Von allen Bildern der Gräuel des Krieges, die der Welt je geboten wurden«, berichtete ein Korrespondent der Times am 27. September 1855, »lieferte das Krankenhaus von Sewastopol die herzzerreißendsten und abscheulichsten. Nachdem ich durch eine dieser Türen getreten war, bot sich mir ein Anblick, den wenige Menschen, Gott sei Dank, haben ertragen müssen: die verfaulten und verwesenden Leichen der Soldaten, die man unter extremen Qualen hatte sterben lassen, unbehütet, unversorgt, so dicht aneinandergedrängt, wie man sie hatte verstauen können.«

Niemals zuvor waren in einem europäischen Krieg so viele Menschen in so kurzer Zeit getötet worden, und niemals zuvor hatten Waffen solch verheerende Zerstörungen verursacht. Neun Monate belagerten französische und britische Truppen Sewastopol, danach war die Stadt nur noch ein seelenloses Trümmerfeld. Es gab, wie sich der französische Militärinspekteur Bondurand erinnerte, kein einziges Haus, das von der Artillerie verschont worden war. Mehr als eine halbe Million russische Bauernsoldaten hatten bei dem erbarmungslosen Gemetzel auf der Krim ihr Leben lassen müssen, selbst die überlegenen Angreifer ließen 120.000 Männer auf dem Schlachtfeld zurück.

All das ist vergessen worden, weil sich nach den Vernichtungskriegen des 20. Jahrhunderts die Maßstäbe verschoben haben. Für die Zeitgenossen aber war das, wovon wir nichts mehr wissen, ein Ereignis von großer Bedeutung. Jedermann spürte, schreibt der britische Historiker Orlando Figes, dass nach dem Krimkrieg nichts mehr so sein würde wie zuvor. Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen Europas war zerrüttet, die konservative Allianz der Imperien zerbrochen und das Osmanische Reich zu einem Verbündeten Englands und Frankreichs geworden. Erstmals hatten europäische Staaten Partei für einen islamischen Staat ergriffen. Deshalb empfanden Russlands Eliten die Niederlage der zarischen Armee im Krimkrieg nicht nur als eine militärische, sondern auch als eine symbolische Demütigung.

Kein einziges christliches Land war ihnen im Kampf gegen die Türkei zu Hilfe geeilt. Niemals zuvor hatten die Heere des Zaren sich auf eigenem Territorium geschlagen geben müssen. Kein Krieg konnte im Zeitalter der Wehrpflichtarmeen und der industriellen Revolution ohne professionelle Soldaten und überlegene Technik gewonnen werden. Russlands Streitkräfte wurden von unfähigen Salonoffizieren geführt, die nicht Soldaten, sondern Sklaven kommandierten und bedenkenlos in den Tod schickten. Franzosen und Briten hatten Zehntausende Soldaten mit der Eisenbahn und auf dem Seeweg auf weit entfernte Schlachtfelder geschafft, und erstmals hatte die Technik über die Zahl der Soldaten gesiegt. Die Belagerung Sewastopols nahm den industrialisierten Schützengrabenkrieg von 1914 an vorweg, in dem Soldaten der zerstörerischen Kraft der Technik ohnmächtig ausgeliefert waren.

Figes beschreibt das Sterben und Leiden der Soldaten auf beiden Seiten in einer Sprache, die ihre Wirkungen nicht verfehlt. Sein Buch bedeutet keine neue Forschungsleistung, doch seine Sprache erzeugt Bilder, die man nicht wieder vergisst, und vermittelt dem Leser das Gefühl, Teil des Geschehens zu sein. Schon die Zeitgenossen konnten lesen, was Figes erzählt. Denn der Krieg auf der Krim war im Westen Europas auch ein mediales Ereignis. Korrespondenten berichteten von den Schlachten, von den Zerstörungen, von Heldentaten und vom Versagen der Offiziere, die ihre Soldaten zu Zehntausenden in den Tod schickten. Wenigstens in Großbritannien mussten sich Politiker und Generäle im Licht der Öffentlichkeit bewähren, jeder Fehler konnte ihnen nunmehr zum Verhängnis werden. Russlands Krieg hingegen fand ohne Öffentlichkeit statt, der Zar und seine Generäle hatten auf niemanden Rücksicht zu nehmen als auf sich selbst.

Aber für diese Freiheit musste die Regierung des Zaren einen Preis zahlen: Sie wurde ein Opfer ihrer eigenen Geheimnisse und verzichtete auf die Mobilisierung der Gesellschaft für die Belange des Krieges. Am Ende, als die Niederlage unabwendbar geworden war, setzte sich auch in St. Petersburg die Einsicht durch, dass nicht der Mut der Soldaten, sondern die Organisation des Krieges über Sieg und Niederlage entschied. Die großen Reformen Alexanders II., die Russlands Bauern aus der Sklaverei befreiten und die Autokratie in einen modernen Staat verwandelten – sie wären ohne die militärische Katastrophe nicht denkbar gewesen.