnern. Dazu immer wieder direkte Verweise auf Werke anderer Künstler, etwa auf Andy Warhols Flowers oder Basquiats expressive Comic-Figuren und Piktogramme.

Majerus fühlte sich offenbar dazu berufen, um die Jahrtausendwende herum die Greatest Art Hits des 20. Jahrhunderts noch einmal in einer Sinfonie zusammenzuführen und mit raumgreifenden Bewegungen zu dirigieren. Wenig darin ist neu, vieles aber neu kombiniert – etwa die konsumistische Glitzerwelt Andy Warhols mit der ästhetischen Strenge Frank Stellas. Skeptiker würden den rasenden Stillstand monieren, Befürworter die Offenheit und Neugier loben, die aus diesen Arbeiten spricht.

Wie das alles umfassende Internet, das kurz vor Majerus’ Tod seinen globalen Siegeszug antrat, den Papst und die Pornografie, das Kundenkonto und die Kontaktbörse auf Augenhöhe bringt, schert sich der Künstler nicht um die vermeintlichen Distanzen zwischen den Kunstkontinenten. Dieses Œuvre ist das Kunst-Google der nuller Jahre. Hier findet man – fast – alles, präsentiert in schierer Gleichzeitigkeit.

Aber bietet es mehr als nur den Versuch einer Wiederbelebung der bereits mehrmals wortreich zu Grabe getragenen Popkultur und der ebenfalls in die Jahre gekommenen Postmoderne? Was ist dran am Majerus-Boom, der nun mit der großen Werkschau im Stuttgarter Kunstmuseum noch einmal verstärkt wird?

Über hundert Werke hat die Kuratorin Ulrike Groos ins Kunstmuseum bringen lassen, dessen hohe Wände und tiefe Fluchten im Erd- und Untergeschoss sich bestens für Majerus’ überdimensionierte Formate eignen – 30 oder 40 Quadratmeter Fläche sind keine Seltenheit. Steil ragen sie auf, das Blow-up eines Satiremagazins mit King Kong auf dem Cover oder meterlange Farbstreifen über silbrig spiegelnden Bodenplatten. Was einst für Warhol galt, gilt auch für Majerus: »Big was always better with Andy« (Bob Colacello).

Majerus selbst machte sich wohl wenig aus Zuschreibungen wie »Sampling-Künstler« oder »pop artist«. So versah er denn auch eines seiner Bilder, eine Begegnung zwischen einem Turnschuh in schräger Untersicht, poppigen geometrischen Farbstreifen und einem angeschnittenen Computer-Icon in Lackfarbe, mit dem vielsagenden Titel yet sometimes what is read successfully, stops us with its meaning, no. II (1998). Man kann darin eine Warnung an alle übereifrigen Kunstexperten erkennen: Hier geht es nicht nur um eine gelehrte Schnitzeljagd nach Verweisen! Bilder sind mehr als Texte und decodierbare Zeichen, nämlich eigenwertige, eigengesetzliche Artefakte. Wäre die klischeehaft postmodern wirkende Fülle der Zitate und Anspielungen demnach nur eine Nebelkerze, die Majerus gezielt gezündet hat? Die Mechanismen des Kunstsystems jedenfalls scheint er, wenn er auch nicht dagegen opponierte, mit Skepsis betrachtet zu haben. Auf einem Gemälde ist zu lesen: »the artworld is so sad because there are those people who make you feel like you’re worth nothing or the other who think you’re a genius. I don’t like any of it.«