Historiker Orlando FigesBauernopfer, Soldatensterben

Der britische Historiker Orlando Figes erzählt vom entsetzlichen Vorläufer der Weltkriege: Dem Krimkrieg von 1853 bis 1856 von Jörg Baberowski

Angriff auf Balaklava auf der Krim am 25. Oktober 1854, hier in einem historischen Stich von J J Crewe

Angriff auf Balaklava auf der Krim am 25. Oktober 1854, hier in einem historischen Stich von J J Crewe  |  © Hulton Archive/Getty Images

Von allen Bildern der Gräuel des Krieges, die der Welt je geboten wurden«, berichtete ein Korrespondent der Times am 27. September 1855, »lieferte das Krankenhaus von Sewastopol die herzzerreißendsten und abscheulichsten. Nachdem ich durch eine dieser Türen getreten war, bot sich mir ein Anblick, den wenige Menschen, Gott sei Dank, haben ertragen müssen: die verfaulten und verwesenden Leichen der Soldaten, die man unter extremen Qualen hatte sterben lassen, unbehütet, unversorgt, so dicht aneinandergedrängt, wie man sie hatte verstauen können.«

Niemals zuvor waren in einem europäischen Krieg so viele Menschen in so kurzer Zeit getötet worden, und niemals zuvor hatten Waffen solch verheerende Zerstörungen verursacht. Neun Monate belagerten französische und britische Truppen Sewastopol, danach war die Stadt nur noch ein seelenloses Trümmerfeld. Es gab, wie sich der französische Militärinspekteur Bondurand erinnerte, kein einziges Haus, das von der Artillerie verschont worden war. Mehr als eine halbe Million russische Bauernsoldaten hatten bei dem erbarmungslosen Gemetzel auf der Krim ihr Leben lassen müssen, selbst die überlegenen Angreifer ließen 120.000 Männer auf dem Schlachtfeld zurück.

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All das ist vergessen worden, weil sich nach den Vernichtungskriegen des 20. Jahrhunderts die Maßstäbe verschoben haben. Für die Zeitgenossen aber war das, wovon wir nichts mehr wissen, ein Ereignis von großer Bedeutung. Jedermann spürte, schreibt der britische Historiker Orlando Figes, dass nach dem Krimkrieg nichts mehr so sein würde wie zuvor. Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen Europas war zerrüttet, die konservative Allianz der Imperien zerbrochen und das Osmanische Reich zu einem Verbündeten Englands und Frankreichs geworden. Erstmals hatten europäische Staaten Partei für einen islamischen Staat ergriffen. Deshalb empfanden Russlands Eliten die Niederlage der zarischen Armee im Krimkrieg nicht nur als eine militärische, sondern auch als eine symbolische Demütigung.

Kein einziges christliches Land war ihnen im Kampf gegen die Türkei zu Hilfe geeilt. Niemals zuvor hatten die Heere des Zaren sich auf eigenem Territorium geschlagen geben müssen. Kein Krieg konnte im Zeitalter der Wehrpflichtarmeen und der industriellen Revolution ohne professionelle Soldaten und überlegene Technik gewonnen werden. Russlands Streitkräfte wurden von unfähigen Salonoffizieren geführt, die nicht Soldaten, sondern Sklaven kommandierten und bedenkenlos in den Tod schickten. Franzosen und Briten hatten Zehntausende Soldaten mit der Eisenbahn und auf dem Seeweg auf weit entfernte Schlachtfelder geschafft, und erstmals hatte die Technik über die Zahl der Soldaten gesiegt. Die Belagerung Sewastopols nahm den industrialisierten Schützengrabenkrieg von 1914 an vorweg, in dem Soldaten der zerstörerischen Kraft der Technik ohnmächtig ausgeliefert waren.

Figes beschreibt das Sterben und Leiden der Soldaten auf beiden Seiten in einer Sprache, die ihre Wirkungen nicht verfehlt. Sein Buch bedeutet keine neue Forschungsleistung, doch seine Sprache erzeugt Bilder, die man nicht wieder vergisst, und vermittelt dem Leser das Gefühl, Teil des Geschehens zu sein. Schon die Zeitgenossen konnten lesen, was Figes erzählt. Denn der Krieg auf der Krim war im Westen Europas auch ein mediales Ereignis. Korrespondenten berichteten von den Schlachten, von den Zerstörungen, von Heldentaten und vom Versagen der Offiziere, die ihre Soldaten zu Zehntausenden in den Tod schickten. Wenigstens in Großbritannien mussten sich Politiker und Generäle im Licht der Öffentlichkeit bewähren, jeder Fehler konnte ihnen nunmehr zum Verhängnis werden. Russlands Krieg hingegen fand ohne Öffentlichkeit statt, der Zar und seine Generäle hatten auf niemanden Rücksicht zu nehmen als auf sich selbst.

Aber für diese Freiheit musste die Regierung des Zaren einen Preis zahlen: Sie wurde ein Opfer ihrer eigenen Geheimnisse und verzichtete auf die Mobilisierung der Gesellschaft für die Belange des Krieges. Am Ende, als die Niederlage unabwendbar geworden war, setzte sich auch in St. Petersburg die Einsicht durch, dass nicht der Mut der Soldaten, sondern die Organisation des Krieges über Sieg und Niederlage entschied. Die großen Reformen Alexanders II., die Russlands Bauern aus der Sklaverei befreiten und die Autokratie in einen modernen Staat verwandelten – sie wären ohne die militärische Katastrophe nicht denkbar gewesen.

Leserkommentare
  1. Der bildliche "Vorläufer" des Romans in exakt der grausamen Darstellungsweise ist im Sewastopol-Panorama, einem riesigen Rundbild, zu bestaunen. Entstanden bereits vor dem Ersten Weltkrieg (!) 1902 von Franz A. Roubaud.
    Man müsste eben hin...

    • colca
    • 05. Dezember 2011 16:21 Uhr

    Der von mir sehr geschätzte Herr Baberowski hat in seinem Artikel eine interessante Parallele zur Gegenwart gezogen:

    "Ein Krieg gegen den Zaren würde ein Krieg für die Werte der freien Welt sein, für die englischen Werte des Fair Play, der Gewaltenteilung und des freien Handels. Russland wurde in der Presse so lange als Antipode der westlichen Welt präsentiert, bis auch die politischen Entscheidungsträger nichts mehr anderes glauben mochten."

    Tja, die mediale Kriegsvorbereitung der Angelsachsen ist seit 150 Jahren die gleiche geblieben. Wenn wir Fair Play durch Menschenrechte und Russland durch Iran oder einen anderen, beliebigen Feind der Saison ersetzen, dann klingt das wie ein aktuelles Zitat des State Departements.
    So austauschbar wie die Feinde sind natürlich auch die Freunde des angelsächsischen Imperiums. Wurde der Krimkrieg noch für das Osmanische Reich geführt (um die Russen vom Bosporus fern zu halten), so griffen die Freunde von einst um so beherzter zu, als es 1918 daran ging, den Leichnam des Imperiums aufzuteilen.

    Allen vermeintlichen Allierten, Freunden und Schutzbefohlenen der USA/GB muss das klar sein - sie sind saisonalen Schwankungen ihres Bündniswertes unterworfen, sie schulden Loyalität, dürfen aber keine erwarten, sie sind austauschbar und können sogar bei Bedarf zum Feind umdeklariert werden.

    Ach übrigens - von allen europäischen Großmächten verhielt sich nur eine im Krieg neutral:
    Das angeblich so militaristische und kriegerische Preußen.

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    über die Wege zu den Weltkriegen und diese erschreckende Parallele zur angeblichen Verteidigung westlicher, freiheitlicher Werte gegenüber dem "archaischen Islam" und "bösen Iran" wäre dringend erforderlich, damit es nicht Wege zu einem weiteren Weltkrieg werden.

    Macht und Wirtschaftsinteressen waren immer schon die "Vernunftgründe" für Kriege.

    Die eitlen Eliten sonnen sich so gern im trügerischen Heiligenschein ihrer moralischen Überlegenheit, dass sie sich zur Kriegsteiberei benutzen lassen.

    Mir kamen ähnliche Gedanken bei der Lektüre des Textes. 1:1 wiederholt sich dasselbe Spiel heute alle paar Monate. Die Leichenberge im Namen des Fortschrittlichen stinken unverändert vor sich hin.

    • ovozim
    • 05. Dezember 2011 18:42 Uhr

    Ich mache da eine versteckte Botschaft aus, die hier nichts zu Sache tut. Das europäische Machtgleichgewicht war der Primat europäischer Diplomatie. Knallhartes Kalkül, darauf war Verlass - nicht das blinde Ehrgefühl, das in die Urkatastrophe führte. Das Vakuum das mit einem Zusammenbruch vom kranken Mann am Bosporus entstanden wäre, hätte den bis 1914 währenden großen europäischen Frieden gefährdet, mit Russland als Supermacht.

    Nicht nur das Soldatensterben (das sich ja sechs Jahre später in Amerika wiederholt) war ein Teil der Vorgeschichte zur "Urkatastrophe", sondern die Bedeutung der Bündnisdiplomatie für den Frieden. Ihr Scheitern leitet den Abstieg Europas ein. Würde mich interessieren, ob das Buch auf diese Punkte (Überschrift) eingeht. Und wie es das tut.

    "Das angeblich so militaristische und kriegerische Preußen."

    als jene, die Preussen militaristische und kriegerische Staatsmaschine belegen, welche das Individuum zu einer Staatsfunktion machte,
    und welche in direkter Linie zum NS-Staat führte.

    Das dürfte wohl eine besondere Art von Geschichtsbuch sein, da Sie ja auch schon andernorts von nur "angeblichen" Völkermorden schwadronierten,
    welche immer nur die Kriegsverlierer begangen haben sollen - und welche 1945/46 in Nürnberg verhandelt wurden.

  2. In Wien fürchtete man vielleicht die russische Expansion, aber der Text weist dem Zaren auch die österreichische Verantwortung für die russischen Interventionen im habsburgischen Ungarn implizit zu. Diese fanden auf Wunsch der existenziell gefährdeten Dynastie in Wien statt. Und warum ein spätabsolutistischer Herrscher wie Kaiser Franz Joseph sich an der russischen Autokratie hätte stören sollen (einmal abgesehen vom preußischen König oder dem Sultan!), wie es angeblich ganz Europa getan hat, ist unerklärlich.

  3. über die Wege zu den Weltkriegen und diese erschreckende Parallele zur angeblichen Verteidigung westlicher, freiheitlicher Werte gegenüber dem "archaischen Islam" und "bösen Iran" wäre dringend erforderlich, damit es nicht Wege zu einem weiteren Weltkrieg werden.

    Macht und Wirtschaftsinteressen waren immer schon die "Vernunftgründe" für Kriege.

    Die eitlen Eliten sonnen sich so gern im trügerischen Heiligenschein ihrer moralischen Überlegenheit, dass sie sich zur Kriegsteiberei benutzen lassen.

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  4. Mir kamen ähnliche Gedanken bei der Lektüre des Textes. 1:1 wiederholt sich dasselbe Spiel heute alle paar Monate. Die Leichenberge im Namen des Fortschrittlichen stinken unverändert vor sich hin.

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  5. weil sie ihr Gesicht wahren wollten und weil die Öffentlichkeit (die Mächtigen dieser Welt)danach verlangte, ein Exempel zu statuieren.......erinnert mich an die Kriegsgefahr heute mit dem Iran.

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    • ovozim
    • 05. Dezember 2011 18:42 Uhr

    Ich mache da eine versteckte Botschaft aus, die hier nichts zu Sache tut. Das europäische Machtgleichgewicht war der Primat europäischer Diplomatie. Knallhartes Kalkül, darauf war Verlass - nicht das blinde Ehrgefühl, das in die Urkatastrophe führte. Das Vakuum das mit einem Zusammenbruch vom kranken Mann am Bosporus entstanden wäre, hätte den bis 1914 währenden großen europäischen Frieden gefährdet, mit Russland als Supermacht.

    Nicht nur das Soldatensterben (das sich ja sechs Jahre später in Amerika wiederholt) war ein Teil der Vorgeschichte zur "Urkatastrophe", sondern die Bedeutung der Bündnisdiplomatie für den Frieden. Ihr Scheitern leitet den Abstieg Europas ein. Würde mich interessieren, ob das Buch auf diese Punkte (Überschrift) eingeht. Und wie es das tut.

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  6. "Das angeblich so militaristische und kriegerische Preußen."

    als jene, die Preussen militaristische und kriegerische Staatsmaschine belegen, welche das Individuum zu einer Staatsfunktion machte,
    und welche in direkter Linie zum NS-Staat führte.

    Das dürfte wohl eine besondere Art von Geschichtsbuch sein, da Sie ja auch schon andernorts von nur "angeblichen" Völkermorden schwadronierten,
    welche immer nur die Kriegsverlierer begangen haben sollen - und welche 1945/46 in Nürnberg verhandelt wurden.

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