Nein, ein edler Mensch war er nicht, dieser Elias Canetti. Die Briefe, die er an die Malerin Marie-Louise von Motesiczky geschrieben hat, die über vierzig Jahre lang seine Geliebte war, zeigen einen Menschen, dessen hemmungslose Egomanie und berechnende Falschheit einen schon ziemlich fassungslos machen können. Liest man parallel dazu etwa den (ebenfalls jetzt erschienenen) Briefwechsel zwischen den Schriftstellerfreunden Joseph Roth und Stefan Zweig – ein Säufer und Schnorrer der eine, der andere ein allzu kulturgläubiger Großbürger (den Canetti verabscheute und selbst noch nach seinem Selbstmord im brasilianischen Exil schmähte) –, so geht einem doch das Herz auf vor dem Edelmut und der Großherzigkeit dieser beiden ungleichen Freunde. Vor Canettis Briefen an Marie-Louise von Motesiczky aber muss man sich bei der Lektüre immer wieder gewaltsam ins Gedächtnis rufen, dass derselbe Canetti, der hier als eine Art Monster erscheint, so großartige Werke wie seine Aufzeichnungen (Die Provinz des Menschen, Das Geheimherz der Uhr), seine autobiografischen Bücher (Die gerettete Zunge, Das Augenspiel, Die Fackel im Ohr) oder Die Stimmen von Marrakesch geschrieben hat, Bücher, die zum unverzichtbaren Fundus der Literatur des 20. Jahrhunderts zählen.

»Dass man die Dichter nicht kennen darf, lesen, aber nicht kennen«, so lautet eine von Canettis späten Aufzeichnungen. Eine Warnung, von der sich Marie-Louise von Motesiczky, wäre sie ihr denn bekannt gewesen, vermutlich nicht hätte abschrecken lassen, wie sie sich, nimmt man ihre Briefe an den Geliebten als Indiz, von fast überhaupt nichts abschrecken ließ, was ihr Canetti jahrzehntelang zumutete. Doch der Reihe nach. Es war wohl im Frühjahr 1939, als die mit ihrer Mutter aus Wien nach England Geflohene den ebenfalls gerade aus Wien emigrierten Elias Canetti und dessen Frau Veza in London kennenlernte. Wie viele Bewohner Londons verließen im Herbst 1940 auch die Motesiczkys aus Furcht vor deutschen Bombenangriffen die Stadt und zogen aufs Land, nach Amersham, wo sie auch den Canettis eine Wohnung in der Nachbarschaft vermittelten. Bald schon räumten sie Canetti sogar in ihrem eigenen Haus ein Arbeitszimmer ein und adelten ihn damit gewissermaßen, hatten die Motesiczkys doch im Wien der späten Habsburger Monarchie zur vermögenden und hochkultivierten jüdischen Aristokratie gezählt. Marie-Louises Vater hatte noch mit Brahms musiziert, die Mutter sich als Backfisch in Hugo von Hofmannsthal verliebt, und Marie-Louises Großmutter ging als Patientin Freuds unter dem Namen »Cäcilie M.« in die Geschichte der Psychoanalyse ein. Heinrich Simon, berühmter Verleger der Frankfurter Zeitung , brachte eines Tages den jungen Max Beckmann mit in den Salon der Motesiczkys, Beckmann, der später, zu Marie-Louises leisem Kummer, nicht sie, sondern ihre Freundin Mathilde von Kaulbach, genannt »Quappi«, heiratete. Doch nahm Beckmann Marie-Louise 1927/28 in seine Meisterklasse an der Frankfurter Städelschule auf und prägte damit ihre künstlerische Entwicklung nachhaltig, noch in ihren besten Bildern ist der Beckmann-Einfluss unübersehbar.

Die Beziehung zwischen Elias und Marie-Louise beginnt, soweit sie schriftlich überliefert ist, recht prosaisch, mit einem Schuldschein, auf dem sich Canetti verpflichtet, die ihm von Fräulein von Motesiczky geliehenen 600 englischen Pfund mit 5 Prozent Zinsen spätestens dann zurückzuzahlen, wenn eines seiner Werke Erfolg hat, was impliziert, dass die Motesiczkys in England immer noch vermögend waren, Canetti aber vom Erfolg bisher nur träumte. Das nächste Dokument dieser Beziehung ist ein Heft mit Aufzeichnungen für Marie-Louise, das Canetti Marie-Louise, die inzwischen seine Geliebte geworden war, 1942 zu ihrem 36. Geburtstag schenkte (und das erst nach Canettis Tod publiziert wurde). Zumindest zwei Eintragungen darin deuten den Spannungsbogen an, der diese Beziehung künftig bestimmen sollte. »Sie lebt in einer Wüste von Erwartungen«, heißt die eine, die kaum kaschiert, dass der Liebhaber nicht beabsichtigt, seine Geliebte aus dieser Wüste zu erlösen. Die andere lautet: »Wer den Erfolg anbetet, ist auf jeden Fall verloren: wenn er ihn hat, wird er ihm ähnlich; wenn er ihn nicht hat, verzehrt er sich in der falschesten Sehnsucht.« Es ist diese falscheste Sehnsucht, die Canetti in seinen Londoner Jahren permanent umtreibt und die seine Beziehung zu Marie-Louise von Motesiczky von Anfang an belastet, weil Canetti seine gesellschaftlich einflussreiche Geliebte immerzu in die Rolle einer Propagandistin für sein – größtenteils noch ungeschriebenes und nur geplantes – Werk drängt, ja, ihr sogar exakte Anweisungen gibt, in welcher Weise sie, etwa vor Theatergrößen, über seine Stücke zu sprechen hat.

Auch niedere Dienste werden Marie-Louise regelmäßig abverlangt, so darf sie etwa für Canetti Fahrkarten und Bücher bestellen (und bezahlen), und je nachdem, wie sie seine »Aufträge«, wie er selbst diese nennt, ausgeführt hat, verteilt er schulmeisterlich Lob und Tadel, vorwiegend Tadel, denn Marie-Louise, die Malerin, ist ihm zwar bis zur Hörigkeit ergeben, aber eben auch ein wenig wienerisch schlampig. Mit Vorliebe reibt er ihr ihre intellektuellen Defizite unter die Nase (»mit dem Wotruba hast Du Dich gut gehalten, aber Du bist ihm nicht gewachsen«), und völlig unironisch fordert er von ihr »die Einsicht, dass Du es mit dem Lebenswerk eines der gewaltigsten Geister zu tun hast, die je gelebt haben: das bin nämlich ich, falls Du es vergessen hast«. Das Kosewort, das Canetti für sie ausgedacht hat, könnte verräterischer nicht sein, er nennt Marie-Louise, in Verballhornung ihres Vornamens, sein »Muli« – und nur wenn er an sie als Künstlerin appelliert und, wohl auch um sie immer wieder zu ködern, ihre Malerei preist, wird aus dem sächlichen »Muli« ein männliches, mithin ihm ebenbürtiges Wesen, »der Maler Mulo«.

Verkörperten Elias Canetti und Marie-Louise von Motesiczky schon äußerlich ein krasses Kontrastprogramm – sie, die schlanke, groß gewachsene Schönheit (man nehme nur ihr Selbstporträt mit Kamm zum Beweis), er, der Mann mit dem Löwenhaupt und dem gedrungenen, viel zu kurz geratenen Körper –, so könnten auch in ihrer Korrespondenz die Kontraste kaum größer sein. Marie-Louises Briefe wirken weitaus lebendiger, farbiger und leidenschaftlicher als die seinen und sparen auch den Alltag und Klatsch nicht aus (an dem Canetti durchaus interessiert war), vor allem aber sind es fast immer wirkliche Sehnsuchts- und Liebesbriefe, während man in seinen Briefen sehr lange nach einer wirklich anrührenden zärtlichen Anwandlung suchen muss. Die gelegentlichen Liebesbekundungen darin wirken seltsam formelhaft und eher wie Gnadenbeweise. Im Grunde kennt Canetti auch in diesen Briefen nur ein einziges Thema, und das lautet: Canetti. Canetti, der Tyrann, der unentwegt Tribut fordert, ob Anerkennung oder Geld, Unterwerfung oder Abstand. Wobei seine Stimmungen so rasch umschlagen wie das Wetter im Gebirge und nur auf seinen Zorn Verlass ist, den Zorn eines ewig beleidigten Gottes.